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Aus: Ausgabe vom 10.08.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Irak Kurdistan

»Der Genozid geht weiter«

Sechs Jahre nach Völkermord an Jesiden durch Dschihadisten im Irak leiden Überlebende an Folgen. Ein Gespräch mit Jan Ilhan Kizilhan
Von Emre Sahin
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Richtung syrisch-kurdische Grenze: Jesiden aus Sindschar fliehen vor dem »Islamischen Staat« (10.8.2014)

Am 3. August haben Jesiden weltweit an den Genozid durch den dschihadistischen sogenannten Islamischen Staat, IS, im irakisch-kurdischen Sindschar (kurdisch: Schingal) erinnert, der vor sechs Jahren begann. Mit Hilfe eines Programms für schutzbedürftige Menschen des Landes Baden-Württemberg haben Sie seit 2014 etwa 1.100 Jesiden, die in IS-Gefangenschaft waren, nach Deutschland geholt und behandelt. Auf welcher Personengruppe lag Ihr Schwerpunkt?

2014, im ersten Anfangsstadium, lag unser Schwerpunkt auf den Frauen, da die meisten Männer vom IS hingerichtet worden waren. Junge Frauen hingegen sind vor allem vergewaltigt und versklavt worden. Weil wir damals nicht wussten, ob die jesidische Gemeinde in Kurdistan bzw. im Irak sie wegen der Vergewaltigungen wieder willkommen heißen würde, mussten wir uns insbesondere um sie kümmern.

Und im Anschluss?

In der Folge haben wir festgestellt, dass Kindersoldaten die zweitgrößte Gruppe unter den besonders Verletzlichen stellen. Sie sind von ihren Eltern getrennt worden und mussten zunächst eine islamische Schulung durchlaufen und jeden Tag mit Predigern den Koran auswendig lernen. Leute, die nicht Arabisch schreiben oder lesen konnten – viele Jesiden sprechen nicht Arabisch –, mussten es lernen.

In einer späteren Phase sind sie an der Waffe ausgebildet worden, aber auch immer unter dem Aspekt der Angst. Der IS drohte ihnen, wenn ihr nicht das tut, was wir euch sagen, bringen wir euch und eure Eltern um. Um ihre Familien zu schützen, sind viele deshalb zum Islam konvertiert. Im letzten Schritt mussten sie selber Menschen köpfen oder haben gesehen, wie diese hingerichtet wurden.

Warum wurden die Jesiden Ziel des IS?

Man muss wissen, dass die Ideologie des IS auf dem Salafismus beruht. Demnach dürfen »Ungläubige«, also Nichtmuslime, in Kriegen in Besitz genommen werden. Jene, die nicht bereit sind zu konvertieren, dürfen getötet werden, wie es bei vielen Männern der Fall war. Nach einem pa­triarchalisch-islamischen Verständnis kann man mit »ungläubigen« Frauen machen, was man will.

Diese wurden vom IS unterteilt in – leider muss ich den Begriff benutzen – »Jungfrauen«, verheiratete und nicht verheiratete Frauen, Frauen mit und ohne Kinder. Anschließend wurden sie auf sogenannte Märkte gebracht, etwa in Tel Afar, Mossul oder in Syrien, und dort verkauft. Auf diesen »Märkten« gab es großes Inter­esse an Jesidinnen. Nicht nur von vor Ort, auch aus Saudi-Arabien, Tunesien, Ägypten und der Türkei kamen Menschen nach Syrien und in den Irak, um diese Frauen zu kaufen. Daher hat man dann auch ältere Jesiden verkauft, um sie als Sklaven in der Landwirtschaft einzusetzen.

Welche gesundheitlichen Folgen haben Sie bei den ehemaligen Gefangenen festgestellt?

Die meisten haben eine posttraumatische Belastungsstörung: Aufgrund eines erlebten Ereignisses, mit dem sie nicht umgehen können, entstehen viele Veränderungen im Gehirn, die sich im Verhalten und in den Emotionen manifestieren. Sie haben vermehrt Alpträume und Erinnerungen an das Trauma, weil sie nicht vergessen können, wie Menschen hingerichtet, wie sie selber gefoltert, ausgehungert oder vergewaltigt wurden.

Es entwickeln sich viele psychische Erkrankungen, auch Depressionen, Angststörungen und körperliche Beschwerden. Die Frauen leiden sehr häufig unter Bauchschmerzen, Unterleibsschmerzen, Rückenschmerzen, und wenn diese in der Folge nicht behandelt werden, können sie chronisch werden. Die Frauen müssen dann ihr ganzes Leben mit diesen Krankheit leben. Viele haben Angst, sind sozial isoliert und verlieren das Vertrauen in den Menschen.

