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Aus: Ausgabe vom 11.08.2020, Seite 3 / Ausland
Arktis

Wettrennen um Arktis

Temperaturen am Nordpol steigen und sorgen für Eisschmelze. Großmächte wollen sich daraus ergebende Vorteile sichern
Von Jörg Kronauer
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Russlands schwimmendes Kernkraftwerk Akademik Lomonossow und der Schlepper Dikson fahren entlang der Nordostpassage (Murmansk, 23.8.2019)

In der Arktis steigen die Temperaturen: Am 24. Juli kletterte das Thermometer in Longyearbyen, der größten Ortschaft der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen, auf 21,7 Grad Celsius. So warm war es dort, 1.300 Kilometer vom Nordpol entfernt, noch nie. Normal wären zu dieser Jahreszeit fünf bis acht Grad. Schon zuvor, am 20. Juni, waren in der Stadt Werchojansk im Nordosten Russlands 38 Grad festgestellt worden, die höchste jemals nördlich des Polarkreises gemessene Temperatur.

Kein Wunder, dass das Alfred-Wegener-Institut Ende Juli meldete, die Ausdehnung der Eisfläche in der Arktis sei im Juli auf »historischem Tiefstand« angelangt: Mit nur noch sechs Millionen Quadratkilometern liege sie 16 Prozent unter dem ohnehin bereits niedrigen Mittelwert der Jahre 2013 bis 2019. Der Klimawandel schlägt zu – und der Arktis bringt er zusätzlich zu gravierenden ökologischen Problemen ein weiteres: einen sich schrittweise zuspitzenden Einflusskampf der Großmächte.

Denn das Schmelzen des arktischen Eises hat Folgen von erheblicher geopolitischer Bedeutung. Zum einen gibt es sukzessive den Zugriff auf wertvolle Rohstofflagerstätten frei. Zum anderen öffnet es neue Seewege: vor allem die Nordostpassage, die Ostasien entlang der russischen Nordküste mit Nordeuropa verbindet, und in bislang geringerem Maß die Nordwestpassage, die von der nordamerikanischen Ostküste nördlich an Kanada und Alaska vorbei ebenfalls bis Ostasien führt.

Die Nordostpassage wird inzwischen in ersten Ansätzen für den Handel genutzt. Rund 20 bis 30 Frachtschiffe pro Jahr legen gegenwärtig die gesamte Transitstrecke zwischen Ostasien und Nordeuropa zurück. Hinzu kommt eine erheblich höhere Zahl an Schiffen, die Güter, darunter nicht zuletzt Flüssiggas, aus nordrussischen Häfen etwa nach China transportieren.

Strategen haben dabei die langfristige Entwicklung im Visier. Einige vermuten, die gesamte Arktis könne möglicherweise schon ab 2030 im Spätsommer komplett eisfrei sein. In zehn, vielleicht auch in 20 oder 30 Jahren werde man dann für den Handel zwischen Ostasien und Europa die Nordostpassage anstatt der heute noch alternativlosen – deutlich längeren – Route durch die Straße von Malakka, den Indischen Ozean und den Suezkanal nutzen können, lautet die Prognose.

Die Nutzung der Nordostpassage wäre vor allem für China interessant. Sie spart gegenüber der üblichen Route durch den Indischen Ozean nicht nur Zeit, sondern umgeht auch heikle Nadelöhre wie die Straße von Malakka oder den Suezkanal, bei denen Beijing damit rechnen muss, dass die Vereinigten Staaten sie im Konfliktfall sperren. Die Volksrepublik hat daher Anfang 2018 ihre Seidenstraßenstrategie ausgeweitet und fördert seitdem neben dem Ausbau der Landrouten Richtung Westen und der Seewege durch den Indischen Ozean auch den Bau von Infrastruktur und die Durchführung von Handelstestfahrten entlang der Nordostpassage – unter dem Schlagwort »Polare Seidenstraße«.

Schon zuvor hatten chinesische Konzerne begonnen, in Bergbauprojekte in Grönland zu investieren. Das zu Dänemark gehörende Autonomiegebiet könnte sozusagen der Endpunkt der Polaren Seidenstraße werden. Auch mit dem Arktis-Anrainer Island kooperiert die Volksrepublik schon seit Jahren recht eng: Bereits 2013 schlossen die beiden Länder ein Freihandelsabkommen – Chinas erstes Freihandelsabkommen mit einem europäischen Staat.

