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Aus: Ausgabe vom 08.08.2020, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Zwetschgen-Apfel-Scheiterhaufen

Von Maxi Wunder

»I – ei – u – nare ...« – »Was?« – »ieiunare«, murmelt Roswitha. Meine Reiseleiterkollegin ist in die Lektüre eines Buches vertieft mit dem Titel »Fastenkuren von A bis Z«. Offenbar ist sie gerade bei Buchstabe I. Ich hasse Gesundheitsratgeber. »Rossi, das Thema ist pervers: Millionen verhungern auf der Welt – und wir beschäftigen uns damit, wie wir uns gesund und schön fasten können. Schmeiß das weg!« Ich versuche, ihr das Buch aus der Hand zu reißen, aber sie lacht mich aus. »Ich interessiere mich für Etymologie ... lass mich!« Wir sitzen auf der Sonnenterrasse eines österreichischen Hotels am Rand des »Infinity Pools«, der so tut, als ließe er mutige Bis-zum-Rand-Schwimmer in die Alpen abstürzen.

»Guck, hier zum Beispiel«, fährt Roswitha fort, »das französische ›Déjeuner› bzw. ›Petit déjeuner‹, also ›Frühstück‹. Das kommt vom vulgärlateinischen Zungenbrecher ›disieiunare‹, was wiederum von ›ieiunare› kommt, und das heißt ›fasten‹. Präfix ›dis‹ ist Verneinung. Also wenn der Franzose frühstückt, dann ›entfastet‹ er. Bricht sein Fasten, versteht du?« – »Ja, und nun?« – »Genauso das spanische Frühstück, das ›Desayuno‹. Das Dîner und das Dinner kommen auch von der Wurzel. Nicht das Essen steht in anderen Sprachen verbal im Zentrum, sondern sein Gegenteil, das Fasten. Auch im englischen ›Breakfast‹. Ist doch bemerkenswert. Nur bei uns heißt es konkret ›Frühstück‹, ›Mittagessen‹ und ›Abendbrot‹. Der den Mahlzeiten vorausgehende Verzicht, das Nichtessen, kommt in den deutschen Wörtern gar nicht vor.«

»Das liegt sicher daran, dass der Deutsche von Askese nichts hält. Er geht auch nachts an den Kühlschrank«, versuche ich eine Erklärung. »Er lebt das stete Ja zum fetten Genuss in geordneter Fülle. Bei ihm kommt erst das Fressen und vielleicht später mal, ausnahmsweise, wenn sich's nicht vermeiden lässt, sehr vereinzelt auch so etwas wie ...« – »Der Zwetschgen-Apfel-Scheiterhaufen!« ruft Attila von der Poolbar. Wir »entfasten« mit Kuchen:

Ein halbes Pfund Zwetschgen entkernen und vierteln. Zwei große Äpfel schälen, vierteln, Kerngehäuse entfernen und in Scheiben schneiden. Zwetschgen- und Apfelstücke in eine Schüssel geben und mit 1 EL Zucker, etwas gemahlenem Zimt und 2 EL Mandelblättchen vermischen. Für die Eiermilch 300 ml Milch, 3 Eier, 20 g Vanillepuddingpulver und 30 g Zucker gut miteinander verrühren. 100 g Toastbrotscheiben beidseitig in die Eiermilch tauchen und eine leicht gefettete Auflaufform damit auslegen. Die Toastbrotscheiben eventuell etwas zurechtschneiden. Die Zwetschgen- und Apfelstücke darauf verteilen. Darüber kommen weitere in Eiermilch getauchten Toastbrotscheiben. Sollte noch etwas Eiermilch übrig sein, über dem »Scheiterhaufen« verteilen. Im vorgeheizten Backofen bei 180 Grad Ober-/Unterhitze ca. 35 Minuten backen. Für die Mandelkruste 30 g Butter in einem Topf auf dem Herd zerlassen. 30 g Zucker und 80 g Mandelblättchen unterrühren. Diese Mandelmasse auf dem Vorgebackenen gleichmäßig verteilen und weitere 10 Minuten backen. Mit Vanillesauce servieren.

»... so was wie Moral, wollte ich sagen.«

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