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Aus: Ausgabe vom 07.08.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Syrien

Streit um Ressourcen

Syrien fehlen die Rohstoffe aus dem US-besetzten Nordosten des Landes. Völkerrechtswidrige Sanktionen erschweren die Lage
Von Karin Leukefeld
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Flüchtlingslager im syrischen Idlib im Dezember 2018

In Syrien ist Erntezeit, auch in diesem Jahr. Allerdings liegen weite Flächen des Landes brach, sind durch den Krieg verwüstet oder – wie in Teilen von Idlib, Aleppo und dem Nordosten – von der Türkei und den US-Truppen besetzt. Beide Staaten unterstützen mit ihren Armeen Kräfte, die in den vergangenen Kriegsjahren dank der ausländischen Unterstützung zu Macht, Geld und Einfluss gekommen sind. Um ihre Macht zu festigen, beharren sie auf den Ressourcen, die einst alle in Syrien lebenden Menschen ernährten.

Wichtige Abnehmer der Nahrungsmittel waren der Irak, Jordanien und der Libanon. Über den Hafen von Beirut wurden Schafe für das Opferfest bis an den Golf verschifft. Syrien hat immer gegeben, heißt es in der Region. Jordanien und der Libanon – die selber nicht über genügend landwirtschaftliche Fläche und Wasserressourcen verfügen – wurden mit Wasser und Strom, mit Obst und Gemüse versorgt.

Der Krieg um Syrien und die von den USA und der EU einseitig und völkerrechtswidrig verhängten Wirtschaftssanktionen bedeuten für die ganze Region Hunger, Armut und Krieg. Der Libanon, der sich mit dem Ausbau seiner Häfen in Beirut und Tripoli auf den Wiederaufbau im kriegszerstörten Syrien vorbereitete, wurde von den USA und der EU zunehmend unter Druck gesetzt, die wirtschaftlichen Beziehungen mit Damaskus zu beenden. Das Land sollte mit seinem natürlichen Handelspartner keine Geschäfte mehr machen, wenn es nicht selber von Washington und Brüssel sanktioniert, politisch, finanziell und ökonomisch unter Druck gesetzt werden wolle. Wegen der US-Finanzsanktionen gegen Syrien und gegen die libanesische Hisbollah konnten Syrer und Libanesen vom eigenen Konto nur noch eine begrenzte Menge an US-Dollar abheben, dann gar nicht mehr.

Nun ist der Libanon mit den verheerenden Explosionen im Hafen von Beirut und der Zerstörung von weiten Teilen der Hauptstadt selbst ein Katastrophengebiet geworden. Die Weizenvorräte des Landes, die im Hafen lagerten, sind verbrannt, und noch immer dürfen keine Produkte aus Syrien die Grenze passieren. Selbst Stromlieferungen sollen nach dem Willen der USA unterbleiben. Die Not der Menschen im Mittleren Osten macht die Region zu einem El Dorado für internationale Hilfsorganisationen.

Auch wenn die Versorgungslage in Syrien auf niedrigem Niveau gesichert ist, fehlen dem Land die Ressourcen in den US-besetzten Gebieten im Nordosten. Im Euphrattal wird Baumwolle angebaut, die Provinz Hasaka verfügt über weite Weizenanbaugebiete. Das Wasser des Euphrat – reguliert durch Stauseen und Dämme – dient der Bewässerung und der Stromerzeugung von Deir Al-Sor über Rakka bis Aleppo. Der 80 Kilometer lange und etwa acht Kilometer breite Assad-Stausee, der durch den Tabka-Staudamm entstanden ist, ist reich an Fischbeständen. Entlang des Sees gibt es fruchtbaren Boden für Weizen-, Kartoffel-, Obst- und Gemüseanbau. Doch nicht nur der Tabka-Staudamm, auch der Zugang zum See, zu Feldern und Gärten oder der Nutzung der Brücken wird von den Syrischen Demokratischen Kräften (SDK) kontrolliert. Bei Al-Tabka werden die SDK-Einheiten von US-Truppen unterstützt, die sich auf einer nahegelegenen Militärbasis der syrischen Armee einquartiert haben.

In Hasaka, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, verweigerten SDK-Anhänger den Mitarbeitern der Elektrizitätsbehörde laut der syrischen Nachrichtenagentur SANA einen Monat lang den Zugang zu ihren Büros. Seit Mittwoch halten bewaffnete SDK-Einheiten in dem Ort Teile der Behörde besetzt, die für die Weizensilos verantwortlich ist. 120 Arbeiter seien von ihren Arbeitsplätzen vertrieben worden, berichteten Betroffene gegenüber SANA.

Die staatlichen Einrichtungen hatten während des Krieges ihre Arbeit nicht eingestellt. Die Mitarbeiter, staatliche Angestellte, erhalten monatlich von der Regierung in Damaskus ihr Gehalt. Möglicherweise wollen die SDK nun nicht nur das Öl, sondern auch die staatlichen Einrichtungen für die Strom- und Weizenversorgung im Nordosten Syriens selbst kontrollieren. Als syrische Regierungsvertreter bei den letzten Verhandlungen mit den SDK die Übergabe der Kontrolle von Rakka und Deir Al-Sor forderten, lehnten ihre Unterhändler ab. Die mehrheitlich arabische Stammesbevölkerung hat sich nun gegen die SDK erhoben.

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