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Aus: Ausgabe vom 01.08.2020, Seite 10 / Feuilleton
Ausstellung

Kunst der Affekte

Wie der Barock über das nördliche Europa kam: Eine imposante Ausstellung im Paderborner Diözesan-Museum
Von Michael Girke
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Peter Paul Rubens: »Beweinung Christi« (um 1612)

Was macht die in inneren und äußeren Gemütsregungen manieristisch schwelgende Barockkunst in Ostwestfalen, dessen Bewohnern man doch nachsagt, ziemlich unterkühlt durchs Leben zu gehen? Nun, die Kunst kündet davon, dass es im Ostwestfälischen einst anders, nämlich extravagant zuging. Das war, als die Stadt Paderborn, vom Dreißigjährigen Krieg schwer mitgenommen und der Vereinnahmung durch Hessen glücklich entgangen, sich anschickte, ihren Dom zu erneuern – und zwar in jenem Barockstil, den der Kulturhistoriker Gustav René Hocke einmal als größte Blütezeit der Kunst seit Altägypten und dem antiken Athen bezeichnete.

Fürstbischof Dietrich Adolf von der Recke beauftragte Antonius und Ludovicus Willemssens, Brüder aus dem flämischen Antwerpen, seiner Gemeinde Glanz zu verleihen. Von 1655 bis 1661 weilten diese in Paderborn und kreierten dabei einen dreiteiligen Altar im neuen, innovativen Barockstil. Das Tor war geöffnet, diese Kunstrichtung brach sich in Paderborn und im übrigen Norden Bahn. Wie das vonstatten ging, wie diese Stilrevolution Bauwerke, Kirchenausstattungen, Bürgerselbstdarstellungen prägte, das führt jetzt eine Ausstellung im Paderborner Diözesanmuseum vor Augen.

Der von den Gebrüdern Willemssens geschaffene Altar wurde in der Endphase des Zweiten Weltkriegs unwiederbringlich zerstört, so dass der Beweggrund der Ausstellung nicht als Original, sondern in Form einer Computeranimation zu sehen ist. In den 1980er Jahren fanden sich in einem Keller Reste eines zu diesem Altar gehörenden, bei einem Luftangriff in Fetzen gegangenen Gemäldes wieder. Mit großer Anstrengung hat man es restauriert. Das nur noch als Fragment erhaltene Barockbild, in das sich die Wunden der Zeitverläufe gleichsam eingefräst haben, lässt sich nun im Rahmen der Paderborner Ausstellung erstmals seit langem wieder betrachten.

Was hat das alles mit Peter Paul Rubens zu tun, dessen Namen der Ausstellungstitel ins Zentrum rückt? Fakt ist: Jene Gebrüder Willemssens waren Schüler des Antwerpener Meisters. Rechtfertigt das, mit dem großen Namen eines Klassikers, der Paderborn selbst niemals beliefert hat, nach Spektakel und Event haschend zu wedeln? Sollte die Außendarstellung nicht das benennen, worum es doch in der Ausstellung wesentlich geht: die regionalen Aspekte der internationalen Ausbreitung einer Kunstform, der Barock jenseits der Zentren? Dass das Konzept der Paderborner Ausstellung durchaus widersprüchlich ist, muss man konstatieren, zugleich sind ästhetischer Rang und Formenspektrum der gezeigten Exponate schlicht atemberaubend.

Bei Rubens handelt es sich nicht um einen einsamen Genius im Elfenbeinturm, er war ein gut organisierter Kunstunternehmer mit Auftraggebern in ganz Europa und zahlreichen Mitarbeitern. Ein Clou der Ausstellung ist es, dass sie dem Besucher erlaubt, dem Künstler bei der Arbeit zuzusehen. Zu einem Wandteppichzyklus, der die katholische Auffassung der Eucharistie visualisiert, hat Rubens Vorstudien in Gestalt kleinformatiger Zeichnungen angefertigt. Diese in Paderborn gezeigten Skizzen, Modelli, sind dem finalen Werk künstlerisch gleichrangig, übertreffen dieses gar an darstellerischer Freiheit. Richtiggehend ins Auge sticht Rubens Bildnis »Martyrium der Heiligen Lucia«. Welch gewagt kalkulierte Dramaturgie von Gesten der Gewalt und des Leidens daran – ein 400 Jahre altes Bild, das den Betrachter noch immer tief zu berühren vermag.

Dass auch der bewunderte Formenerweiterer Rubens seine Grenzen hatte, wird in Paderborn auch deutlich. Den Auftraggebern seiner »Auferstehung« hat Rubens’ Darstellung des aus dem Totenreich wiederkehrenden, triumphierend kraftstrotzenden Christus gewiss zugesagt. Doch statt die Auferstehung angemessen als Metapher eines schwerlich nur zu fassenden Psyche-Geschehens anzusehen (eine Art Wiedergenesung nach Depression oder anderen schlimmsten Zuständen), transformiert Rubens sie in ein plattes Heldenklischee. Insgesamt aber macht die Paderborner Ausstellung es möglich, in die fließende, ungemein facettenreiche, alles Feste verspielt auflösende Formen- und Farbenpracht des Barock staunend einzutauchen. Hier wird das Museum wieder die Wunderkammer, die es in seinen Anfangszeiten gewesen ist.

Einen Wermutstropfen gibt es allerdings. Die letzte Ausstellungsabteilung will Spuren der Barockrezeption in der Gegenwartskunst aufzeigen. Was hat man darob alles zusammenbekommen: Videoinstallationen, Plastiken, Bilder; Werke von Christoph Brech und Gerhard Richter. Einerseits leidet das Ganze unter seiner Beliebigkeit (man könnte viele weitere auf fundamental andere »Barockaspekte« verweisende moderne Werke zeigen). Andererseits macht diese Abteilung ungewollt sichtbar, wie anders, weil bestimmten ethisch-religiösen Empfindungs- und Denkweisen verhaftet, der 400 Jahre alte Barock gegenüber heutigen Anschauungen ist. Gerade weil sie es möglich macht, das Andere, Fremde, schwerlich nur zu Verstehende der Welt und der Ausdrucksweisen unserer Vorfahren kennenzulernen, lohnt der Besuch der Paderborner Ausstellung.

»Peter Paul Rubens und der Barock im Norden«. Bis zum 25.10. im Diözesanmuseum Paderborn

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