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Aus: Ausgabe vom 01.08.2020, Seite 12 / Thema
Die feinen Unterschiede

Bourdieu und mein Vater

Wie das Bürgertum die Unteren unten hält. Die Studien des französischen Soziologen, der am 1. August 1930 geboren wurde, lassen sich auch an der Karriere eines Arbeiterkindes in der Bundesrepublik überprüfen
Von Ingar Solty
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»Gegen die Weiterbildung auf der höheren Schule spricht vor allem das Milieu, das sehr primitiv ist.« So lautete nach Ralf Dahrendorf ein gängiges Vorurteil bürgerlicher Lehrer gegenüber Arbeiterkindern (Arbeiterviertel in Duisburg-Hamborn, 1965)

Für meine Tochter

Meinem Vater sagt der Name Pierre Bourdieu nichts. Der französische Soziologe wird weder im Fernsehen noch in der Hörzu erwähnt, und die Meinerzhagener Zeitung wird ihm zu seinem 90. Geburtstag an diesem Sonnabend keine Extraseiten widmen.

Mein Vater kennt Bourdieu nicht, aber Bourdieu kennt meinen Vater. Sehr gut sogar. Sie würden sich gut verstehen. Bourdieu verallgemeinerte die Erfahrungen meines Vaters, die die von Hunderttausenden sind, und verlieh ihnen eine Stimme.

Pierre Bourdieu (1930–2002) hielt noch am Begriff der Klasse fest, als der Rest der Soziologie bestenfalls über durchlässige Schichten und Milieus ohne Oben und Unten schrieb. Er schrieb über sie nach 1989, als führende Soziologen wie Anthony Giddens den ihnen nahestehenden sozialdemokratischen Parteien einflüsterten, dass Gleichheit kein linkes Ziel mehr sei, sondern nur noch Chancengerechtigkeit. »Emanzipation« habe die Gleichheit als wichtigste Frage der Gegenwart und Zukunft abgelöst.

Die feinen Unterschiede

Gegen die völlige Anpassung der Sozialdemokratie an die Ideologie des Gegners schrieb Bourdieu bis zu seinem Lebensende an. Nun war Bourdieu kein Marxist. Er schrieb über Klasse nicht als soziales Ausbeutungsverhältnis in der Sphäre der Produktion, in der Mehrwert entsteht, nicht vom Klassenkampf als Motor der Geschichte und schon gar nicht von der Formierung der Klasse von unten, die den Kapitalismus aufhebt. Bourdieu interessierten, so der Titel seines Hauptwerks, »Die feinen Unterschiede«, in denen sich Klassendifferenzen ausdrücken. Im Kontext der allgemeinen Hinwendung der Sozialwissenschaften zu Sprache und Kultur in den 1980er Jahren widmete er sich der Kultur der Klasse und wie sie dazu beiträgt, die unteren Klassen unten zu halten. Manchmal erweckt er dabei den Eindruck, dass Klasse nur eine weitere Form von Diskriminierung darstellt.

Kapital war für ihn vor allem etwas, das die Besitzenden nutzen, um ihre Herrschaft abzusichern und ihre Kreise exklusiv zu halten. Er unterschied hierfür ökonomisches Kapital (das er im Sinne von Geldmittel und nicht, wie Marx, als soziales Verhältnis analysierte), soziales Kapital (die Netzwerke der Eltern, die der ökonomischen Kapitalvermehrung und dem Fortkommen des Nachwuchses nützen) und kulturelles Kapital (das Herrschaftswissen von der bürgerlichen Allgemeinbildung bis zu den symbolischen Formen von Macht). Letzterem widmete er sein besonderes Interesse.

