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Aus: Ausgabe vom 10.08.2020, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Auf der Suche nach dem Aha-Effekt

Ein neuer Stil, der neugierig macht: Federico Garcia Lorcas »Bluthochzeit« beim Theatersommer Netzeband
Von Sigurd Schulze
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Mehr Licht! Die tollen Masken und Kostüme bleiben beim Theatersommer Netzeband leider im (Halb-)Dunkeln

Seit 25 Jahren kennt man den Ort Netzeband im Nordwesten Brandenburgs für sein außergewöhnliches Synchrontheater-Maskenspiel. Dabei agieren Schauspieler stumm mit Masken, die Dialoge werden zuvor aufgezeichnet und kommen vom Band. Es ist ein besonderer Kniff, den man erlebt haben muss: Die von Lautsprechern übertragenen Stimmen befördern das Maskenspiel mit großer Gestik außerordentlich. Das Verfahren ist eine Erfindung des Regisseurs Jürgen Heidenreich, dessen Methode zum Markenzeichen des Theatersommers wurde. Um das auf der Bühne zu sehen, kommen die Zuschauer von nah und fern.

In Netzeband sorgten die Pandemiebedingungen für weniger Probleme als anderswo. Der Hang unterhalb der Temnitzkirche bildet eine Art Amphitheater. Die »Bühne« ist die Wiese am Fuße des Hügels. Das Verhältnis wurde nun umgekehrt. Gespielt wird auf dem Hang, mit der Kirche als Kulisse, während die Zuschauer auf die Wiese ausweichen – die ist groß genug für die üblichen 400 Sitzplätze, mit vorgeschriebenen Abständen. Es können so viele Leute kommen wie sonst, die Einnahmen bleiben stabil. Ein Vorteil des Synchrontheaters kommt ebenfalls voll zum Tragen: Egal, wie weit man von der Szene entfernt ist, der Ton aus den Lautsprechern erreicht jeden. Die Premiere war ausverkauft.

Gespielt wird heuer die lyrische Tragödie »Bluthochzeit« von Federico Garcia Lorca, uraufgeführt 1933 in Madrid. Vorlage für Lorcas Stück war ein Mordfall, der sich 1928 in einem andalusischen Dorf ereignet hatte. Eine Braut war mit ihrem Geliebten vor der Hochzeit geflohen, doch der wurde von einem Maskierten erschossen. Der gehörnte Bräutigam leugnete jede Beteiligung. Beschuldigt wurde – wer sonst? – die junge Frau.

Diese Geschehnisse inspirierten Lorca zu einem Stück, in dem die Grausamkeit der jahrhundertealten Sitten gegeißelt wird, in denen Ehre und Blutrache ungeschriebene Gesetze sind. Auch hier flieht die Braut mit ihrem Geliebten. Sie werden verfolgt und gefangen, Bräutigam und Geliebter erstechen einander, die Braut »bewahrt« ihre Ehre als Witwe. Um diese Fabel entwickelt der Dichter die Beziehungen der Familien, die in alter Feindschaft gefangen sind und für welche die Sittlichkeit einer Frau ein Teil der Ehre des Mannes ist. Auch die ökonomischen Ursachen der Konflikte werden offenbar – die Unterschiede von Arm und Reich, die sozialen Abhängigkeiten und Unvereinbarkeiten. Mit dem Aufbegehren der Braut bringt Lorca das Recht auf weibliche Selbstbestimmung auf die Bühne – eine Anklage der unerträglichen sozialen Verhältnisse in der spanischen Gesellschaft. Wegen seiner republikanischen Gesinnung wurde Lorca von den Francofaschisten verfolgt und im August 1936 ermordet.

