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Aus: Ausgabe vom 08.08.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Überfressen

Auszug aus einer Rede Lenins über die internationale Situation kurz vor der deutschen Novemberrevolution 1918
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Lenin spricht am 7. November 1918 auf dem Roten Platz in Moskau anlässlich des ersten Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution

Genossen, in den letzten Monaten und Wochen hat sich die internationale Lage jäh zu ändern begonnen, bis schließlich der deutsche Imperialismus nahezu ganz zusammengebrochen ist. (…) Es zeigte sich, dass der amerikanische Imperialismus sich vorbereitet hatte, und Deutschland wurde ein Schlag versetzt. (…)

Wenn es uns gelungen ist, nach der Oktoberrevolution ein ganzes Jahr lang fortzubestehen, so haben wir das dem Umstand zu verdanken, dass der internationale Imperialismus in zwei Räubergruppen gespalten war: die englisch-französisch-amerikanische Gruppe und die deutsche Gruppe, die sich ineinander verkrallt hatten und sich nicht um uns kümmern konnten. Keine dieser Gruppen konnte gegen uns ernstlich ins Gewicht fallende Kräfte einsetzen, aber natürlich hätten sie diese Kräfte eingesetzt, wenn sie dazu imstande gewesen wären. Der Krieg mit seinem Blutrausch trübte den Blick. (...)

Das Feuer der Arbeiterrevolution hat eine ganze Reihe von Ländern erfasst. In dieser Hinsicht sind unsere Anstrengungen und Opfer gerechtfertigt. Sie waren keine Abenteuer, wie das die Feinde verleumderisch behauptet habe, sondern der notwendige Übergang zur internationalen Revolution, den unser Land durchmachen musste, das, ungeachtet seiner geringen Entwicklung und seiner Rückständigkeit, auf den vordersten Posten gestellt worden ist.

Das ist das eine, vom Standpunkt des endgültigen Ausgangs des imperialistischen Krieges das wichtigste Resultat. Das andere Resultat (…) besteht darin, dass sich der englisch-amerikanische Imperialismus jetzt ebenso zu entlarven beginnt, wie sich seinerzeit der deutsch-österreichische entlarvt hat. Wir sehen, dass Deutschland seine Herrschaft hätte behaupten und dass es sich zweifellos eine günstige Position im Westen hätte erkämpfen können, wenn es während der Brester Verhandlungen (seit 9. Dezember 1917 verhandelten Sowjetrussland und Deutschland in der belorussischen Stadt Brest über einen Separatfrieden. Am 3. März 1918 unterwarf sich Russland einem deutschen Diktat, das enorme Gebietsverluste vorsah, und schied aus der Kriegsallianz mit Großbritannien, Frankreich und den USA formal aus. Die Westmächte eröffneten daraufhin einen Interventionskrieg gegen Russland, jW) einigermaßen Selbstbeherrschung geübt, einigermaßen kaltes Blut bewahrt hätte und fähig gewesen wäre, sich aller Abenteuer zu enthalten. Deutschland hat das nicht getan, denn eine Maschine, wie es ein Krieg von Millionen und aber Millionen ist, ein Krieg, der die chauvinistischen Leidenschaften bis zur Siedehitze steigert, der mit kapitalistischen Interessen verbunden ist, die sich auf Hunderte Milliarden Rubel beziffern lassen – solch eine Maschine, einmal auf Touren gebracht, kann durch keine Bremse angehalten werden. Diese Maschine ist weiter gelaufen, als es die deutschen Imperialisten selber gewollt haben, und hat sie zermalmt. Sie sind steckengeblieben, sie sind in die Lage eines Menschen geraten, der sich überfressen hat und so seinem Ende entgegengeht. Und in diesen wenig schönen, doch vom Standpunkt des revolutionären Proletariats äußerst nützlichen Zustand sind heute vor unser aller Augen die englischen und amerikanischen Imperialisten geraten. Man könnte meinen, sie hätten bedeutend größere politische Erfahrung als Deutschland, sind es doch Leute, die an ein demokratisches Regime gewöhnt sind, nicht an das Regiment irgendwelcher Junker, in Ländern, die schon vor Jahrhunderten die schwerste Periode ihrer Geschichte durchgemacht haben. Man könnte meinen, diese Leute würden ihre Kaltblütigkeit bewahren. Wollten wir vom individuellen Standpunkt aus urteilen, ob sie fähig wären, Kaltblütigkeit zu bewahren, vom Standpunkt der Demokratie überhaupt, wie bourgeoise Philister, wie Professoren, die vom Kampf des Imperialismus und der Arbeiterklasse nichts begriffen haben, wollten wir also vom Standpunkt der Demokratie überhaupt urteilen, so müssten wir sagen, dass England und Amerika Länder sind, in denen die Demokratie jahrhundertelang gepflegt worden ist, dass sich dort die Bourgeoisie wird halten können. Wenn es ihr heute gelänge, sich durch irgendwelche Maßnahmen zu halten, dann wäre das jedenfalls für eine ziemlich lange Zeit. Wie sich aber herausstellt, wiederholt sich mit ihnen dasselbe, was mit dem militär-despotischen Deutschland geschehen ist. In diesem imperialistischen Krieg bestand ein gewaltiger Unterschied zwischen Russland und den republikanischen Ländern. Der imperialistische Krieg ist ein so blutiger, bestialischer Raubkrieg, dass er sogar diese wichtigsten Unterschiede verwischt hat: er hat in dieser Hinsicht die freieste amerikanische Demokratie und das halbmilitär-despotische Deutschland einander gleichgestellt.

Wladimir Iljitsch Lenin: Rede über die internationale Lage, 8. November (VI. Gesamtrussischer Außerordentlicher Sowjetkongress). Zeitungsbericht am 9. November 1918 in den Iswestija WZIK Nr. 244 und am 10. November 1918 in der Prawda Nr. 243. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke Band 28. Dietz-Verlag, Berlin 1975, Seiten 148–151

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