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Aus: Ausgabe vom 05.08.2020, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Postkolonialismus

Von Arian Schiffer-Nasserie
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Kritik, die sich oft in Symbolpolitik erschöpft: Die Parole »Decolonize« als Graffito am Bismarck-Denkmal in Berlin (17.7.2020)

Ein Schlagwort beherrscht die Diskussion: Ob es um Rassismus in den USA geht, um den Umgang mit Flüchtenden oder das Elend der Menschen im »globalen Süden« – der Verweis auf das Fortbestehen »postkolonialer Strukturen« lässt meist nicht lange auf sich warten. Gemeint ist damit laut der Onlineenzyklopädie Wikipedia »die Annahme, dass die Kolonien nur politisch befreit seien, jedoch weiterhin durch die Hegemonie eurozentrischer Sichtweisen (!) beherrscht würden«.

Postkoloniale Theorien verstehen sich als kritisches Korrektiv zum vorherrschenden Weltbild. Folgt man letzterem, so leben wir in einer Welt der freien Konkurrenz auf der Grundlage von Völker- und Menschenrechten, die der Menschennatur entsprechen. In dieser besten aller Welten sind einfach alle – Staaten, Völker, Unternehmen und Individuen – unterschiedslos eingeladen, sich frei zu entfalten, d. h. um Macht und Reichtum in Form von Dollar oder Euro zu konkurrieren. Und das angeblich zum Vorteil aller Beteiligten weltweit.

Vom postulierten Vorteil ist in den entsprechenden Weltgegenden wenig zu sehen. Statt dessen gibt es den Ausverkauf der natürlichen Ressourcen, Handelsdefizite, Staatspleiten, Verteilungskämpfe und Zerfall. Auch in den Zentren des Kapitalismus sind die Lebensbedingungen nicht zum Nutzen aller eingerichtet, und das ist noch vorsichtig formuliert. Migranten aus den ehemaligen Kolonien im Süden oder den einst besetzten Gebieten im Osten sowie die Nachfahren ehemaliger Sklaven in den USA gehören überdurchschnittlich häufig zu den Verlierern in der sogenannten ersten Welt (Stichworte: Ausbeutung als Erntehelfer oder Putzkräfte, Prostitution, Wohnbaracken, Abschiebungen, Polizeikontrollen etc.).

Im Lichte des vorherrschenden Weltbildes ergibt sich aus der Diskrepanz zwischen den blumigen Versprechen globaler Konkurrenz »ohne Ansehen der Person« und ihren Resultaten in der harten Wirklichkeit eine brutale Schlussfolgerung: Vom jeweiligen Erfolg wird auf die Erfolgsfähigkeit der Individuen und Völker geschlossen. Wenn es bei letzteren schon nicht an ihrer afrikanischen, asiatischen oder osteuropäischen »Rasse« liegt – solche Theorien sind seit 1945 eher tabu – hat es vielleicht aber etwas mit ihrer »Kultur«, ihren »Wurzeln« oder ihrer »Religion« zu tun, wenn aus den entsprechenden Ländern und ihren »Ethnien« trotz Dekolonialisierung, Völker- und Menschenrecht, Entwicklungshilfe sowie einigen gut gemeinten NATO-Kriegen nichts wird?

Vertreter postkolonialer Theorien möchten diesen verächtlichen Schlussfolgerungen widersprechen. Sie begreifen die »eurozentrischen Sichtweisen« nicht als ideologische Folge der aktuellen Weltordnung aus Geld und Gewalt, sondern geradezu spiegelbildlich als die eigentliche Ursache für das Elend der »Marginalisierten«. Sie kämpfen daher – immanent folgerichtig und praktisch hilflos – mit »Political Correctness« gegen Rassismus und für mehr Wertschätzung zugunsten der Schwachen.

Analytisch ist das haltlos, weil es die notwendigen Resultate der Konkurrenz (es muss Verlierer geben) von ihrem Prinzip trennt. So, als sei der globale Wettbewerb eine Art Fairplay, um den Schwächsten die Chance zum Aufstieg zu ermöglichen – und nicht eine Einrichtung zum Nutzen seiner westlichen Erfinder, die bereits über die konkurrenzfähigsten Kapitale und die größte Marktmacht verfügen. Praktisch sind entsprechende Ansätze hilflos, weil sich durch veränderte »Sichtweisen« weder an den Resultaten des Welt(arbeits)marktes noch am Rassismus etwas ändert. Oder anders: Vertreterinnen und Vertreter postkolonialer Theorien sehen Ursachen für das Leid der »Verdammten dieser Erde« in der kolonialen Vergangenheit, weil sie an den völker- und menschenrechtlichen Prinzipien der Gegenwart keine Herrschafts- und Ausbeutungsinteressen erkennen können. Moderne Imperialismustheorie tut Not!