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Aus: Ausgabe vom 01.08.2020, Seite 15 / Geschichte
Krieg im Mittleren Osten

Invasion mit Folgen

Vor 30 Jahren marschierten irakische Truppen in Kuwait ein. Die USA reagierten mit riesigem militärischem Aufgebot
Von Knut Mellenthin
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US-amerikanische Jets über brennenden Ölquellen in Kuwait (Februar 1991)

Am 2. August 1990 ließ Iraks Staatschef Saddam Hussein seine Streitkräfte in das Emirat Kuwait einmarschieren. Angesichts der erdrückenden irakischen Überlegenheit war es kein Wunder, dass sie innerhalb von knapp zwei Tagen die Kontrolle über das kleine Nachbarland gewannen. Am 28. August wurde Kuwait offiziell annektiert und als Provinz in den Irak eingegliedert. Die US-Regierung unter George H. W. Bush reagierte, für Saddam anscheinend unerwartet, mit einem in der Region geschichtlich beispiellosen militärischen Aufmarsch und schließlich im Februar 1991 mit einem Bombenkrieg gegen den Irak und der Rückeroberung Kuwaits. Dafür hatte sich Bush Senior zuvor am 29. November 1990 mit Unterstützung der bereits in den letzten Zügen liegenden Sowjetunion ein Mandat des UN-Sicherheitsrats geholt.

Kriegsgründe

Saddams Entscheidung, gegen Kuwait vorzugehen, stand in direktem Zusammenhang mit Iraks jahrelangem Krieg gegen den Iran, den er am 22. September 1980 vom Zaun gebrochen hatte und der am 20. August 1988 mit einem von den UN vermittelten Waffenstillstand zu Ende gegangen war. Als Folge dieses Krieges hatte Irak einen Schuldenberg von schätzungsweise 80 Milliarden Dollar, eine zerrüttete Wirtschaft, eine stark reduzierte Ölproduktion und ein aktives Heer von mehreren hunderttausend Mann. Aufgrund der Waffenstillstandsvereinbarungen musste Irak seine Soldaten weitgehend demobilisieren, hatte aber auf absehbare Zeit nicht die Voraussetzungen, um sie wieder in die Wirtschaft und Gesellschaft zu integrieren.

Ab Frühjahr 1990 begann Saddam das Emirat Kuwait mit Vorwürfen und Forderungen zu bedrängen. Monatelange Verhandlungen folgten, in die sich vor allem Ägypten und Saudi-Arabien als Vermittler einschalteten.

Unter anderem kamen dabei auch die Gebietsansprüche wieder auf den Tisch, die Irak schon seit der Etablierung Kuwaits als selbstständiger Staat im Jahr 1961 erhoben hatte. Der damalige Staatschef in Bagdad, Abd Al-Karim Kasim hatte damals ein »historisches Recht« auf das gesamte Territorium des Emirats proklamiert. Sachlich war das aus der Luft gegriffen, da der irakische Staat überhaupt erst seit 1932 existierte und das Gebiet Kuwaits niemals Teil seines Territoriums gewesen war.

Es gab jedoch – jenseits absurder Ansprüche, die von keinem anderen Staat der Welt anerkannt und unterstützt wurden – eine Reihe von guten Gründen, das irakische Territorium durch die Annexion des benachbarten Emirats erweitern zu wollen. Dazu gehört die Tatsache, dass Irak nur einen ganz schmalen Zugang von etwa 22 Kilometern zum Persischen Golf hat und im Fall eines Konflikts leicht vom Seeweg komplett abzuschneiden wäre. Dies zu ändern, war schon 1980 ein zentrales Motiv für den Angriffskrieg gegen den Iran gewesen. Die Eingliederung Kuwaits oder auch nur die Gewinnung der kuwaitischen Insel Bubiyan hätte die ungünstige geographische Situation Iraks etwas verbessern können. Das Emirat argumentierte jedoch, dass alle bestehenden Grenzstreitigkeiten 1963 durch ein Abkommen beigelegt worden seien. Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt für Saddams Entscheidung war, dass Kuwait beträchtliche Reserven an Erdöl besitzt.

Außerdem erhob er gewichtige Vorwürfe gegen das Emirat. Erstens: Kuwait habe, während Irak mit dem Krieg gegen den Iran beschäftigt war, illegal große Mengen Öl aus einem Feld abgezapft, das sich beiden Länder teilten oder dessen rechtliche Zugehörigkeit umstritten war. Insgesamt habe Kuwait zwischen 1980 und 1990 dem Irak Öl im Wert von 2,4 Milliarden Dollar gestohlen. Zweitens: Das Emirat habe sich nicht an die Absprachen innerhalb der OPEC gehalten, sondern den Ölpreis durch Überproduktion niedrig gehalten. Dagegen behauptete Kuwait, es habe seine Förderung auf Bitten Bagdads um 800 Barrel pro Tag erhöht, weil dessen eigene Ölindustrie durch die Kriegsschäden stark beeinträchtigt gewesen sei, und habe den Erlös direkt an den Irak weitergegeben. Kuwait produzierte im Sommer 1990 insgesamt annähernd zwei Millionen Barrel Erdöl pro Tag, Irak 3,5 Millionen Barrel. Drittens: Kuwait sei nicht bereit gewesen, sich an den irakischen Kriegskosten zu beteiligen, sondern habe im Gegenteil verlangt, dass Bagdad die »Anleihen« zurückzahlen müsse, mit denen es von Kuwait ebenso wie von anderen arabischen Ölmonarchien unterstützt worden war. Konkret verlangte Bagdad vom kleinen Nachbarland mehrere Dutzend Milliarden Dollar »Entschädigung«. Kuwait, das seine finanziellen Leistungen während des Krieges auf 30 Milliarden Dollar bezifferte, bestritt jedoch, dass es diese jemals als Darlehen bezeichnet habe und deren Rückzahlung verlange. Es habe sich um ein Geschenk gehandelt, das sei unstrittig.

