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Aus: Ausgabe vom 10.08.2020, Seite 4 / Inland
CDU-Sonderparteitag im Nordosten

Amthors Ersatzmann gewählt

Mecklenburg-Vorpommern: CDU-Landesverband ernennt nach Rückzug des bisherigen Favoriten mit großer Mehrheit Landrat Michael Sack zum Vorsitzenden
Von Kristian Stemmler
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Ziel Staatskanzlei: Die CDU in Mecklenburg-Vorpommern schickt Nochlandrat Michael Sack (r.) ins Rennen um das Amt des Ministerpräsidenten (Schwerin, 22.6.2020)

Auf der Bühne der Landespolitik ist er bisher nicht weiter aufgefallen, doch jetzt steht der Greifswalder Landrat Michael Sack an der Spitze seines Landesverbandes. Die CDU Mecklenburg-Vorpommern hat den gelernten Bauingenieur am Freitag abend auf einem Sonderparteitag in der Sport- und Kongresshalle in Güstrow mit großer Mehrheit zu ihrem neuen Vorsitzenden gewählt. Sack, der keinen Gegenkandidaten hatte, erhielt 94,8 Prozent der Stimmen, wie die Deutsche Presseagentur (dpa) am späten Freitag abend berichtete. Von den rund 150 Delegierten stimmten nur acht gegen ihn.

Der frisch gewählte Landesvorsitzende übte sich in bekannten Ritualen und sorgte mehr als ein Jahr vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, die für den Herbst 2021 angesetzt ist, schon mal für ein wenig Wahlkampfatmosphäre. »Wir wollen zurück in die Staatskanzlei«, rief er unter dem Beifall der Delegierten aus. Als Juniorpartner der SPD bestimmt die Union seit 2006 die Geschicke des Bundeslandes mit. Unter der SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig werde das Land weniger gut regiert, als es aus Sacks Sicht möglich und nötig sei. Er wolle Spitzenkandidat der CDU werden, erklärte Sack laut dpa. Er spiele »nicht auf Platz an dieser Stelle, sondern auf Sieg«.

Der neue Landeschef rief den mehr als 5.000 Mitglieder zählenden Landesverband zudem zu Geschlossenheit auf. »Wir haben eine gute Mannschaft, einen neuen Kapitän und werden das Schiff auf Kurs bringen«, gab er sich betont zuversichtlich. Inhaltlich hob Sack den Kampf gegen das Coronavirus als eine zentrale Aufgabe hervor. In diesem Zusammenhang kritisierte er die Arbeit des Bildungsministeriums. Dessen mangelnde Kompetenz zeige etwa das Hin und Her bei den Schulöffnungen.

Mit der Wahl des Mannes aus der zweiten Reihe beendete der Landesverband eine Zeit der Führungslosigkeit. Zu Jahresbeginn hatte der als Hoffnungsträger geltende Vincent Kokert überraschend die Chefposten in Fraktion und Partei aufgegeben und sich ganz aus der Politik zurückgezogen. Es folgte ein Machtkampf zwischen Justizministerin Katy Hoffmeister und dem Bundestagsabgeordneten Philipp Amthor, der nach wenigen Wochen entschieden war. Hoffmeister verzichtete auf eine Kandidatur, Amthor war der strahlende Sieger.

Doch die Freude des 27 Jahre alten Politikers, der bei einer Wahl jüngster Landesverbandschef in der BRD geworden wäre, hielt nicht lange an. Im März berichtete das Nachrichtenmagazin Spiegel, Amthor lasse sich einen Aufsichtsratsposten in dem New Yorker IT-Unternehmen Augustus Intelligence mit mindestens 2.817 Aktienoptionen vergüten. Amthor beendete nach der Veröffentlichung seine Nebentätigkeit, bezeichnete sie als Fehler und verzichtete Mitte Juni auch auf die Kandidatur für den Landesvorsitz der CDU, juristische Konsequenzen blieben aus.

In dieser Lage hob Parteivize Eckhardt Rehberg, der die Nordost-CDU seit Kokerts Rücktritt kommissarisch führte, Michael Sack als Ersatzmann auf den Schild und lobte ihn über den grünen Klee. Rehberg bescheinigte dem neuen Landesvorsitzenden nach seiner Wahl gute Voraussetzungen für das Amt. Sack habe als langjähriger Bürgermeister und als Landrat des Kreises Vorpommern-Greifswald einen direkten Draht zu den Bürgern und könne wichtige Erfahrungen in die Landespolitik einbringen. Das politische Leben spiele vielleicht in Berlin oder Schwerin, sagte Rehberg, aber »das wahre Leben spielt in den Kommunen vor Ort«.

Den Landesvorstand komplettiert die Stralsunder Landtagsabgeordnete Ann Christin von Allwörden. Sie wurde mit 76,5 Prozent der Stimmen zur Stellvertreterin gewählt. Die bisherige Vizevorsitzende Martina Liedtke hatte aus Protest gegen Rehbergs Alleingang bei der Kandidatenkür ihr Amt zur Verfügung gestellt. Der in Neubrandenburg erscheinende Nordkurier schätzte die Chancen von Sack gegen die wesentlich bekanntere Schwesig am Samstag eher als gering ein. Die Euphorie in der CDU »um den Neuen« habe in den vergangenen Wochen eher überschaubar gewirkt. Es bestehe die Gefahr, so das Blatt, dass hier »ein Politiker mit Talent« von der eigenen Partei im Stich gelassen werde.

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