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Aus: Ausgabe vom 03.08.2020, Seite 4 / Inland
Ein Käfig voller Narren

Preußenadler und Regenbogen

Aufstand der Verantwortungslosen: Zehntausende demonstrierten in Berlin Seite an Seite mit Nazis, ohne Maske und Abstand gegen Coronaregeln
Von Nick Brauns
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Bunt-brauner Aufzug: Der Pluralismus ging am »Tag der Freiheit« in Berlin sehr weit

Während die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus weltweit einen neuen Rekord erreicht hat, sind am Samstag in Berlin Zehntausende Demonstranten gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie auf die Straße gegangen. Die Polizei zählte 20.000 Teilnehmer, die Veranstalter delirierten von 1,3 Millionen Menschen. Bis zu 25.000 könnten es allerdings gewesen sein, die dem Aufruf »Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit« gefolgt waren.

Veranstalter waren die Initiative »Querdenken 711«, die in den letzten Monaten bereits Kundgebungen mit Tausenden Teilnehmern in Stuttgart durchgeführt hatte, sowie die in Berlin ansässige »Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand« (KDW). Vor dem Büro dieses Zusammenschlusses um den früheren junge Welt- und Taz-Mitarbeiter Anselm Lenz, der bereits seit dem Frühjahr sogenannte »Hygienedemos« gegen die Schutzmaßnahmen veranstaltet hatte, gab es bereits am Freitag im Wedding eine antifaschistische Kundgebung. Die Teilnehmer warfen der KDW vor, »rechten bis faschistischen Kräften, Verschwörungsideologen und Coronaleugnern« Raum zu geben.

So hatten zur Großdemonstration am Samstag auch rechte und faschistische Gruppierungen und Medien von Jürgen Elsässers Compact-Magazin bis zur NPD und der Partei »Der III. Weg« mobilisiert. Erkennbare Neonazis, die unter schwarz-weiß-roten Reichsfahnen marschierten, Anhänger der US-amerikanischen verschwörungsideologischen »Qanon«-Bewegung, »Reichsbürger« und die zum Pegida-Spektrum gehörende »Patriotic Opposition Europe« stellten zwar nur einen Bruchteil der Teilnehmer. Doch an der Anwesenheit der Faschisten, die in diesem durch Irrationalismus und Wissenschaftsfeindlichkeit geprägten Milieu von Coronaleugnern, Esoterikern und Impfgegnern wie Fische im Wasser schwimmen konnten, störte sich kaum einer der übrigen Demonstranten. Letztere behaupteten, »für die Freiheit« auf die Straße zu gehen. So wurde auf der Schlusskundgebung der Unternehmensberater und geschichtsrevisionistische Buchautor Thorsten Schulte, der sonst auf Pegida- und AfD-Veranstaltungen auftritt, auch von Demonstrationsteilnehmern bejubelt, die äußerlich einer Alternativszene zuzuordnen waren.

Regenbogenfahnen wehten neben solchen mit dem preußischen Adler, die Taube der Friedensbewegung war zu sehen neben US-amerikanischen und schwarz-rot-goldenen Fahnen – letztere teilweise falsch herum aufgehängt als Symbol von »Reichsbürgern«. Von einem Lautsprecherwagen herab wurde die Einnahme von Chlorbleiche gegen Corona beworben. Als Vorbild für dieses schon von US-Präsident Donald Trump empfohlene und unter Umständen lebensgefährliche Rezept führte die Rednerin ausgerechnet das ultrarechte Putschistenregime in Bolivien an. Einen Block weiter herrschte Love-Parade-Stimmung. Angehörige der Clubszene tanzten für eine Wiedereröffnung ihrer Lokale.

Geeint wurde die heterogene Masse, die optisch in weiten Teilen schwäbischen oder sächsischen Reisegruppen auf Hauptstadtbesuch ähnelte, durch die wahnhafte Vorstellung, dass Corona ein »Betrug« von US-Multimilliardär William »Bill« Gates, dem »Merkel-Regime«, den Pharmakonzernen oder einer »Finanzlobby« zur Kontrolle der Bevölkerung sei. Da es sich ihrer Ansicht nach bei Covid-19 maximal um eine harmlose Grippe handele, missachteten die Demonstranten Hygieneauflagen wie das Tragen von Mund-Nasen-Masken und Abstandhalten bewusst und vollständig.

Hunderte Antifaschisten, die entlang der Strecke des Aufmarsches protestierten, wurden mehrfach aus der Menge heraus bedrängt. Auch Journalisten berichteten von Beschimpfungen und Übergriffen. Die Veranstalter hatten zuvor gefordert, dass Medienvertreter zur Akkreditierung eine Erklärung unterzeichnen, in der sie sich verpflichten, »wahrheitsgemäß, unparteiisch und vollständig zu berichten«.

Eine halbe Stunde nach Beginn der Schlusskundgebung auf der Straße des 17. Juni erklärte die Polizei die Veranstaltung schließlich für aufgelöst, da die Veranstalter nicht in der Lage seien, die Hygieneauflagen durchzusetzen. Zehntausende antworteten mit wütenden Rufen »Wir sind das Volk«.

