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Aus: Ausgabe vom 13.08.2020, Seite 15 / Medien
Blockadebrecher

Piratensender im Friedenskampf

Radiogeschichte(n): 1991 funkten zwei Sender in Deutschland gegen den Golfkrieg
Von André Scheer
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»Kein Blut für Öl«: Piratensender schufen auch hierzulande Gegenöffentlichkeit angesichts der US-Kriege gegen Irak (im Bild: zerstörter »T-62«-Panzer der irakischen Armee, 2.4.1991)

Im Januar 1991 begann der Golfkrieg. Um Kuwait zu »befreien«, zerbombten die USA und ihre Verbündeten den Irak. Für viele Menschen hierzulande war das ein böses Erwachen aus einem kurzen Traum. War nach dem »Mauerfall« und dem Ende der Blockkonfrontation in Europa doch von einer »Friedensdividende« die Rede gewesen. Doch kein halbes Jahr nach der umjubelten »Wiedervereinigung« war wieder Krieg – und Hunderttausende gingen dagegen auf die Straße.

Die großen Massenmedien machten sich zu Sprachrohren der Kriegstreibenden, in den Truppen »eingebettete« Reporter sprachen gesiebte Informationen in die Kameras, CNN zeigte Leuchtstreifen am Nachthimmel über Bagdad – Krieg im Stil eines Computerspiels. Doch es gab Widerspruch: auf Flugblättern, in alternativen Zeitungen – und im Radio. Auf Kurzwelle 7290 kHz sagte ein namentlich nicht genannter Sprecher Anfang Februar 1991: »Wir hatten uns schon der Hoffnung hingegeben, in die Köpfe der Weltpolitiker sei mit der Ost-West-Entspannung ein bisschen mehr Vernunft eingezogen, und vertrauten darauf, dass die Eskalation der Gewalt nicht mehr zwangsläufig ist – ein Trugschluss.« Der Radiosender Peace in Action (PIA) versuchte mit monatlichen Sendungen als »internationales Radioprojekt von Frauen und Männern für alle Menschen« die faktische Zensur zu durchbrechen.

Neben Kommentaren zum aktuellen Geschehen und Antikriegstexten etwa von Erich Fried spielte PIA Musik, die von den anderen deutschen Rundfunksendern als »unpassend« aus dem Programm verbannt worden war. So wollte der norddeutsche Kommerzfunk Radio Schleswig-Holstein nicht einmal mehr Nenas »99 Luftballons« spielen – bei PIA liefen derweil »We Shall Overcome« und John Lennons »Give Peace a Chance«. Auch nach Ende der Kampfhandlungen setzte Peace in Action seine Sendungen zunächst monatlich fort, dann immer unregelmäßiger. Letztlich hielt man rund drei Jahre durch.

PIA wurde als Kurzwellensender allerdings nur wenigen Enthusiasten bekannt. Spektakulärer war da das Agieren eines anderen Piratensenders. In Köln überlagerte Radio Back Datt immer montags und freitags um 18 Uhr das Programm von SWF 3 und verbreitete in den jeweils nur wenige Minuten langen Sendungen Termine von Aktionen der Friedensbewegung, Berichte von gelaufenen Demos und Kommentare über das Agieren der Polizei.

Die Musikwelle des Südwestfunks aus Rheinland-Pfalz hatten sich die Piraten ausgesucht, weil sie auch in Köln vor allem bei jüngeren Hörern beliebt, das Signal aber schwächer als das des WDR war. So war das Programm für einen Piratensender leichter zu überlagern. »Ärgerlich und bitter« fand das der damalige SWF-Pressesprecher Horst Walker. »Schlimm finde ich, dass die Chaoten besonders die Nachrichtensendungen stören.« Die Post machte mit ihren Peilwagen Jagd auf die Schwarzfunker, bekamen sie jedoch nicht zu fassen: »Die senden höchstens vier Minuten, außerdem wechseln sie ständig den Standort«, beklagte ein Behördensprecher.

Mit dem Ende der Antikriegsproteste verschwand Radio Back Datt aus dem Äther. Doch man hatte ein Beispiel gegeben – und nur ein Jahr später kopierte ein anderer Piratensender das Modell. Auch Radio Karies überlagerte zeitweilig die Frequenz von SWF 3 und rief zu Aktionen gegen Rassismus und Polizeigewalt auf. Im April 1992 berichtete Karies, dass in Spanien die Polizei auf Menschen geschossen habe, die gegen die Weltausstellung in Sevilla protestierten. Die Hörer wurden aufgerufen, beim spanischen Konsulat in Bonn anzurufen und um weitere Informationen zu bitten. Prompt sah sich der SWF gezwungen, ein Dementi zu senden. Es habe sich um die Mitteilung eines »Störsenders« gehandelt, der Südwestfunk habe nichts damit zu tun.

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