Kaufst du deinen Hausrat bei IKEA, oder richtest du dich mit Gründerzeitmöbeln ein? Welche Musik hörst du – Klassik oder K-Pop? Wie hältst du beim Essen dein Besteck? Trinkst du Wein oder Bier und Schnaps? Und wenn du Wein trinkst, kaufst du ihn im Discounter, beim Weinhändler oder gar beim Weingut, das du selbst auf einer Weintour in Australien entdeckt hast? Ist deine Kleidung aus Naturstoff in matten Farben, oder trägst du knallbunte Baumwoll-Polyester-Mischungen? Verwendest du Wörter wie »blümerant« oder »bramarbasieren«, oder sagst du eher »kotzübel« und »angeben«? Wohnst du in Zehlendorf oder in Reinickendorf? Was liest du? Präferierst du Individualreisen und Städtetrips oder den All-inclusive-Urlaub dort, wo du jedes Jahr hinfährst?

Fragen dieser Art interessierten Bourdieu. Das kam nicht von ungefähr. Er entstammt einer Bauernfamilie aus Denguin im Südwesten Frankreichs und kam als begabtes Kind an die Eliteuniversitäten in Paris, wo die französische Staatsklasse rekrutiert wird. Wer am École normale supérieure, Collège de France oder der Sorbonne seinen Abschluss macht, kann sich praktisch aussuchen, welchen hohen Ministerialbürokratiejob er bekleidet. Bourdieu spürte indes schmerzhaft, dass er anders war als seine Kommilitonen. Er aß anders, er saß anders, er las anders. Er hörte anders, er redete anders. Er verstand mehr, aber man signalisierte ihm, dass er ein Bauerntölpel und Landei sei, das hier nichts verloren hatte.

Aus dieser Erfahrung entstand Bourdieus Theorie. Mit seinem Fokus auf die Kultur als symbolische Macht war er durchaus Teil des verhängnisvollen »linguistic« und »cultural turn«, in dem sich die Niederlage der historischen Arbeiterbewegung während des Neoliberalismus manifestierte. Aber er nutzte seine Beobachtungen von unten, um messerscharf zu sezieren, wie das Bürgertum die drei erwähnten Kapitalformen nutzt, die unteren Klassen draußen, also unten zu halten. Leute wie meinen Vater.

Gefühl der Ohnmacht

Mein Vater ist jünger als Bourdieu. Zwischen ihnen liegen 17 Jahre. Er wurde als das Kind eines Dienstmädchens und eines Landarbeiters geboren, die aus ihrem 600-Seelendorf im ostpreußischen Masuren vertrieben worden waren, in Mönchengladbach strandeten und dort als »Polacken« begrüßt wurden. In Gladbach hatten sie zunächst wieder als Landarbeiter gearbeitet, bevor seine Mutter dann Verkäuferin und Putzfrau und sein Vater »Lichtpauser« im Industriekonzern Mannesmann wurde. Mein Vater wuchs in der Flüchtlingsneubausiedlung Ohlerfeld auf, wo sich die zusammengewürfelten Ostflüchtlinge in Feierabendarbeit und Nachbarschaftshilfe gedrungene, identische Reihenhäuschen von 41 Quadratmetern Fläche gebaut hatten. Diesen Platz teilte sich die Familie mit einer anderen Flüchtlingsfamilie.

Die erste Schule, die mein Vater nach seiner Einschulung 1953 besuchte, war eine achtstufige evangelische Volksschule. Nach der vierten Klasse trennten sich die Wege: die anderen Flüchtlingskinder blieben oder wechselten, wenn sie gut waren, zur Realschule. Mein Vater durfte als einziger aus dem Viertel das Gymnasium besuchen. Ein solcher Weg war allerdings nicht vorgesehen. Für die Flüchtlings- und Arbeiterkinder waren die Karrieren vorgezeichnet.