Während die Polizei bei der Großdemonstration der Coronaleugner weitgehend mit Abwesenheit geglänzt und sich die Auflösung der Kundgebung hauptsächlich auf Durchsagen und das Abdrehen des Stroms beschränkt hatte, waren die Ordnungshüter am späten Abend mit mehreren Hundertschaften in Berlin-Neukölln massiv präsent. Mit Pfefferspray gingen behelmte Greiftrupps dort gegen Tausende linke Demonstranten vor, die gegen die drohende Räumung alternativer Haus- und Kneipenprojekte protestierten.

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Debatte

  • Beitrag von Jürgen R. aus W. ( 3. August 2020 um 08:01 Uhr)
    Ich dachte, Sie könnten an strategischen Einsichten und kontextbezogenen Informationen des Weltwirtschaftsforums interessiert sein.

    Hier können Sie sich über die neuesten Trends, Forschungen und Analysen zu Covid-19 informieren:

    https://intelligence.weforum.org/topics/a1G0X000006O6EHUA0?tab=videos
  • Beitrag von Rainer S. aus M. ( 3. August 2020 um 11:44 Uhr)
    Nach der marxistischen Analyse und Kritik bleibt in Sachen SARS-CoV-2 nun offenbar auch noch die mathematische Logik in der jW ein Stück weit auf der Strecke: Zehntausende Demonstranten antworteten Nick Brauns zufolge also mit wütenden Rufen »Wir sind das Volk«. Nach Adam Riese hätten dies mindestens 20.001 DemonstrantInnen tun müssen. 20.001 von bis zu 25.000 Demonstranten, die Nick Brauns gleichzeitig vor Ort gezählt haben will? Mindestens 80 Prozent Beteiligung an den wütenden Rufen? Ich kann an diese Größenordnung ohne Beweis nicht glauben. Eine differenzierte Betrachtung sieht anders aus. Meine Empfehlung:

    Tobias Riegel, »Corona-Demo: Widerspruch wird pauschal verteufelt«
    (https://www.nachdenkseiten.de/?p=63529)
    • Beitrag von Matthias K. aus W. ( 3. August 2020 um 19:51 Uhr)
      Habe den besagten Artikel gelesen: auch hier keine marxistische Analyse und Kritik. Statt dessen das übliche undifferenzierte Gerede über Sorgenbürger.

      Man muss der bürgerlichen Presse nicht glauben und ihr absolute Autorität zusprechen. Das rechtfertigt aber im Umkehrschluss keineswegs die völlige Ignoranz gegenüber den offensichtlichen Versuchen seitens der faschistischen Bewegung in Deutschland, für die deutsche Volksgemeinschaft zu agitieren und zu mobilisieren.

      Riegel schreibt:

      »Dass (im Gegenteil) manche der Corona-Skeptiker die Verfasstheit der Gesamtgesellschaft (...) eher mehr im Blick haben als die in einer akuten Alarmstimmung des Augenblicks verharrende Mehrheit der Journalisten und Politiker, wird oft nicht angemessen wahrgenommen.«

      Wer jegliches Urteilsvermögen in Fragen politischer Bündnisbildung abstreift, hat sicher auch nichts zur Analyse der »Verfasstheit der Gesamtgesellschaft« beizutragen.
  • Beitrag von Ralf S. aus G. ( 3. August 2020 um 15:42 Uhr)
    Was man in Qualitätsmedien (bzw. von Qualitätsmedienjournalisten) da wieder Hanebüchenes lesen muss: Laut Dunja Hayali waren dort Leute von ganz rechts bis »ganz links« ... Vermutlich hat Frau Hayali nicht viel Ahnung von Politik und deutet Regenbogen- bzw. Friedensfahnen als zwangsläufigen Ausdruck einer linken Gesinnung. Oder aber sie hat ein paar dieser Leute befragt, und die haben ihr geantwortet, »links« zu sein oder höchstwahrscheinlich »eher links«, das hört man in der Tat häufig, dieses »eher links« ... und ist ein Indiz für den politischen Analphabetismus dieser Leute oder aber auch für den erbärmlichen Versuch, durch diese Selbstetikettierung dem Label »Rechter« zu entgehen. Die halten sich nämlich für »links« bzw. »eher links«, weil sie halt nur eine grobe Ahnung davon haben, weil sie vielleicht für soziale Gerechtigkeit und gegen »die da oben« sind ... was sie mit dem egalitaristischen Kampf für soziale Gerechtigkeit linker Bewegungen verwechseln, der eben alle Menschen auf dem Planeten einschließt, und Klassenkampf gegen die Klasse der Kapitalisten wird bei diesen politischen Analphabeten zum Kampf gegen »die da oben«, die ihnen zu viele Flüchtlinge ins Land lassen, was also eigentlich, aber das schnallen die nicht, ein Kampf gegen ihre eigene Klasse ist, nur dass sie »Ausländer« halt nicht als ihresgleichen begreifen, weil sie eben keine Linken sind, sondern Rechte. Und im übrigen ist das sehr kompatibel mit »Sozialpatriotismus« à la Höcke, der ja auch kein Linker ist, nur weil er so tut, als lägen ihm deutsche (!) Arbeiter und Rentner am Herzen.

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