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Aus: Ausgabe vom 01.08.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Barmherzige Mutti

Von Reinhard Lauterbach
Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
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Vier Tage und Nächte lang haben die EU-Chefs in Brüssel um den nächsten Haushalt »gerungen«, und nicht nur sie reiben sich danach die Augen, weil sie über dem Gerangel nicht zum Schlafen gekommen sind. Eric Gujer, »Chefredaktor« der Neuen Zürcher Zeitung, glaubte noch vier Tage nach dem Abschluss des Gipfels, einem historischen Moment auf der Spur zu sein: »Deutschland war bereit, ein neues Kapitel aufzuschlagen und die Europapolitik einer ganzen Dekade zu entsorgen.« Wirklich zu entsorgen? Bei Markus Söder hört sich das alles mehr nach Recycling an. Der Frankfurter Rundschau erklärte er für Dummchen, was in dem italienischen Roman »Der Leopard« der Graf Salina zu einer Sentenz veredelt hat: Wenn alles beim alten bleiben solle, müsse sich halt von Zeit zu Zeit einiges ändern. Bei Söder ging der Übergang so: »Jeder Euro, den wir jetzt investieren, hat auch einen Nutzen für Deutschland. Der Erhalt des europäischen Binnenmarktes liegt in unserem fundamentalen Interesse als Exportnation. (…) BMW und VW können Autos nicht nur in Dingolfing oder Wolfsburg verkaufen.« Das heißt, das ganze Durchblicken von Redaktor Gujer über die angeblichen Mentalitätsunterschiede in Europa – »die nordeuropäischen Gesellschaften haben ein calvinistisches Staatsethos, in dem Verantwortung und Disziplin eine große Rolle spielen, während in Südeuropa der Staat vor allem als Melkmaschine gilt« – geht haarscharf an der Sache vorbei. Nicht nur, dass Gujer in der Aufregung über den historischen Augenblick offenkundig Melkkuh und Melkmaschine verwechselt, obwohl der Vergleich des Staats mit einer Melkmaschine ja eigentlich tatsächlich viel treffender ist: Schließlich verpflichtet der Staat mit Abzügen aus den Revenuen aller Klassen deren Angehörige dazu, weiter als diese zu funktionieren, auch wenn es ihnen meistens nicht guttut. Aber dies nur am Rande. Markus Söder bekennt sich mit seinem Auftrag an Deutschland, den Verkauf bayerischer Limousinen auch in Korinth und Reggio Calabria zu ermöglichen, ja eigentlich auch dazu, dass die Bundesrepublik lebhaft daran interessiert sein muss, dass Italiener und Griechen, wie es so schön heißt, »über ihre Verhältnisse leben«.

Na gut: Nicht nur in der Politik muss man das eigene Geschwätz von gestern schnell vergessen können. Im Mainstreamjournalismus kann das auch nicht schaden. Dabei werden die Halbwertszeiten auch hier immer kürzer. Im Spiegel betrug sie zuletzt die Minute, die man braucht, um eine Spalte Kommentar zu lesen. Erst phantasiert Steffen Klusmann davon, dass Angela Merkel »am Ende ihrer Amtszeit von der Zuchtmeisterin in Sachen Haushaltsdisziplin zur Barmherzigen in Sachen Corona« mutiert sei. Und dann liest er ihr die Leviten, es mit der Barmherzigkeit mal nicht zu übertreiben: »Es muss sichergestellt sein, dass die Zuschüsse nicht in Projekten versickern, die der Wettbewerbsfähigkeit (…) Europas zuwiderlaufen. (…) Wenn von der Leyen und Co. das vermasseln, wird die Union auseinanderbrechen. Und zwar zu Recht. Denn dann hätte Europa es schlichtweg nicht verdient, als Großmacht mitzumischen«.

Themawechsel. Definitiv keine Großmacht ist derzeit in Deutschland die FDP. Deshalb lässt die Welt einen Benedikt Brechtken, Student an der Ruhr-Universität Bochum und Vorsitzender der »Jungen Liberalen« im Kreis Recklinghausen, die Gegenoffensive des politischen Liberalismus einläuten: sich einfach zu allem bekennen, was die Partei auf keinen grünen, pardon, magentafarbenen, Zweig kommen lässt: Steuern böse, Gentechnik und Atomkraft – na klar! »Es wäre doch super, endlich wieder ›Atompartei‹ und ›Steuersenkungspartei‹ genannt zu werden«.

Stimmt. Das klingt rattengeil. Aber wenn sich die nächste Bank verspekuliert hat, dann wird auch dieser liberale Jungspund nach Steuergeldern zu deren Rettung rufen. Versprochen.

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