Contra Blockade, Protest-Abo!
Gegründet 1947 Donnerstag, 6. August 2020, Nr. 182
Die junge Welt wird von 2346 GenossInnen herausgegeben
Contra Blockade, Protest-Abo! Contra Blockade, Protest-Abo!
Contra Blockade, Protest-Abo!
Aus: Ausgabe vom 01.08.2020, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Foto Leserbriefe.png

Zurück an die Front

Zu jW vom 24.7.: »Bewährung für Mordbeihilfe«

Folgende Passage in dem Artikel hat mich irritiert: »Es bleibe allerdings ein schweres Versäumnis, dass nach Gründung der BRD … die Verbrechen der Nazizeit zunächst nicht mehr geahndet worden seien, einfach weil man damals die ganze Diskussion über dieses Thema nicht mehr haben wollte.« Diese Aussage (…) vermittelt den Eindruck, es wäre wesentlich um Verdrängung, einen Schlussstrich, der die Geschichte vergessen macht, (…) gegangen. All dies verfehlt Wesen und Charakter der sich herausbildenden BRD. Im Kern war die verhängnisvolle Neuformierung der Westzonen und nachfolgend der BRD von Anfang an gegen die erstarkende sozialistische Staatengemeinschaft mit ihrer (…) antifaschistischen Grundordnung gerichtet. In der BRD gab es keine Abrechnung, geschweige denn eine radikale Bekämpfung des faschistischen Schoßes. Dann hätte der Kapitalismus zur Disposition gestellt werden müssen. (…)

Als Winston Churchill 1945 in Fulton bedauernd preisgab: »Wir haben das falsche Schwein geschlachtet«, und faschistische Verbrecher in den kapitalistischen Hauptländern als willig dienende Berater gegen den Bolschewismus in die staatlichen Organe integriert wurden, waren die Weichen bereits gestellt. Hessens Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, bekennender Antifaschist und Initiator des Auschwitz-Prozesses, qualifizierte die sich entpuppende Fratze der BRD erschreckend zielsicher: »Wenn ich mein Büro verlasse, betrete ich Feindesland.« Ein weiterer Aspekt ist wichtig: Das Um- und Anwerben der faschistischen Leitungs- und Planungseliten durch die westlichen Alliierten, insbesondere durch die USA, war nicht nur Ermunterung und Schutzwall für die zunächst noch in den Löchern kauernden Nazis. Es war auch ein unmissverständlicher Startschuss für diese Verbrecher, wieder an die antikommunistische Front zurückzukehren und ihren Kampf fortzusetzen. Das ging ganz flott und ohne größere Störungen. (…)

In Schleswig-Holstein, meinem Geburts- und Wohnland, (…) wurde die Polizeiausbildung nach 1945 in sachdienlicher Voraussicht einem strammen NSDAP-SS-Mann übertragen, und in der Gerichtskantine des OLG Schleswig grölte der erste Staatsanwalt vergnügt erneut das faschistische Horst-Wessel-Lied. In Westerland auf Sylt wurde SS-General Heinz Reinefarth, berüchtigt als Schlächter von Warschau, bejubelter Bürgermeister und Landtagsabgeordneter. Von 61 NSDAP-Kreisleitern in Schleswig-Holstein wurden umgehend gleich zehn wieder auf freien Fuß gesetzt, sechs erhielten Geldstrafen, einige nur kurze Haft. Diese Liste ließe sich lange fortsetzen. Die Faschisten hatten schnell und sehr erfolgreich ihr Nazinetzwerk reaktiviert. Aber nicht in der Absicht des schnellen Vergessens oder mit dem Ziel, die Diskussion zu beenden. Im Gegenteil. Es ging um die Revitalisierung und Kontinuität der bekannten Zielsetzung: die Zurückdrängung und Bekämpfung antifaschistischer Positionen, die Zerschlagung des sozialistischen Lagers und ein wie auch immer gestalteter erneuter Feldzug gen Osten.