»Das dreigliedrige, weitgehend undurchlässige Schulwesen«, heißt es in einer Studie zum bundesdeutschen Bildungssystem der Nachkriegszeit, »lässt Arbeiterkinder (…) von vornherein in die Volks- bzw. Hauptschule einmünden.«¹ Begabung allein reicht nicht aus, soll ein Arbeiterkind aufs Gymnasium kommen. »Das Gymnasium«, schreibt Bourdieu, »ist kein Bestandteil der konkreten Erfahrungswelt der Volksklassenfamilien«. Aus diesem Grund aber war und ist der Weg dorthin nicht ohne die besondere Förderung durch arbeiterklassensensible Volksschullehrer oder durch fördernde Verwandte möglich. »Damit man überhaupt daran denkt, das Kind auf das Gymnasium zu schicken«, so Bourdieu, »bedarf es anhaltender außergewöhnlicher Erfolge, der Ratschläge des Lehrers oder eines Familienangehörigen.« Der Startvorteil der »Kinder der gebildeten Klassen« liegt auf der Hand, denn, sie »investieren«, so Bourdieu, »in ihr Schulverhalten ein ganzes Kapital an Informationen über den schulischen Werdegang, die Tragweite der entscheidenden Wahlen (…), die zukünftigen Laufbahnen und die normalerweise zu ihnen führenden Orientierungen, über die Funktionsweise des Universitätssystems, die Bedeutung der Noten, die Sanktionen und die Belohnungen (…)«.² Die Bürgerkinder kennen Spiel und Spielregeln; sie sind für sie gemacht.

»Selbst wenn Arbeiter ihre Kinder auf weiterführende Schulen schicken wollen, bleibt noch ein Gefühl der Ohnmacht«, schreibt der deutsche Soziologe Ralf Dahrendorf (1929–2009) und zitiert aus einer empirischen Studie über die BRD der 1960er Jahre: Es schwinge »viel eher Scheu, Unsicherheit und Resignation mit, was die Bewältigung der hohen Anforderungen vor allem im Bereich der Sprache anbetrifft, bedingt durch die Tatsache, dass die Eltern durch fehlende Bildung nicht selbst helfen bzw. auf Grund mangelnder Finanzkraft nicht Nachhilfe erteilen lassen können«. Genau darum aber werde das freie Entscheidungsrecht von Eltern »zu einem Entscheidungsrecht (…) der Volksschullehrer, deren Rat weitgehend den Ausschlag dafür« gebe, »ob die Kinder von weniger bildungsfreundlichen Eltern eine höhere Schule besuchen oder nicht bzw. der höheren Lehrer, deren Rat den vorzeitigen Abgang vom Gymnasium zu beschleunigen oder aufzuhalten« vermag.³

Insofern aber Studien zufolge in den 1960er Jahren »zwei Drittel aller Pädagogischen Hochschüler aus Familien von Beamten und Angestellten und 20 Prozent aus Oberschichtfamilien« stammten, liege »die Annahme nahe, dass Lehrer bei ihren Auswahlentscheidungen nicht immer besonderes Verständnis für die Eigenart der Fähigkeiten von Arbeiterkindern« mitbrächten. Typisch sei, so Dahrendorf, der Lehrer, der keinen Zweifel habe, »dass ›Kinder aus gehobenen Schichten im allgemeinen besser geeignet sind für die höhere Schule‹«. Arbeiterkinder hätten am Gymnasium nichts verloren. Nicht deshalb, weil ihre »intellektuellen Begabungen« nicht ausreichten. Es ist etwas anderes: »Gegen die Weiterbildung auf der höheren Schule spricht vor allem das Milieu, das sehr primitiv ist.« Oder: »Die häuslichen Verhältnisse sind in jeder Beziehung dürftig«.⁴

Das »begabte Arbeiterkind«, so Dahrendorf, müsse also »nicht nur unmittelbar unter seinen häuslichen Verhältnissen leiden«, sondern werde »auch noch mittelbar für sie bestraft, insofern sie ihm bei der Auswahl auf der Soll-Seite seiner Befähigungsbilanz angerechnet« würden.⁵ Das westdeutsche Gymnasium sei darum eine »Standesschule« und »Mittelstandsinstitution«. Oder, wie es der westdeutsche Soziologe Heinrich Popitz (1925–2002) ausdrückte: »Unsere weiterführenden Schulen (…) sind ›Bürgerschulen‹, ideell und institutionell am Bürgertum orientiert und auf das Bürgertum eingestellt. Die Kinder aus der Arbeiterschaft (…) sind einem einseitigen Anpassungsdruck unterworfen«.⁶ Das Schulsystem, sagt wiederum Bourdieu, sorge »für das kollektive Heil der bereits begünstigten Klassen (…) und für das individuelle Heil von einigen Ausnahmen aus den benachteiligten Klassen«.⁷