Wir hatten zum Beispiel den Fall eines Kindes, das zu seiner Familie zurückkam. Es hat monatelang nicht mit seiner Mutter gesprochen, und ich habe es nach dem Grund gefragt. Es sagte: »Sie hat mich im Stich gelassen.« Das Urvertrauen der Kinder, die darauf bauen, die hoffen, dass die Eltern ihnen in schwierigen Zeiten helfen, war zerstört. Sie haben gesehen, dass die Eltern dazu nicht in der Lage waren. Die häufigste Frage, die mir Kinder gestellt haben, ist: »Warum sind Menschen so böse? Warum töten Menschen andere Menschen?« Diese Kinder haben leidvoll erfahren, dass die Menschheit ihnen nichts Gutes gebracht hat, also verlieren sie das Vertrauen in den Menschen, weil jederzeit etwas Böses passieren könnte, sie verletzt, entführt oder angegriffen werden könnten.

In einem extremen Fall hatte ein 16jähriges Mädchen nach seiner Befreiung einen Alptraum. Es dachte, der IS stehe vor seinem Flüchtlingszelt und könnte es wieder mitnehmen. Sein einziger Gedanke in diesem Moment war, dass es sich hässlich machen müsse, damit es nicht wieder vergewaltigt werde. Das Mädchen hat Benzin über seinen ganzen Körper geschüttet und sich angezündet. Über 80 Prozent seines Körpers sind verbrannt, und wir mussten es mit einem Spezialflugzeug aus Erbil nach Deutschland bringen, damit es behandelt wird. Wir haben auch einige Fälle von jesidischen Kindern, die die IS-Gehirnwäsche so sehr verinnerlicht haben, dass sie sich als Muslime ausgeben und ihren eigenen Eltern mit dem Tod drohen, weil sie sie für »Ungläubige« halten.

Was ist mit den Kindern, die durch Vergewaltigungen gezeugt wurden?

Die Kinder, deren Mütter Jesidinnen sind, die von Muslimen vergewaltigt wurden, werden aktuell weder von der jesidischen Community noch von der kurdischen Regionalregierung und auch nicht von Bagdad unterstützt, und das ist eine Katastrophe. Die irakische Regierung sagt, unsere Verfassung baut auf der Scharia auf, und wenn der Vater – ob Terrorist oder nicht – Muslim ist, gilt das Kind automatisch als solcher. Radikale Muslime unter den Kurden sehen das ähnlich und wollen nicht, dass diese Kinder von Nichtmuslimen großgezogen werden.

Auch die Jesiden haben da eine schwierige Theorie der Blutsverwandtschaft. Für viele sind diese Kinder keine Jesiden, weil der Vater Muslim ist. Die Kinder und ihre Mütter hängen zwischen allen Fronten. Derzeit behandeln wir zwölf Frauen, die ihre Kinder in Kurdistan gelassen haben, weil das die Bedingung ihrer Familienangehörigen in Deutschland war. Die Frauen dürfen kommen, weil sie weiterhin als Jesidinnen gelten, aber nicht die Kinder.

Jedesmal, wenn ich diese Mütter sehe, weinen sie und sagen: »Ich weiß, dass das Kind von dem Täter ist und was er mir angetan hat, aber es ist auch mein Kind.« Wir haben versucht, sie mit einem Projekt nach Deutschland zu holen. Leider wurde es von der Bundesregierung abgelehnt, weil es aus ihrer Sicht zu kompliziert war.

Dabei hat Bundesentwicklungsminister Gerd Müller neulich gesagt, man müsse mehr für die Jesiden tun ...

Fairerweise muss man sagen, dass die BRD im internationalen Vergleich starke Unterstützung leistet, aber dennoch reicht es natürlich nicht aus. Wir müssen – unter deutscher Schirmherrschaft – eine internationale Schingal-Konferenz einberufen. Ich sehe da Deutschland mehr in der Verantwortung, sowohl historisch, was Genozide betrifft, aber auch, weil 200.000 Jesiden und fast 1,5 Millionen Kurden in Deutschland leben. Es sind deutsche Staatsbürger, und man sollte Staatsbürgern und ihren Verwandten in den Herkunftsländern helfen. Eine internationale Geldgeberkonferenz sollte einberufen werden, damit das zerstörte Schingal wiederaufgebaut wird und die Menschen aus den Flüchtlingscamps endlich zurückkönnen.

Denn man darf nicht vergessen: Die Jesiden befinden sich immer noch in einer Situation des Genozids, und der Ausgang davon ist ungewiss. Es gibt drei Formen von Genozid: Die erste ist die physische Vernichtung, der sogenannte rote Genozid. Der gelbe Genozid betrifft vor allem die Kurden in der Türkei und besteht in der Assimilation. Hierbei werden Sprache und Identität verboten, so dass beides zugrunde geht und die Menschen nicht mehr wissen, wer sie sind. Drittens gibt es den weißen Genozid – wie aktuell in den Flüchtlingscamps: Die Jesiden haben keine Möglichkeit, sich dort zu entwickeln, und sterben durch ihre Flucht im Grunde aus.

Jan Ilhan Kizilhan ist ­Diplompsychologe und leitet das Institut für transkulturelle Gesundheitsforschung an der Dualen Hochschule ­Baden-Württemberg

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