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Aus: Ausgabe vom 08.08.2020, Seite 10 / Feuilleton
Fernsehen

Es ist eben alles etwas kleiner hierzulande

Auweia! Das ist der deutsche Fernsehstandard: Das ZDF verfilmt einen Roman von Franz Dobler als Iris-Berben-Hommage
Von Berthold Seliger
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Ganz schön selbstreferentiell: Privatermittler Fallner (Murathan Muslu) betreut die alternde Filmdiva Simone Mankus (Iris Berben)

Iris Berben? Um ehrlich zu sein: Als Schauspielerin ist sie mir ziemlich egal. Ich würde mir, anders als bei Senta Berger, Eva Mattes oder Hannelore Elsner, keinen Fernsehfilm ansehen, bloß weil sie mitspielt. Vermutlich das Schicksal bundesdeutscher »Diven«: So eine Filmografie reicht dann von »Zwei Companeros« und »Supergirl« über »Derrick« und »Ein Fall für zwei« hin zu »Rennschwein Rudi Rüssel«. Dazwischen Rudolf Thomes »Detektive«, die Comedyserie »Sketchup«, »Frau Rettich, die Czerni und ich« sowie Nacktfotos für Playboy und Penthouse. Es ist eben alles etwas kleiner hierzulande. Das Interessanteste und Beachtlichste und natürlich unbedingt Respektable an Frau Berbens öffentlicher Rolle ist sowieso ihr gesellschaftliches Engagement gegen rechts, gegen Antisemitismus, gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Sie ist gewissermaßen das sozialdemokratische Gegenmodell zur Franz-Josef-Strauß- und CSU-Sympathisantin Uschi Glas. Nun wird Iris Berben, das Gesicht von L’Oréals »Perfect Age«-Kosmetikprogramm (»Eins ist klar: Das perfekte Alter ist jetzt!«), am Montag 70 Jahre alt, und das ZDF feiert die Schauspielerin mit einem Fernsehfilm: »Nicht totzukriegen« von Nina Grosse nach dem Roman »Ein Schlag ins Gesicht« von Franz Dobler.

Um es vorwegzunehmen: Der großen Qualität von Doblers Roman, etwa seinem unverwechselbaren Sound oder dem verschrobenen Humor, hält der Fernsehfilm nicht stand. Im Vergleich sind die Dialoge hölzern – Dobler schreibt die großartigsten und gleichzeitig ungemütlichsten Dialoge der aktuellen deutschen Literatur! –, die Figuren, nun ja, eher unterentwickelt, und so recht mag auch keine Spannung aufkommen. Am ehesten wirkt im Film noch glaubwürdig, wie sich die beiden auf ihre je eigene Art gescheiterten Hauptfiguren näherkommen: der Exbulle Fallner (eindrucksvoll: Murathan Muslu, auch wenn ich mir Fallner immer ganz anders vorstelle), jetzt Mitarbeiter in der Securityfirma seines Bruders, und die alternde, trinkende Diva (Iris Berben, logisch), die mal »ein goldenes Mädchen« war. »We were stardust, we were golden« – sie fügt »Joni Mitchell« hinzu, als sie die Zeilen abwandelt, denn wer kennt heute noch Joni Mitchell. Ihr Sohn versucht, sie in die »Promihütte« zu vermitteln, eine Art Dschungelcamp in den Bergen. Ihre Karriere ist so ziemlich im Arsch, also sehr anders als bei Iris Berben.

Dass die Showbizdiva mal bessere Zeiten erlebt hat, wird mit einigen eingeblendeten Originalszenen aus Berbens realer Karriere gezeigt: aus »Supergirl« (Rudolf Thome, 1971), Klaus Lemkes »Brandstifter« (1969) oder, ähem, »Stehaufmädchen – Liebe in der APO-Zeit«, einem mir unbekannten Film von, noch mal ähem, Willy Bogner, in dem Iris Berben 18jährig ihre erste Filmrolle gespielt hat – so sagt es jedenfalls das ZDF-Presseportal, andererseits kann Iris Berben entweder 1970 nicht 18 Jahre gewesen sein oder 2020 nicht 70 werden … Hübscher Einfall. Ansonsten soll die Musik das Zeitkolorit der 70er Jahre transportieren. Wir hören »Paint It Black« von den Stones, und wenn die Diva trunken vorm deckenhohen Fenster ihrer Villa zu Blondies (»Wenn es eine Frau gibt, die mir Mut gemacht hat, dann sie«) »Heart of Glass« tanzt, zerspringt plötzlich die Scheibe – ein Stalker hat sie eingeschmissen. Etwas weniger Symbolik hatten sie beim deutschen Erhobenen-Zeigefinger-»Habt ihr auch wirklich alle kapiert, was wir euch sagen wollen?«-Fernsehen wieder mal nicht im Angebot.