»Prolet, Flüchtling, Protestant«

Mein Vater hatte keine intellektuellen Einflüsse; allein der eiserne Aufstiegswille seiner Eltern, ihr Wunsch, er möge es einmal besser haben, und ihre Selbstdisziplin, ihn von der Kultur im Klassenumfeld fernzuhalten, mussten genügen. Für das Arbeiterkind am Gymnasium beginnen hier aber erst die Probleme. »Der Junge hat es nicht leicht gehabt; doch liegt der schwierigere Teil seiner sozialen Lebensreise noch vor ihm«, urteilt Dahrendorf. »Als Kind gab es ihm Auftrieb, wenn die Eltern, die Geschwister und Verwandten von ihm sagten, er ›hat Köpfchen‹; obgleich schon im häufigen Lob ein hohler Ton der Fremdheit immer vernehmlicher mitschwang. Er konnte manches besser als seine Altersgenossen, aber sein Können forderte einen Preis. Wenn die andern, die Geschwister und Nachbarskinder auf der Straße herumstanden oder Fußball spielten oder, später dann, zum Tanzen gingen, saß er bei der verständnisvoll nicht-verstehenden Mutter und machte Schularbeiten; wenn die Geschwister im Wohnzimmer Schallplatten spielten, die Mutter bügelte und der Vater die Zeitung las und das Gelesene laut kommentierte, blieb ihm nur eine Tischecke zum Lesen der Bücher, die so gar nicht in das Zimmer passen wollten (…). Er trieb sich selbst immer wieder zur Arbeit an und wurde von Jahr zu Jahr einsamer (…)«.⁸

Einsamkeit war gesetzmäßig: »Wenn man auf der Straße einem Mädchen begegnete, mit dem man bis zur fünften Klasse die Schulbank gedrückt hatte und das jetzt eine Lehre machte oder die Sekretärinnenschule besuchte«, beschreibt die proletarische Aufsteigerin Annie Ernaux diese Einsamkeit, »kam man gar nicht auf den Gedanken, stehenzubleiben und sich kurz mit ihm zu unterhalten, genausowenig wie die Anwaltstochter, die sonnengebräunt aus dem Skiurlaub zurückkehrte, was ein Ausdruck ihrer gesellschaftlichen Überlegenheit war, uns nach Schulschluss eines Blickes würdigte«.⁹

Das bürgerliche Gymnasium – mein Vater ging auf das mathematisch-naturwissenschaftliche in der Lüpertzender Straße – war für das Arbeiterkind ein Schock. Es fing mit den Lerninhalten an, aber endete dort nicht, im Gegenteil. Das Gymnasium brannte meinem Vater eine Negatividentität ein, die er mit einer Mischung aus Scham und Stolz bis heute trägt: »Prolet, Flüchtling, Protestant«. Aber so wie meinen Vater das Gefühl überkam, nicht dazuzugehören, er seinen eigenen Eltern das Gelernte nicht einmal erklären konnte, so dachten auch seine Lehrer, er gehöre hier nicht hin. Ganz im Gegensatz zum Diplomatensohn Dieter Lesche, dessen Vater im Dienst im Irak war. Und der später Auslandsjournalist wurde. Im Gegensatz zu Uli Vos, dem späteren Feldhockey-Rekordnationalspieler und Olympiasieger. Im Gegensatz zum Fabrikantensohn Nossek, der ein miserabler Schüler war, aber nach der Meinung des Klassenlehrers von der Untertertia bis zur Obersekunda zum Abitur weitergehen sollte, während mein Vater vom Klassenlehrer zu hören bekam: »Mittlere Reife ist ja auch was. Mach doch ’ne Ausbildung!«

