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Aus: Ausgabe vom 03.08.2020, Seite 10 / Feuilleton

Salzburg, Kurgarten

Von Erwin Riess
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»Nihilismus und Todessehnsucht der Hardcore-Nazis«: Paracelsus-Statue von Josef Thorak in Salzburg

Herr Groll begrüßte seinen Freund im Garten des Café Bellini hinter dem Mirabellplatz. Ob er das Denkmal für 500 Euthanasieopfer in Salzburgs Kurgarten schon wahrgenommen habe? fragte er. Er komme von dort, erwiderte der Dozent, sei aber nur auf zwei Monumentalplastiken des NS-Bildhauers Josef Thorak gestoßen. Und auf einen sogenannten Zwergerlgarten, angeblich den ältesten seiner Art.

»Ein derart widerlicher Aufmarsch von steinernen Kreaturen ist mir noch nicht untergekommen.« Der Dozent zitterte vor Empörung. Um sich zu beruhigen, bestellte er ein Glas Blaufränkisch aus Horitschon im Burgenland. Groll tat es ihm gleich und hoffte, dass der schwere Rotwein das Gemüt seines Freundes besänftigen möge.

»Kleinwüchsige Menschen zur Belustigung der Gaffer und Voyeure – das Barockzeitalter erreichte mit diesem Ensemble einen traurigen Höhepunkt«, sagte Groll. »Die Figuren sind verwachsen und abstoßend. Sie waren in alle Winde zerstreut, aber nach dem Ende des Ersten Weltkriegs raffte die hungernde Stadt sich nicht nur zur Gründung der Salzburger Festspiele auf, sie ließ auch nichts unversucht, die Zwerge ihren Besitzern abzuluchsen und hinter dem Schloss Mirabell zu versammeln. Spiele statt Brot.«

Der Ober brachte die Getränke. Der Dozent nahm einen großen Schluck.

»Die Zwerge sind schlimm, aber sie sind harmlos im Vergleich zu Josef Thoraks Plastiken von Kopernikus und Paracelsus«, fuhr Groll fort. »Weil Thorak 1937 im Deutschen Pavillon der Pariser Weltausstellung zwei Figurengruppen gestaltet hatte, die Hitler begeisterten, wurde er flugs im gleichen Jahr zum Leiter einer Meisterklasse an der Akademie der Bildenden Künste in München ernannt. Die Siegesgöttin auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg stammt ebenso von ihm wie zwei überlebensgroße Pferdeskulpturen für die Neue Reichskanzlei in Berlin. Thorak war Hitlers Lieblingsbildhauer, er verströmte sein kleines Talent an Monumentalplastiken. Von 1938 bis 1941 ließ Hitler dem Bildhauer im oberbayerischen Vaterstetten bei München ein Atelier nach den Plänen von Albert Speer bauen, in dem bis zu 17 Meter hohe Plastiken hergestellt werden konnten. Dort entstand 1943 auch ein Dokumentarfilm ›Josef Thorak – Werkstatt und Werk‹, produziert von Leni Riefenstahl.

Kein Wunder, dass sich in der Werkliste dieses Herrn, der, darauf bestand der Führer, bei ihm persönlich in die NSDAP eingetreten war, auch etliche Hitler-Büsten befanden. Und wenn der Krieg, von dessen für Deutschland segensreichen Ausgang Thorak bis zum Schluss überzeugt war, nicht anders verlaufen wäre, würde heute am Autobahnübergang Walserberg eine Monumentalplastik Thoraks die Fahrt der sonnenhungrigen Deutschen in den Süden überschatten.« Vorsichtig kostete nun auch Herr Groll den Wein. »Chateâu migraine«, stellte er sachlich fest und schob das Glas weit von sich.

»Thoraks Frau war Jüdin«, nahm er die Erzählung wieder auf. »Als die Nazis in Deutschland an die Macht kamen, ließ er sich scheiden. Mit ihrem Sohn Peter flüchtete Hilda 1933 nach England, beide gelten als verschollen. Im KZ Dachau betrieb Thorak eine Werkstatt, persönlich kontrollierte er die Arbeitsleistung der KZ-Gefangenen. Nach dem Krieg mutierte der Vollnazi zum Mitläufer und wurde von den US-Behörden zur Gänze entlastet. Bereits 1950 widmete man ihm in Salzburg eine große Ausstellung. Zwei Jahre darauf starb er in Schloss Hartmannsberg am Chiemsee. Unter dem Beisein aller Nobilitäten wurde er auf dem Friedhof St. Peter am Fuße des Mönchsbergs bestattet, ein österreichisches Künstlerleben hatte sich vollendet.«

Der Dozent stellt sein Glas hinter den Aschenbecher und berichtete seinerseits: »Die Statue des Kopernikus zeigt einen Hünen mit siegfriedhaftem Haarkranz. Er kniet, den Kopf auf die Hand gestützt, und schaut verloren oder sogar angewidert zu Boden. In der anderen Hand hält er eine Weltkugel, sie ist nur wenig größer als ein Tennisball. Klar wird, der Mann kann mit der Erde nichts anfangen, im nächsten Moment wird er sie weit von sich schleudern.«

Groll pflichtete dem Dozenten bei und ergänzte: »In seinen schrecklichsten Momenten blitzen bei Thorak Nihilismus und Todessehnsucht der Hardcore-Nazis durch. Wenn die Welt den bolschewistischen Untermenschen nicht standhält, soll sie untergehen.«

»Ich beglückwünsche Sie zu Ihrem Kunstverständnis«, sagte der Dozent. »Ich schlage vor, wir verlassen diesen bedrückenden Ort und machen uns auf die Suche nach einem Supermarkt, der italienische Weine führt.«

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