Leider gibt es, wie so oft in Fernsehkrimis hiesiger Produktion, Ungenauigkeiten, die sich zu Unglaubwürdigkeiten auswachsen. Etwa bei den Proben zu einem Konzert, das Teil des Comebackplans der Diva sein soll: Da rauscht die Berben in den Club (welche Band probt eigentlich tagelang im Club? Kann sich niemand leisten …), die anderen Bandmitglieder hören nicht etwa auf zu spielen, um sie zu begrüßen, sondern machen weiter, »Sunday Morning« von Velvet Underground (ja, genau das hab’ ich auch gedacht: auweia! Kleiner ging’s grade nicht …), und La Berben gleich auf die Bühne, mittenmang und mitgesungen, damit sie ihren Pelz anbehalten kann, ihr wisst schon, »Venus in Furs«, gleiche Platte …

Die Handlung kulminiert dann in dem Konzert. Gut, einen mit 300 Leuten ausverkauften Club, wie im Film behauptet wird, scheint noch niemand vom Filmteam je gesehen zu haben, da sind höchstens 100 Leute drin, und alle können sich frei bewegen, also auch der Stalker. Die Diva singt, das Publikum ist begeistert, der Stalker bewegt sich langsam auf die Bühne zu, entert sie und bedroht die Diva mit einem Messer, das er ihr an den Hals setzt, aber Fallner hat im letzten Moment doch noch etwas geahnt, und er und sein Team von Securi­tys (warum waren die eigentlich nicht permanent vor der Bühne wie in jedem popeligen Durchschnittsclub?) überwältigen den Stalker – eine Szene, die man gähnend schon hunderttausendmal im deutschen Fernsehen gesehen hat in all den »Tatort«-/»Derrick«-/»Ein Fall für zwei«-Folgen, es gibt dann noch – Überraschung! – eine kleine Nebenhandlung mit einem zweiten Stalker, so etwas hat man erst siebentausendmal gesehen. Am Ende wird die Selbstreferentialität noch auf die Spitze getrieben, wenn ZDF-»Aspekte«-Zwischentextaufsagerin Katty Salié die jetzt, nach ein paar Lagen »Perfect Age«-Kosmetik, wieder lupenrein schöne Diva im Fernsehstudio interviewt.

Wie das ZDF darauf kommt, dieser Film sei nicht nur eine Hommage an Iris Berben, sondern auch an »das schillernde München der 60er und 70er Jahre«, bleibt ein Rätsel. Wer nach – nicht unbedingt nur »schillerndem« – München-Kolorit aus dieser Zeit und dem Bahnhofsviertel mit seinen schmuddeligen Import-Export-Läden sucht, muss Doblers Roman lesen oder Bernhard Setzweins Mundartgedichte. Etwa »Gastarbeida« von 1978: »Hoamweh / nach da sonna (…) am haubdbahnhof / schdenga de oidn / nah beianand / damids a bißl warm wead.«

Damit wir uns nicht missverstehen: »Nicht totzukriegen« ist kein schlechter Fernsehfilm, Nina Grosse keine schlechte Regisseurin. Und Iris Berben ist, jedenfalls für deutsche Verhältnisse, eine okaye Schauspielerin, klar. Aber ich mache kein Geheimnis draus: Doblers Roman »Ein Schlag ins Gesicht« war mir viel, viel lieber. Allein für die ersten vierzig Seiten, die große Silvesterexposition, würde ich eine ganze Jahresproduktion deutscher Fernsehkrimis hergeben. »Nicht totzukriegen« ist auf eine mediokre Art ein okayer Film geworden, doch Leute: Lest mehr Bücher! Franz Dobler, aber auch Mark Fisher, Max Horkheimer, Frank B. Wilderson III, Roberto Bolaño und die anderen. Meine Meinung.

»Nicht totzukriegen«, am Montag um 20.15 Uhr im ZDF sowie bereits jetzt in der Mediathek (bis 2.11.2020)

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