Auf diese Weise lernte mein Vater, dass, mit Bourdieu gesprochen, »die Chancen eines Kindes auf schulischen Erfolg viel direkter eine Funktion seiner sozialen Klasse als seiner persönlichen Talente sind«.¹⁰ Klar war auch, dass er im Zweifelsfall keine Lobby und keine sanfte Macht haben würde: Denn während die Eltern Schulveranstaltungen und Elternabende tendenziell mieden, um nicht die Scham mangelnder Formalbildung zu spüren zu bekommen, engagierten sich die Eltern der Bürgerkinder typischerweise im Elternbeirat.

Mein Vater bildete eine für seine Zeit adäquate »Neurose« aus, die realiter keine war, sondern einfach Klasseninstinkt. Er lernte, den Schlips- und Anzugträgern zu misstrauen, die mit ihrer Kleidung signalisieren, dass auch sie sich nicht die Hände schmutzig machen müssen, die signalisieren, dass sie mit dem Kopf arbeiten, die morgens duschen, nicht abends, die sich für was Besseres halten und es einen spüren lassen. Fortan entwickelte er eine sehr feine Nase für die »Was kostet die Welt?«-Haltung seiner Umwelt, das (klein-)bürgerliche Sich-dicke-Tun, das Angeben mit dem eigenen ökonomischen, sozialen oder kulturellen Kapital, mit dem, was man besitzt, wen man kennt und was man weiß oder zu wissen vorgibt. Mein Vater erkannte instinktiv, dass dieses »Strunzen« zu dem gehörte, was Bourdieu die »ganz alltägliche Form (…) des Klassenkampfes« genannt hat, diese »rücksichtslose gegenseitige Verächtlichmachung, (…) die Arroganz, (…) die erdrückenden Prahlereien mit dem ›Erfolg‹ der Kinder, mit den Ferien, mit den Autos oder anderen Prestigeobjekten, (…) verletzende Gleichgültigkeit, (…) Beleidigungen«.¹¹

Kleinbürgermoral

In der Arbeiterkultur, in der er aufwuchs, hatte mein Vater eine manchmal in Distanzlosigkeit und offene Kränkung ausartende Direktheit und Ehrlichkeit erlebt. In den Arbeiterfamilien tat man nicht so, als sei alles in Ordnung. Man legte die eigenen Unzulänglichkeiten offen, weil man sie in beengten Wohnverhältnissen und hellhörigen Häusern ohnehin nicht verstecken konnte, weil ohnehin alle Bescheid wussten und dieselben Probleme hatten, schimpfte also, so wie mein Vater es später selbst tun würde, vor den Nachbarn, Lehrern, Kollegen und Familienmitgliedern über den Nachwuchs, weil der sich nicht genügend anstrengte oder ein Herumtreiber war, also vor den beengten und nicht selten mit Streit um Geld belasteten und teils von Gewalt geprägten Wohnverhältnissen der Arbeiterklasse floh.

Aber in der anderen Klasse, dem Kleinbürgertum, da wurde plötzlich jede Schwäche versteckt, wahrte man den bürgerlichen Schein und zerbrach oft daran, wenigstens innerlich. Im Gymnasium konnte man plötzlich die typische »Hinterfotzigkeit« der auf Lohnarbeit angewiesenen »Mittelklassen« und bürgerlichen Funktionseliten kennenlernen, die aus der ungemindert scharfen Konkurrenz und Vereinzelung in diesem Klassenmilieu resultiert. Also das »falsch vorsagen«, »nicht abschreiben lassen«, das »du bist meine beste Freundin und hinter dem Rücken lästern«. Bourdieu hat diese »individualistische, utilitaristische Moral (…), wo jeder sein Heil und sein Fortkommen durch sich selbst und für sich selbst sucht«, als die »Moral (…) des Kleinbürgertums« beschrieben, einer »Zwischenklasse, die die Prätention kultiviert«, im Sinne der »Haltung einer sozialen Klasse, die versucht, zu werden, was sie noch nicht ist, und daher durch Antizipation ein gegebenes Modell« – das des Großbürgertums – »zu imitieren«. Beim Kleinbürgertum »triumphieren die Sorgen um das individuelle Heil, der Wettbewerbsgeist, der Geschmack am ›Er-Scheinen‹«.¹²