Auch Russland weitet seine Aktivitäten in der Arktis spürbar aus. Die Öffnung der Nordostpassage bietet Entwicklungschancen für die riesigen Gebiete an der russischen Nordküste, die einen erheblichen Teil der russischen Rohstoffvorräte beherbergen. Die Regierung in Moskau hat im März ein weit ausgreifendes Strategiepapier vorgelegt, das die Erschließung der russischen Arktis bis ins Jahr 2035 skizziert. Im Zentrum steht der Ausbau der Rohstoffförderung, der mit einer gewissen Industrialisierung und einer stärkeren Besiedlung der Region einhergehen soll.

In Moskau ist für die kommenden 15 Jahre von möglichen Investitionen in der russischen Arktis im Wert von rund 215 Milliarden Euro die Rede. Weil das Abschmelzen des Eises die russische Nordküste allerdings auch angreifbar macht, baut Russland seine militärische Präsenz in der Arktis systematisch aus. Schließlich bekommt es, so formulierte es die vom Kanzleramt finanzierte Stiftung Wissenschaft und Politik kürzlich, »gewissermaßen neue Außengrenzen, die es vor einem potentiellen Aggressor zu schützen gilt«.

Die Tatsache, dass China und Russland in der Arktis neue Aktivitäten entfalten und dort Einfluss gewinnen, ruft die Vereinigten Staaten auf den Plan. »Die Region ist eine Arena der globalen Mächtekonkurrenz geworden«, behauptete US-Außenminister Michael Pompeo am 6. Mai 2019 in einer Rede vor dem Arktischen Rat. »Das ist der Zeitpunkt für Amerika, als arktische Nation aufzutreten.«

Doch Pompeo stieß mit seiner Rede auf Empörung: Der Arktische Rat widmet sich Themen wie Umweltschutz und Klimawandel und spart außen- und militärpolitische Debatten mit dem Ziel, einen offenen Machtkampf um die Arktis zu verhindern zu wollen, eigentlich dezidiert aus. Den US-Außenminister störte das nicht im geringsten: »Wir treten«, verkündete er, »in eine neue Ära strategischen Engagements in der Arktis ein«. Einen Monat nach seinem Auftritt, im ­Juni 2019, publizierte das Pentagon eine Arktis-Strategie. Im Juli dieses Jahres hat das nun auch die U.S. Air Force getan. Selbst wenn aus Trumps Vorstoß, Grönland von Kopenhagen einfach wegzukaufen, nichts geworden ist: Die Militarisierung der Arktis schreitet ­voran.

Hintergrund: Bodenschätze

Das Abschmelzen der Eismassen in der Arktis ermöglicht in zunehmendem Maß den Abbau von Bodenschätzen, die bisher noch nicht wirtschaftlich gefördert werden konnten. Es handelt sich um Rohstoffe aller Art. Eine besondere Bedeutung besitzen die arktischen Erdöl- und Erdgasvorräte.

Bereits heute finden rund zehn Prozent der globalen Öl- und rund 25 Prozent der globalen Gasförderung in arktischen Regionen statt, zum größten Teil in Sibirien und in Alaska. Der U. S. Geological Survey geht davon aus, dass etwa 13 Prozent aller noch nicht erkundeten Öl- und etwa 30 Prozent aller noch nicht erkundeten Gasvorräte nördlich des Polarkreises lagern – zumeist wohl unter dem Meeresboden, wobei die Wassertiefe weniger als 500 Meter beträgt. Was das Erdgas anbelangt, dürfte das meiste unter russischen Gewässern zu finden sein, schätzt die US-Behörde.

Bislang sind echte Durchbrüche allerdings ausgeblieben. Im September 2015 stellte der niederländisch-britische Energiekonzern Shell ein sieben Milliarden US-Dollar schweres Förderprojekt in der Tschuktschensee nordwestlich von Alaska ein, denn die Ergebnisse entsprachen den hochgesteckten Hoffnungen nicht. Shell gab sich allerdings überzeugt, dass unter der Tschuktschensee prinzipiell große Lagerstätten zu finden seien und sie sogar »strategische Bedeutung für Alaska und die USA« hätten.

Der US-Ölkonzern Exxon Mobil wiederum musste ein strategisch bedeutendes Ölförderprojekt, das er gemeinsam mit dem in Moskau ansässigen Unternehmen Rosneft in der russischen Arktis gestartet hatte, einstellen: Die Russland-Sanktionen, die die USA und die EU 2014 gemeinsam beschlossen hatten, erlaubten zwar die Fortsetzung deutscher Erdgasprojekte in Sibirien, verboten aber die Zusammenarbeit bei der High-Tech-Erdölförderung, wie sie in arktischen Gefilden stattfindet. Dafür beteiligt sich inzwischen China an der Förderung von Erdgas an Land im hohen Norden Sibiriens – ein weiterer Schritt hin zur russisch-chinesischen Arktis-Kooperation. (jk)

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