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Aus: Ausgabe vom 10.08.2020, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Komplott und Kitsch

In »Der Schutzengel« ergründet Jérôme Leroy Frankreichs tiefen Staat, aber scheitert an der sozialen Frage
Von Gerd Bedszent
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Merke: Nie am Auftragskiller sparen!

Der französische Autor Jérôme Leroy ist Verfasser mehrerer preisgekrönter und auch in deutscher Übersetzung erschienener Politthriller. In »Der Block« (2017) schildert er den Aufstieg einer rechten Partei in seinem Heimatland Frankreich. »Die Verdunkelten« (2018) ist hingegen eine furiose Abrechnung mit den Machenschaften des französischen Geheimdienstes. Mit seinem kürzlich auch auf Deutsch erschienenen dritten Roman »Der Schutzengel« knüpft der Autor an diese Werke an.

Berthet, ein hochrangiger Agent des französischen Geheimdienstes, soll auf Befehl seiner Vorgesetzten beseitigt werden, weil er für sie zum Sicherheitsrisiko geworden ist. Da infolge neoliberaler Budgetkürzungen nur drittklassige Attentäter beauftragt werden können, misslingt der Anschlag. Berthet taucht unter und beschließt, sich zu rächen. Dabei kommen ihm seine Erfahrungen und Kontakte aus jahrzehntelanger geheimdienstlicher Tätigkeit zugute. Außerdem versucht der Exagent, den geplanten Mord an einer jungen Staatssekretärin mit senegalischen Wurzeln zu verhindern, mit dem gleichzeitig die Rechte diskreditiert und eine unbequeme, aufsteigende Politikerin beseitigt werden soll.

Die dem Buch zugrunde liegende Idee ist offensichtlich, die panische Angst der extremen Rechten Frankreichs vor der Regierungsübernahme durch ein weibliches, intellektuelles und vielleicht auch noch schwarzes Staatsoberhauptes zu glossieren. Das könnte sowohl schön als auch verdienstvoll sein. Doch wie schon in seinen ersten Büchern, blendet Leroy auch in diesem soziale Probleme weitgehend aus. Ansonsten treffend geschilderte politische Entwicklungen erscheinen so als irrational. Auch die Romanfiguren leiden durch das Unterschlagen der sozialen Konfliktlinien, der Autor erklärt ihr Handeln statt dessen mit sexualpsychologischer Motivation. Das mag punktuell durchaus interessant sein, wirkt auf die Dauer jedoch ermüdend. Es macht die Sache nicht besser, dass der Verfasser aus den beiden ersten Romanen bekannte Nebenfiguren in die Handlung eingepflegt hat. Der doch etwas überraschende Schluss des Buches hilft ebenfalls nicht.

Insgesamt gesehen fällt der Roman gegenüber den ersten Werken Leroys deutlich ab und ist nur wegen der eingestreuten sarkastischen Kommentare der Hauptfiguren gut lesbar. Unterm Strich bleibt ein modernes Märchen vom Aschenputtel, das von ganz unten kommend den Sprung nach ganz oben schafft. Und sich dabei eines romantisierenden sowie literaturbeflissenen Berufsmörders bedient, der für seine große Liebe buchstäblich über Leichen geht und schließlich die französische Politik auf den Kopf stellt.

Aus der Idee hätte man eine perfekte Politsatire entwickeln können. Warum es dem Autor nicht gelungen ist, bleibt ein Rätsel. Das von ihm vorgelegte Werk ist auch kein Kriminalroman, als der es im Buchhandel firmiert, sondern ein Thriller, angereichert mit einer gehörigen Portion Kitsch.

Jérôme Leroy: Der Schutzengel. Aus dem Französischen von Cornelia Wend, Edition Nautilus, Hamburg 2020, 352 Seiten, 20 Euro

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