Sich in dieser völlig fremden und feindlichen Welt bewegend lernte mein Vater, nur wenigen zu vertrauen; Außenseitern, wie etwa Jürgen, mit dem er seine Edgar-Wallace-Krimis gegen dessen Karl-May-Bände tauschte, dem Sitzenbleiber und Tischnachbarn Detlef, der nicht durchhalten und sich dann bei der Bundeswehr verpflichten würde, und Johannes, der als mathematisch-naturwissenschaftlich begabtes Kind verspätet auf das Gymnasium kam und zusehen musste, dass er in Latein oder Englisch wenigstens eine vier minus schaffte, um nicht sitzenzubleiben.

Mein Vater machte Bekanntschaft mit den von Bourdieu beschriebenen »Leiden und Erniedrigungen, die im Namen der Kultur geschehen«, wie sie »zur Unter- und Überordnung von Menschen« beiträgt.¹³ Bourdieu schreibt, dass »das, was Kultur oder Bildung heißt, d. h. legitime Kultur, jene, die in den Gymnasien oder Oberschulen gelehrt wird und beim Partygeplauder so hoch im Kurs ist, den unteren Klassen komplett fehlt – und das nicht ohne Grund: denn diese Kultur und Bildung ist im allgemeinen gegen sie gerichtet«.¹⁴ Das fängt bei der Sprache an: »Sobald die Vertreter der unteren Klassen (…) ihre Sprache anbieten, bekommen sie schlechte Noten, da fehlt ihnen die richtige Aussprache, die richtige Syntax usw.«¹⁵ Die Lehrer bevorzugen »instinktiv« die Schüler, die »die privilegierten Werte der Bourgeoisie ausdrücken, zu der [der Lehrer] gehört, oder zu der er sich mit seiner Ausbildung zählt«.¹⁶