Niki Müller, per E-Mail

Kompliment von links

Zu jW vom 27.7.: »Früherer SPD-Chef Hans-Jochen Vogel gestorben«

Mit dem Kanzlerkandidaten Dr. Hans-Jochen Vogel forderte die SPD im Bundestagswahlkampf 1983 unter anderem die gesetzliche Einführung der 35-Stunden-Woche. Es blieb mir ein Rätsel, wieso »Schwarz-Gelb« mehrheitlich bestätigt wurde, zumal die verräterische FDP Ende 1982 in Umfragen bei circa drei Prozent gelegen hatte. Angesichts der Produktivitätsfortschritte, die auch in weiteren vier Jahrzehnten nicht aufhörten, könnte – sagen wir – Kevin Kühnert (SPD) doch vielleicht mal 25 Stunden fordern? Persönlich hörte und sah ich Dr. Vogel 1987 im Bonner Hofgarten, wo er sich klar für die Abrüstung der leider unter anderem von seinem SPD-»Genossen« Helmut Schmidt befürworteten »Pershing-II«-Atomraketen und Cruise Missiles aussprach. »Wir könnten auch einen gescheiten Kanzler haben« (statt Dr. Kohl, CDU), dachte ich mir. Im April 1999 forderte Dr. Vogel eine »vorübergehende Unterbrechung der Luftangriffe« (auf Serbien, damals Teilrepublik der BR Jugoslawien), »um Friedensverhandlungen eine Chance zu geben«. Hätten das oder ähnliches nur einige mehr der »grünen« Expazifisten auch von ihrem schnoddrigen Vergewaltiger Joseph Fischer gefordert, womöglich gar die Koalition mit den mörderischen Kriegsherren Gerhard Schröder und Rudolf Scharping verlassen! Gewiss: Dr. Vogel blinkte niemals links, und links zu handeln hätte er kaum als Lob aufgefasst – ich aber. Und ganz konkret in diesen drei Punkten mache ich ihm dieses Kompliment von Herzen. Er ruhe in Frieden.

Bernhard May, Solingen

Massaker und Invasionen

Zu jW vom 23. und 24.7.: »Kartell des Schweigens« und »Präventive Konterrevolution«

Die Massenmorde an Kommunisten von 1965 (…) garantierten, dass Indonesien keine Bedrohung mehr à la Vietnam und Kuba sein würde – kein »Infektionsherd«, der sich in ganz Südasien und »nach Westen ausbreiten« würde, wie der stockreaktionäre US-Diplomat George Kennan befürchtete, als er das Problem Indonesien als wichtigen Gesichtspunkt im Kampf gegen Moskau darstellte. Kennan erhielt im übrigen 1982 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Die Massenmorde stehen in engem Zusammenhang mit Washingtons Kriegen in Indochina, die wiederum den Willen der indonesischen Generäle um Suharto stärkten, die indonesische Gesellschaft zu »säubern«. Ein weiteres bedeutsames politisches Ereignis war die zehn Jahre später erfolgte Invasion indonesischer Militärs in Osttimor. Zwar wurde Indonesien vom UN-Sicherheitsrat aufgefordert, sich umgehend zurückzuziehen, schenkte dem jedoch keine Beachtung. Innerhalb von drei Jahren wurden circa 200.000 Menschen ermordet, wobei Indonesien in zunehmendem Maße militärische Unterstützung seitens der USA und, als die Grausamkeiten 1978 ihren Höhepunkt erreichten, auch von Großbritannien erhielt. Diese militärische Unterstützung währte bis 1999, mit dem furchtbaren Ergebnis, dass 750.000 Einwohner (85 Prozent der Bevölkerung) vertrieben und das Land praktisch zerstört wurde. Die US-Regierung unter Präsident »Bill« Clinton blieb bei ihrer menschenverachtenden Politik, die Angelegenheit liege allein »in der Verantwortung der indonesischen Regierung, die wir ihr nicht abnehmen wollen«.

Gerd-Rolf Rosenberger, Bremen

Angesichts der Produktivitätsfortschritte in den letzten vier Jahrzehnten könnte Kevin Kühnert doch vielleicht mal die 25-Stunden-Woche fordern?

Die junge Welt im Aktionsabo kennenlernen: Drei Monate lang für 62 Euro!

An guten Gründen für Protest mangelt es sicher nicht – ganz im Gegenteil. Diese Zeit hat Opposition bitter nötig! Doch ganz gleich wie der Protest aussieht, gilt: Nur was man versteht, kann man verändern.

Genau hier setzt die junge Welt an. Jeden Tag liefern wir gut sortiert Informationen und Inspirationen, machen Hintergründe und Zusammenhänge verständlich. Knapp und bündig bietet die junge Welt konsequent linken Journalismus, an jedem Wochentag auf 16 und am Wochenende auf 24 Seiten.

Die beste inhaltliche Basis für Protest! Deshalb bieten wir unser Sommerabo an: Drei Monate die junge Welt mit ihrem unverwechselbarem Profil kennenlernen. Danach ist Schluss, es endet automatisch.