Aufmarsch der USA

Noch am 2. August 1990, nur wenige Stunden nach Beginn des irakischen Einmarsches nach Kuwait, verabschiedete der UN-Sicherheitsrat in Abwesenheit des jemenitischen Vertreters einstimmig eine Resolution, in der die Invasion als »zutiefst beunruhigend« verurteilt wurde. Bagdad wurde aufgefordert, alle Streitkräfte »unverzüglich und bedingungslos« zurückzuziehen und »eingehende Verhandlungen« mit Kuwait aufzunehmen.

Vier Tage später folgte eine zweite Entschließung, mit der internationale Sanktionen angeordnet wurden. Zu deren Durchsetzung autorisierte der Sicherheitsrat am 25. August 1990 die Errichtung einer Seeblockade, von der nur medizinische und andere »humanitäre« Güter ausgenommen waren. Alle Beschlüsse erfolgten mit Unterstützung der Sowjetunion und Chinas; nur der Jemen und Kuba enthielten sich bei den Abstimmungen. Am 29. November 1990 verschärfte der Sicherheitsrat die Situation entscheidend, indem er ultimativ verlangte, der Irak müsse alle Truppen bis zum 15. Januar 1991 aus Kuwait abziehen, und für den Fall der Nichtbefolgung alle erforderlichen militärischen Zwangsmaßnahmen autorisierte. Die Sowjetunion stimmte auch dieser Resolution zu, China enthielt sich, Kuba und der Jemen votierten dagegen.

Zu diesem Zeitpunkt war der von den USA geführte Kriegsaufmarsch gegen den Irak schon in vollem Gange. Im Januar 1991 standen fast eine Million Soldaten aus 35 Ländern zum Angriff bereit. Mit 575.000 Mann stellten die USA selbst das größte Kontingent. Am 17. Januar 1991 begann die »Operation Desert Storm« (Wüstensturm). Um die eigenen Verluste so gering wie möglich zu halten, bombardierten und beschossen die Streitkräfte der USA und ihrer Verbündeten zunächst mehr als einen Monat lang die irakischen Truppen in Kuwait und die wichtigsten Wirtschafts- und Infrastrukturobjekte im Irak selbst, bevor sie am 23. Februar am Boden nach Kuwait vorstießen. Am 28. Februar war der Krieg offiziell beendet.

Anweisung zur Kriegsvorbereitung

Auszüge aus der von US-Präsident George H. W. Bush unterschriebenen »National Security Directive« vom 20. August 1990.

Die US-Interessen am Persischen Golf sind lebenswichtig für die nationale Sicherheit. Zu diesen Interessen gehören der Zugang zum Öl sowie die Sicherheit und Stabilität der wichtigsten befreundeten Staaten in der Region. Die USA werden, soweit es erforderlich und angemessen ist, ihre lebenswichtigen Interessen in diesem Gebiet (…) gegen jede Macht verteidigen, deren Interessen uns feindlich sind. (…)

Um die Interessen der USA am Golf zu schützen und in Beantwortung der Bitten des Königs von Saudi-Arabien und des Emirs von Kuwait habe ich angeordnet, dass militärische Kräfte der USA zu zwei Zwecken in die Region verlegt werden: Um von Angriffen auf Saudi-Arabien und andere befreundete Staaten am Golf abzuschrecken und diese, falls notwendig, gegen weitere irakische Aggressionen zu verteidigen, und um die verbindlichen Sanktionen (…) gemäß den Sicherheitsratsresolutionen (…) durchzusetzen. Die US-Streitkräfte werden mit denen Saudi-Arabiens und anderer Golfstaaten zusammenwirken, um deren nationale Integrität zu bewahren und weitere irakische Aggressionen abzuschrecken. (…)

Ich genehmige darüber hinaus die Teilnahme der USA, in Verbindung mit den Streitkräften anderer befreundeter Regierungen, an zwei voneinander getrennten multinationalen Verbänden, die sich um die Verteidigung Saudi-Arabiens und die Durchsetzung der von der UNO mandatierten Sanktionen kümmern sollen. (…) Die USA werden sich hinsichtlich der Zusammensetzung und Organisierung dieser Kräfte eng mit den Saudis, Kuwaitis und anderen abstimmen.

Übersetzung: Knut Mellenthin

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