Ständiger Kampf

Unter diesen Bedingungen war die Schulzeit ein ständiger Kampf. Gegen die andauernden Herabsetzungen durch die bürgerlichen Lehrer, die einem nichts zutrauten und einen für dumm hielten oder gar ihre Verachtung spüren ließen, weil man bestimmte Sprechweisen, Ausdrücke, Gepflogenheiten der Bürgerlichen nicht drauf hatte, auf die Lehrer Wert legten. Gegen die Verunsicherung und Scham, dass man aus weniger gebildeten Verhältnissen kam und bestimmte Dinge nicht kannte oder noch nicht wusste, die für die Bürgerkinder selbstverständlich waren, weil sie sie am Abendbrottisch aufgeschnappt oder ihre Eltern sie ins Theater, Museum oder klassische Konzert mitgeschleift hatten, während man selbst mit den Onkeln bei »Boh-russja« im Stadion gewesen war. Gegen die daraus resultierenden Selbstzweifel an den eigenen Fähigkeiten, weil man den »Unterschied zwischen Begabung und Faktenwissen nicht kannte«.¹⁷ Gegen die Auffassung, dass man eben nicht so intelligent sei wie die Mitschüler und sich vielleicht tatsächlich mit weniger zufriedenzugeben hatte, so wie die eigenen Freunde im Viertel. Gegen die Scham, nicht die richtigen Neigungen und den »richtigen Geschmack« zu haben. Gegen die empfundene Peinlichkeit angesichts der einfachen Sprache der Verwandtschaft, ihrer Geschmäcker und schlichten Wohnverhältnisse. Gegen die Demütigung, dass man bestimmte Spielzeuge nicht besaß, die die Bürgerkinder mit lässiger Geste vorzeigten, manchmal gar demonstrativ kaputtmachten, bloß um am nächsten Tag mit dem neugekauften Ersatz aufzuschlagen. Gegen die Scham, dass die eigene Kleidung nicht so neu und glänzend war, weil man die alten, vielfach geflickten und verlängerten Klamotten älterer Geschwister oder Verwandter aufzutragen hatte. Gegen die eigenen Selbstzweifel, die aus den ständigen Herabsetzungen und Kränkungen resultierten. Gegen Verdächtigungen und Anfeindungen seitens der Verwandten und Nachbarskinder, die auf die Hauptschule gingen, und ihre Vorwürfe, man halte sich wohl plötzlich für was Besseres und verrate sein Umfeld. Gegen den gefährlichen, weil Isolation provozierenden Impuls, in Arroganz Zuflucht vor diesen Angriffen zu suchen. Gegen die Tatsache, dass man bei den bürgerlichen Lehrern immer höhere Leistungen erbringen musste als die Bürgerkinder, um die gleiche Zensur zu bekommen. Gegen die Wut angesichts dieser Ungerechtigkeit, die aber ständig unterdrückt werden musste, um den Lehrern keinen Vorwand zu geben, einen auszusieben. Gegen den emotionalen Stress und die psychische Anstrengung, sich täglich in einer feindlichen Umwelt zu bewegen. Dort, wo niemand aus dem eigenen Viertel hinging. Wo man niemanden kannte, den man sich zum Vorbild nehmen konnte, während die Kinder aus dem Bürgertum sich ganz selbstverständlich auf dem Gymnasium bewegten. Weil schon ihre Eltern hier gewesen waren. Weil es für sie normal war.

Und dann die Frage nach dem »Danach«. Die Aussicht zu studieren war für die Bürgerkinder selbstverständlich. Für das Arbeiterkind ist es eine gigantische Hürde. Weil, wie Dahrendorf schreibt, verglichen mit »der Lohnerhöhung von morgen, dem eben angebotenen besseren ›Job‹ (…) der lange Weg einer akademischen Ausbildung fremd und unwirklich erscheint«. Auch weil »schnell arbeiten und Geld verdienen« für das Arbeiterkind oft genug bedeutet, aus beengten und nicht selten gewaltvollen Familienverhältnissen aussteigen zu können. Und weil die Fremdheit des Gymnasiums erst recht für die Hochschule gilt, denn selbst wenn die Arbeiterkinder »in einer Universitätsstadt wohnen (…), bleibt für sie die Universität eine Einrichtung einer Welt, die nicht ihre ist«.¹⁸

»Von unten bis ganz nach oben funktioniert das Schulsystem«, schreibt Bourdieu, »als bestände seine Funktion nicht darin, auszubilden, sondern zu eliminieren. Besser: in dem Maß, wie es eliminiert, gelingt es ihm, die Verlierer davon zu überzeugen, dass sie selbst für ihre Eliminierung verantwortlich sind«.¹⁹ Das Prüfungssystem mit seinen gleichen Aufgaben für ungleiche Kinder vermittelt dagegen den durchgeschleusten Bürgerkindern das Gefühl, begründet oben zu stehen, die unteren Klassen später begründet herumzukommandieren – als Staatsbeamter, der den Arbeitsmarkt »flexibilisieren« will und Maßnahmen für »Arbeitsscheue« konzipiert, als Unternehmensberater, der auf dem Rücken der Arbeiterklasse Unternehmen verschlanken hilft, als Manager, der die Beschäftigten überwacht und die Arbeitsprozesse verdichtet, als Banker, der die Kreditwürdigkeit von Lohnabhängigen in Frage stellt, als Journalist, der volkserzieherisch Ratschläge erteilt. Die Schule, so Bourdieu, ist »einer der wirksamsten Faktoren der Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung (…), indem [sie] der sozialen Ungleichheit den Anschein von Legitimität verleiht«.²⁰

