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Aus: Ausgabe vom 08.08.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Der Tatortreiniger

Von Arnold Schölzel
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Richtig schreibt FAZ-Mitherausgeber Berthold Kohler am Jahrestag der Vernichtung von Hiroshima vergangenen Donnerstag: »Seit vor 75 Jahren amerikanische Atombomben über Hiroshima und Nagasaki explodierten, lebt die Welt in der Angst, dass noch einmal ein Krieg mit den höllischsten aller Waffen geführt werden könnte.« Selbst ein regional begrenzter Atomkrieg, »wie etwa zwischen Indien und Pakistan würde Abermillionen, vielleicht sogar Milliarden von Toten fordern, weil dem Feuer, das heller als tausend Sonnen brennt, ein nuklearer Winter folgte«.

Soweit die Einsicht. Kohler lässt ihr aber einen Text folgen, der in deren Gegenteil mündet. Seine Botschaft lautet: Gegen die Atombombe hilft allein die Atombombe, genauer: die Abschreckung mit ihr, eventuell sogar mit einer deutschen. Das ist nicht neu und nur die Wiederholung beachtenswert. Kohler selbst hat das mehrmals vorgetragen, beginnend mit seinem Weckruf »Das Undenkbare denken« in der FAZ vom November 2016. Damals schrieb er, nach der Wahl Donald Trumps stehe auf der Tagesordnung »das für deutsche Hirne ganz und gar Undenkbare, die Frage einer eigenen nuklearen Abschreckungsfähigkeit, welche die Zweifel an Amerikas Garantien ausgleichen könnte«.

Das besagt: »Wir« sind wieder wer. Die Selbsttäuschung der Feldherren an deutschen Redaktions- und Kabinettstischen hat die Dimension der von 1914 oder 1939 offenbar erreicht. Ihre »Argumente« sind: Die mit mehr als einer Billion US-Dollar jährlich geölte Kriegsmaschine der NATO. Eine chauvinistische Verblendung wie einst. Die Spaltung der Kapitalinteressen gegenüber Russland (und China). Ressourcenhunger und Verträge haben allerdings deutsche Militärs, Politiker, Bankiers und Industrielle höchstens schwanken, aber nicht auf Krieg verzichten lassen. Und um ein Wort Lenins aus dem Jahr 1918 aufzugreifen: »Sie« sind wieder »in die Lage eines Menschen geraten, der sich überfressen hat.« Aus Kohlers Ansatz spricht die tiefe Überzeugung, sich alles erlauben zu dürfen: Druck, Erpressung, Zerschlagung schwächerer Staaten einschließlich Vorbereitung eines großen Krieges.

Für den FAZ-Publizisten bedeutet das, politische Tatorte von unerwünschten Tatsachen zu säubern. So ist nach ihm zwischen den USA und Russland »ein neues Wettrüsten ausgebrochen«, wie ja auch Kriege nur »ausbrechen«, zumal von deutschen Kaisern und Kanzlern angezettelte. Dem so herbeigequatschten Wettrüsten sind laut Kohler »schon fast alle Abrüstungsverträge zum Opfer« gefallen, was Ursache und Wirkung glatt vertauscht: Gekündigt haben Abrüstungsverträge zuerst stets die USA. Der Schwindelei folgt die nächste: »Putin schwang den Vorschlaghammer heimlich; Trump kam, wie es seine Art ist, gleich mit der Abrissbirne.« Die haben zwar auch dessen Amtsvorgänger geschwungen, aber Kohler lässt sich seine Strategie nicht von Details kaputtmachen. Er schreibt rituell eine »wieder gewachsene Bedrohung durch Moskau« herbei.

Sein Kaninchen aus dem Zylinder ist so dasselbe wie 2016: Bliebe Trump »im Amt und bei seiner Linie, dass ›säumige Zahler‹ sich selbst um ihre Sicherheit kümmern sollten«, dann reiche es in der Bundesrepublik nicht, »mehr Freiwillige in die Kasernen zu locken. Dann müsste auch über die nuklearen Erfordernisse einer wirksamen Abschreckungsstrategie nachgedacht, debattiert und entschieden werden«.

Die von Kohler eingangs skizzierten Gefahren enden mit dem Aufruf zum atomaren Tod aus Angst vor dem. Die Überschrift seines Textes lautet: »Die Bombe bleibt«. Falsch. Konstante ist die Unfähigkeit nicht ganz unwichtiger Sprachröhren der deutschen Bourgeoisie, an anderes als an Rüstung und damit Krieg zu denken. Was bleibt, ist die Unfähigkeit zum Frieden.

Konstante ist die Unfähigkeit nicht ganz unwichtiger Sprachröhren der deutschen Bourgeoisie, an anderes als an Rüstung und damit Krieg zu denken. Was bleibt, ist die Unfähigkeit zum Frieden.

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