Regie führt in Netzeband zum ersten Mal Herbert Olschok, langjähriger Schauspieldirektor in Weimar, Chemnitz und Dessau. Olschok lässt die Schauspieler trocken, beherrscht, aber in ihren Ausbrüchen vehement spielen. Die Andeutungen andalusischer Tänze sind streng stilisiert, ein Schwelgen in Folklore wird bewusst vermieden. Wie immer ist es ein großes Vergnügen, Berufs- und Laienschauspieler auf gleichem Niveau spielen zu sehen. Von 21 Darstellern sind sechs Profis. Die Mehrheit sind Jugendliche aus Netzeband und der Ostprignitz, Menschen, die aus Spielfreude am Theatersommer teilhaben. Fast durchweg neu ist das Regie-, Bühnenbild- und Technikteam. Ein Gewinn ist die Maskenbildnerin Ulrike Alexandra Pommenering. Ihre Masken sind streng, zerfurcht, vergrämt – Gesichter schwer arbeitender Bauern. Sie erinnern an die Masken, die Brecht für den »Kaukasischen Kreidekreis« fertigen ließ, allerdings mit einem bedeutenden Unterschied – Brecht nutze Halb-, hier spielt man mit Vollmasken. Ein neuer Stil, der neugierig macht. Leider war die Bühne nicht gut genug ausgeleuchtet, um die Schönheit der Masken und Kostüme gebührend bewundern zu können. Die Dialoge in der Neuübersetzung von Karina Gomez-Montero sind von poetischer Schönheit und Volkstümlichkeit. Berührend ist die Begeisterung der Schauspieler, wenn sie am Schluss ihre Masken ablegen.

Mit »Bluthochzeit« bringt der künstlerische Leiter des Theatersommers, Frank Matthus, einen modernen Klassiker auf die Bühne, der eine tragische Geschichte aus einer uns heute fremden und fernen Welt erzählt. Wenn es im Programmheft heißt, dass »der Konflikt zwischen individuellem Glücksstreben und gesellschaftlichen Zwängen bis heute nichts von seiner Bedeutung eingebüßt hat«, wirkt das weit hergeholt. Der Zuschauer wird von der Tragödie gefesselt, aber ihre Bedeutung bleibt sehr abstrakt in einem Umfeld, das von der Härte der kapitalistischen Gesellschaft mit völlig anderen Zwängen – Sorge um Bildung, Arbeit, Gesundheit – belastet ist. Eine Reflexion des eigenen Lebens auf dem Theater bleibt in Netzeband noch immer aus. Das heutige Leben auf dem Brandenburger Land wäre doch ein verlockender Gegenstand. Stücke von Heiner Müller, Erwin Strittmatter, Peter Hacks, Rudi Strahl oder Helmut Baierl böten sich an. Netzeband lebt vom Aha-Effekt. Sein Publikum erlebt gern Überraschungen.

Nächste Vorstellungen: 14., 15., 21., 22., 28. und 29. August, jeweils 20.30 Uhr

Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (10. August 2020 um 02:34 Uhr)
    Es freut mich sehr, dass hier auf den Theatersommer in Netzeband hingewiesen wird! Für unpassend halte ich die Aussage: »Wenn es im Programmheft heißt, dass ›der Konflikt zwischen individuellem Glücksstreben und gesellschaftlichen Zwängen bis heute nichts von seiner Bedeutung eingebüßt hat‹, wirkt das weit hergeholt.« Auch dass »eine tragische Geschichte aus einer uns heute fremden und fernen Welt erzählt« wird, führt den Sinn des Theaters ad absurdum, nämlich unter anderem das Interesse an der Geschichte der kleinen und der großen Welt zu thematisieren. Offensichtlich besteht das individuelle Streben nach (persönlichem/familiärem) Glück fort und wird von verschiedenen Zwängen depraviert. Es muss mir an Realitätssinn mangeln, Entfremdung, Gier und Geiz, Entsolidarisierung und Machtverhältnisse, die Unterordnung erzwingen, als weit hergeholt zu betrachten: Sie sind eine Tatsache.

    Etwas verschroben erscheint mir die These: »Eine Reflexion des eigenen Lebens auf dem Theater bleibt in Netzeband noch immer aus. Das heutige Leben auf dem Brandenburger Land wäre doch ein verlockender Gegenstand. Stücke von Heiner Müller, Erwin Strittmatter, Peter Hacks, Rudi Strahl oder Helmut Baierl böten sich an.« Wie könnten die Werke dieser Autoren zum heutigen Dasein in Brandenburg passen? Außer als »Aha-Effekt« in Netzeband?

    Frank Matthus, dem künstlerischen Leiter des Theatersommers, gelingt es seit vielen Jahren, dieses Phänomen am Leben zu erhalten. Dafür gebühren ihm Hochachtung und ein großes Dankeschön! Als Beweis für sein erstaunliches Engagement nehmen wir doch einmal die Tatsache, dass Netzeband es in diese Zeitung geschafft hat – was wohl nur für sehr wenige Kunstprojekte aus dem fernen Brandenburg gilt.

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