Unter diesen Bedingungen konnte es nur schaffen, wer von den Eltern diszipliniert wurde, diese Disziplin verinnerlichte und gegen sich selbst walten ließ. Schulerfolg für das Arbeiterkind war Fleißarbeit, Lernen als Fremdbestimmungserfahrung und nicht als Weltaneignung, Lernen nicht für sich, sondern für die Schule und die übermächtigen und ja eigentlich verhassten Lehrer, »defensives Lernen« (Klaus Holzkamp) als Mittel zum Zweck des Sozialaufstiegs, nicht als Mittel zur Selbstbefreiung, Lernen als Aneignung einer äußerlich bleibenden bürgerlichen Kultur und nicht als ihre Aneignung für Emanzipation und Kritik eben dieser Kultur und ihres Herrschaftscharakters. Diese Selbstdisziplin ist meinem Vater bis heute unauslöschlich eingeschrieben.

Anmerkungen

1 Hans Altendorf u. a.: Arbeiterkinder an den Hochschulen. Soziale Selektion, materielle Lage, Ausbildungsförderung, Frankfurt/Main 1978, S. 16 f.

2 Pierre Bourdieu: Wie die Kultur zum Bauern kommt. Über Bildung, Klassen und Erziehung, Hamburg 2001, S. 29

3 Ralf Dahrendorf: Arbeiterkinder an deutschen Universitäten. Tübingen, 1965, S. 24

4 Ebd., S. 26

5 Ebd.

6 Ebd., S. 28

7 Wie die Kultur, S. 20

8 Dahrendorf: Arbeiterkinder, S. 3

9 Annie Ernaux: Die Jahre, Berlin 2017, S. 48

10 Wie die Kultur, S. 30

11 Pierre Bourdieu: Die verborgenen Mechanismen der Macht. Hamburg 1992, S. 18

12 Wie die Kultur, S. 19

13 Die verborgenen Mechanismen, S. 27

14 Ebd., S. 39

15 Ebd., S. 40

16 Wie die Kultur, S. 23

17 J. D. Vance: Hillbilly Elegies. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise. Berlin 2017, S. 59

18 Arbeiterkinder, S. 19

19 Wie die Kultur, S. 31

20 Ebd., S. 25

Ingar Solty schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 13./14.6. über den Soziologen und Nationalökonomen Max Weber.

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Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus H. ( 2. August 2020 um 12:07 Uhr)
    Bourdieu war sehr wohl marxistischer Soziologe.

    Der Lohnkampf und der Wahlkampf sowie aktuelle Kriege machen ganz erheblich weniger das »Alltagsleben« aus, als so linken professionellen Politikberuflern so präsent gewesen zu sein scheint (Verlaufsform).

    Hier die proletarische, progressive Öffentlichkeit zum Thema in Bourdieus Geiste:

    Tantrasex statt Psychiatrie und Ernährehe, globaler Überbevölkerung.

    Damit ist allen so ziemlich klar, was das für das wirkliche Leben der Masse der, aller Menschen heißt.

    Die kirchenersetzende Marx-Spinoza-geophilosophische (Strukturalismus-)Linie.

    Ich zerrede das jetzt nicht mehr.
  • Beitrag von Josie M. aus J. ( 2. August 2020 um 15:11 Uhr)
    Unabhängig davon, ob Bourdieu sehr wohl ein »marxistischer Soziologe« war, was ich nicht beurteilen kann, möchte ich Ingar Solty hiermit ausdrücklich für diesen Artikel danken!

    Tatsächlich werden hier auch meine eigenen Erfahrungen, die eines »Landeis«, das zehnjährig 1954 ans Gymnasium in die Stadt (einer westdeutschen) verschlagen wurde, wiedergegeben.

    Und ich werde einen Ausdruck davon auch an meine Tochter weitergeben.

    Nochmals herzlichen Dank!

    Josie Michel-Brüning, Wolfsburg

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