Gegründet 1947 Dienstag, 29. September 2020, Nr. 228
Die junge Welt wird von 2356 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 10.08.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Handelskrieg

Zwischen zwei Stühlen

Niederländischer Chip-Spezialist ASML steht unter Druck: Washington verlangt Exportstopp nach China
Von Gerrit Hoekman
RTS2ZDUF.JPG
Aufbegehren oder sich Washington fügen? Die Chefs von ASLM, Roger Dassen (l.) und Peter Wennink, warten ab (Veldhoven, 22.1.2020)

Vor etwas mehr als zwei Wochen erhielt der niederländische Hightechkonzern ASML in San Francisco den SEMI Americas Award – den höchsten Preis, den ein Unternehmen in der Branche gewinnen kann. Doch nicht alle US-Bürger sind begeistert von den Leistungen der Firma aus der Nähe von Eindhoven: Präsident Donald Trump fährt ihr seit geraumer Zeit in die Parade (siehe jW vom 29. Januar).

ASML hat ein Gerät entwickelt, das mit Hilfe von extremem ultravioletten Licht (EUV) deutlich mehr Informationen auf einen noch kleineren Mikroprozessor packen kann als alle anderen Verfahren. Niemand sonst auf dem Globus baut diese Maschinen, deshalb stehen Kunden aus aller Welt in der Zentrale der Firma in Veldhoven in der südlichen Provinz Noord-Brabant Schlange. »Faktisch kann ASML jeden Preis verlangen, den es will«, kommentierte die Volkskrant am 15. Juli. Im Moment beträgt der Stückpreis für ein EUV-Gerät etwas mehr als 150 Millionen Euro. »Und weil auch die Wartung der Maschinen sehr spezialisiert ist, verdient es daran ebenfalls.«

Mittlerweile kämpft ASML mit Giganten wie Shell und Unilever an der Börse in Amsterdam um die vorderen Plätze. Mit einem Wert von etwa 146 Milliarden Euro gehört das Unternehmen sogar zu den wertvollsten im gesamten Euro-Raum. Und die Niederländer basteln weiter an ihrer Position: Mitte Juli kündigte ASML die Übernahme des mittelständischen, deutschen Betriebs »Berliner Glas« an, der wichtige optische Module herstellt. Die Übernahme soll Ende des Jahres in trockenen Tüchern sein. Die Kaufsumme ist unbekannt.

Auch der chinesische Chiphersteller SMIC wartet sehnsüchtig auf eine dieser Wundermaschinen von ASML. Denn ohne sie ist es mittlerweile kaum noch möglich, auf dem Weltmarkt zu bestehen. Die Bestellung ist schon seit Monaten raus, die Niederländer würden auch zu gerne liefern – aber Trump hat etwas dagegen. Er setzt die Regierung in Den Haag unter Druck, keine Exportgenehmigung für das Geschäft mit China zu erteilen. Mit Erfolg: Ende vergangenen Jahres legte das niederländische Außenministerium die Erlaubnis vorerst auf Eis.

Seitdem herrsche Stillschweigen, berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung am Donnerstag. »Der Stand ist, dass das Außenministerium und ASML im Gespräch über den Genehmigungsantrag sind. Über den Inhalt wird nichts bekanntgegeben«, erfuhr die FAZ aus Den Haag. Der niederländische Botschafter in Beijing, Wim Geerts, bestritt am Sonnabend in einem Interview mit dem Algemeen Dagblad, dass sich die Regierung Mark Rutte unter Druck setzen lasse. »Wir haben als Niederlande unsere eigene Position und laufen nicht hinter dem einen oder anderen hinterher.«

Fakt ist aber: Die niederländische Regierung sitzt in der Klemme. Gibt sie ASML die Exporterlaubnis, macht sie sich Trump zum Feind, verbietet sie das Geschäft mit China, wird das die Beziehungen mit der Volksrepublik verschlechtern. Sollte ASML die EUV-Geräte gleichzeitig aber nach Taiwan liefern, dürfte China das sogar als schwere Beleidigung auffassen.

»Diese Blockade hat viel Aufmerksamkeit in China erregt, weil es ein typisches Beispiel für die Politisierung einer Handelsbeziehung ist«, hatte Xu Hong, der chinesische Botschafter in Den Haag, bereits im Januar in einem Interview mit dem Financieele Dagblad gesagt. Sollten die Niederlande vor den USA buckeln, »wird das die Beziehungen zwischen unseren Ländern außerordentlich negativ beeinflussen«.

Die USA berufen sich auf das Wassenaar-Abkommen von 1996, in dem sich die 40 unterzeichnenden Staaten unter anderem bereit erklären, keine vermeintlich sicherheitsrelevanten Güter zu exportieren. Ob die EUV-Geräte unter das Abkommen fallen, darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen. ASLM argumentiert, dass die Chips auch in Autos, Telefonen und Haushaltsgeräten eingesetzt werden. Letztendlich könnte sich China fertige Chips auch ohne eigenes EUV-Gerät über Dritte besorgen. Der Verweis Washingtons auf die nationale Sicherheit dürfte vorgeschoben sein, in Wirklichkeit geht es um wirtschaftliche Vorteile für US-Unternehmen, getreu der neuen Doktrin »America first«.

ASML, das in den niederländischen Medien schon als »unser Stolz« gefeiert wird, droht das Geschäft mit China durch die Lappen zu gehen. Chef Peter Wennink bleibt jedoch gelassen. »Für unser gesamtes Geschäft macht das nicht wirklich etwas aus«, sagte er am 21. Januar in einem Interview mit Bloomberg Radio. »Irgendwer muss diese Chips machen, und um sie zu produzieren, benötigt man EUV. Und es gibt nur einen Ort, wo man das bekommen kann.« Nämlich in Veldhoven.

Das chinesische Unternehmen SMIC habe anscheinend keine Lust mehr, bis zum Sanktnimmerleinstag zu warten, und versuche das Problem inzwischen selbst zu lösen, berichtete Eindhovens Dagblad am 31. Juli. Der Konzern aus Shanghai habe in diesem Frühjahr für drei Milliarden Dollar Anteile an die Börse gebracht. »So gelingt es SMIC ordentlich in die Forschung und Entwicklung zu investieren«, schlussfolgert Eindhovens Dagblad.

Ähnliche:

  • Wahlsieger Chan Santokhi bei der Stimmabgabe am 25. Mai in Param...
    02.06.2020

    Kurswechsel in Suriname

    Präsident Bouterse verliert laut vorläufigem Endergebnis Wahl zur Nationalversammlung deutlich
  • Begehrtes Objekt: Montage eine Anlage zur Chipproduktion des nie...
    29.01.2020

    Im Zweifel: Verbieten

    Den Haag fürchtet US-Sanktionen: Niederländischer Konzern darf innovative Technologie für Chipfertigung nicht nach China liefern
  • Freude über das erfolgreiche »Going public« bei Prosus-Managern ...
    13.09.2019

    Goldesel Tencent

    In Amsterdam legte am Mittwoch die unbekannte Holding Prosus ein rasantes Börsendebüt hin. Das hatte einen ganz besonderen Grund

Mehr aus: Kapital & Arbeit