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Aus: Ausgabe vom 01.08.2020, Seite 8 / Ansichten

Wahn mit Methode

Coronaleugner-Demo in Berlin
Von Sebastian Carlens
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Demonstration gegen Coronamaßnahmen am 30. Mai 2020 in Berlin

Berlins Innensenator ­Andreas Geisel verbreitet Panik: Er erwarte bis zu 22.000 Demonstranten am Wochenende; Menschen würden gar mit Bussen aus Baden-Württemberg kommen, sagte er am Freitag und appellierte an eine Urangst der Berliner: Invasoren aus dem Schwabenland. Die Stuttgarter Initiative »Querdenken 711« hat eine Kundgebung am Sonnabend angemeldet, ihre Unterstützer aus Berlin haben eine halbe Million Teilnehmer zum »Tag der Freiheit« in Aussicht gestellt. Geisel glaubt das nicht, findet aber, dass es sich um eine »besondere Herausforderung« handelt. Denn unter den Demonstranten sind Coronaleugner – für sie gibt es kein Pandemiegeschehen, das weltweit Opfer fordert.

Gleich 500.000 gegen »Coronadiktatur« und »Merkel-Maulkorb«? Dazu wird es nicht kommen. Die Anmelder, darunter der »Demokratische Widerstand«, der vor einigen Monaten in Berlin Hunderte mobilisieren konnte, rudern selbst zurück: zunächst auf 100.000, nun auf 10.000 Teilnehmer. Wenn es dann 5.000 werden, hängen sie noch eine Null daran und feiern das als riesigen Erfolg.

Doch die Bewegung hat ein Gütesiegel: »Die Teilnahme einzelner Vertreter extremistischer Gruppierungen führt nicht ohne weiteres zu einer Bewertung der Veranstaltung bzw. Versammlung als insgesamt extremistisch.« So hatte der Verfassungsschutz Baden-Württemberg »Querdenken 711« geantwortet, als die Initiative in Erfahrung bringen wollte, ob sie einen »Anlass zur Beobachtung« abgäbe. Die Beteiligung bestimmter »Vertreter« lässt sich nicht leugnen – die des Holocaustleugners Nikolai Nerling beispielsweise, der auf den Cannstatter Wasen AfD-Anhänger interviewt hat. Auch Jürgen Elsässer mischt rege mit: »Am 1. August soll in Berlin, in unserer Hauptstadt, ein unübersehbares Signal gesetzt werden!« Das rechte Hetzblatt Compact hat »schon seit Ende Mai Verpflichtungserklärungen zur Teilnahme an einer solchen mächtigen Protestkundgebung gesammelt«.

»Fake-Virus« und Weltverschwörung – verhindert der Wahn der Bewegung ihre politische Indienststellung? Das Gegenteil ist der Fall. Die irrationale Grundhaltung ihrer kleinbürgerlichen Basis lässt sich formen, gegen dieses und jenes lenken – das sieht man in den USA, bei Donald Trumps Stormtroopern. Dem Kapital bietet dies potentiell Stoff für gleich zwei Legenden: An den wirtschaftlichen Verwerfungen (die deutsche Wirtschaft bricht um 10,1 Prozent ein, meldete die »Tagesschau« am Donnerstag) ist überhaupt nicht die allgemeine Krise des Kapitalismus Schuld. Die Schutzmaßnahmen hingegen, die eben jener Wirtschaft schadeten, sind auch überflüssig, weil das Virus gar keine Gefahr darstellt.

Noch besteht keine Not, Faschisten und Demagogen wie Elsässer, Attila Hildmann oder Ken Jebsen offen einzuspannen. Das aber kann sich rasch ändern, und für das deutsche Kapital gilt, gerade und erst recht unter Eindruck der Präsidentschaft Trumps: Von den USA lernen, heißt siegen lernen.

Wann, wenn nicht jetzt?

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Eine gute Gelegenheit, um die Tageszeitung gegen Kapitalismus kennenzulernen. Auf zum Endspurt!

Debatte

  • Beitrag von Hagen R. aus R. (31. Juli 2020 um 20:44 Uhr)
    Meine Hypothese ist, dass die »Coronaleugner« vom Kapital gar nicht absichtlich erzeugt wurden. Sie sind vielmehr ein Abfallprodukt der Zucht von »Klimaleugnern« durch Kampagnen der Kohle- und Ölindustrie. Durch deren Thinktanks wurde der Mythos eines sich verschwörenden Wissenschaftssystems erzeugt, das im Interesse einer geheimen Elite agiert, den »einfachen Bürger« unterdrücken will und jeden, der die »Wahrheit« verkündet, ausgrenzt. Die Profitinteressen sind klar.

    Da nun die Situation wieder ähnlich ist (klare wissenschaftliche Erkenntnis verlangt vom einzelnen vernünftigerweise Änderungen seines Verhaltens), werden dieselben antrainierten irrationalen Muster angewandt (»Die wollen uns doch alle nur verarschen«). Ich kann aber nicht erkennen, welche Kapitalfraktion zumindest in Deutschland von Coronaleugnung profitieren sollte.
    • Beitrag von Josie M. aus J. ( 2. August 2020 um 14:20 Uhr)
      Ja, tatsächlich kann keine »Kapitalfraktion« irgendeinen unmittelbaren Vorteil aus diesem Verhalten nach »irrationalen Mustern« ziehen, außer unter Berücksichtigung der uralten Römer-Devise »Teile und herrsche!«

      Und dann scheint es »Schnittmengen« bei den unterschiedlichen Gruppen zu geben, ob bei Pegida-Anhängern, AfDlern oder in den noch extremeren rechten Gruppierungen, nicht nur fühlen sie sich alle »verarscht«, sondern sie suchen auch nach greifbaren Sündenböcken.

      Und einige der Sündenböcke scheinen auch der »Kapitalfraktion« sehr zupass zu kommen.

      Josie Michel-Brüning, Wolfsburg

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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