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Aus: Ausgabe vom 01.08.2020, Seite 7 / Ausland
Niederlande BRD

Für Naziverbrechen zahlen

Niederlande: Holocaustopfer wollen von BRD Entschädigungen für Zugtransporte in KZ
Von Gerrit Hoekman
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Zuggleise beim niederländischen Nazidurchgangslager Westerbork (12.4.2005)

Vergangenes Jahr brachte Salomon Muller die Niederländische Eisenbahn dazu, Holocaust-Überlebenden eine Entschädigung zu zahlen. Die Eisenbahngesellschaft hatte während der deutschen Besatzung des Landes für die Nazis Juden und Sinti und Roma aus dem Land bis zur deutschen Grenze gebracht, wo sie von der Reichsbahn weiter deportiert wurden. Die Betroffenen erhielten deshalb insgesamt 50 Millionen Euro: 15.000 Euro pro Person für die 500 Überlebenden und zwischen 5.000 und 7.500 Euro für etwa 6.000 direkte Nachkommen und hinterbliebene Ehepartner. Nun möchte Muller auch von der Bundesrepublik Entschädigungszahlungen erreichen, berichtete der öffentlich-rechtliche Sender NOS am Mittwoch.

In einem am Montag an Bundeskanzlerin Angela Merkel adressierten Brief schreibt Mullers Anwalt Axel Hagedorn: »Wie Ihnen möglicherweise bekannt ist, hat im Sommer 2019 die niederländische Bahn entschieden, 500 Holocaustüberlebenden und Tausenden direkten Nachkommen eine finanzielle Vergütung zukommen zu lassen«, und weiter: »Mein Mandant hält es an der Zeit, dass auch die Bundesrepublik Deutschland ihrer Verantwortung für dieses Unrecht nachkommt«.

Auch wenn seinem Mandanten natürlich bewusst sei, dass die Deutsche Bahn AG keine Rechtsnachfolgerin der Reichsbahn ist, erhebe dies die BRD aber nicht von der »zumindest moralischen Verpflichtung, den damaligen Opfern entgegenzukommen«. Immerhin nutze die Deutsche Bahn bis heute das Schienennetz, auf dem Juden, Sinti und Roma in die KZ deportiert wurden. Mehr als 100 Transporte wurden von der niederländischen Grenze zu den Vernichtungslagern Auschwitz und Sobibor durchgeführt.

»Besonders verwerflich wird dieses zugefügte Leid, wenn man weiß, dass die abtransportierten Juden größtenteils die Transportkosten selbst bezahlen mussten.« Dies treffe auf 107.000 Niederländer zu. Die Deutsche Reichsbahn habe dadurch mindestens 16 Millionen Reichsmark eingenommen, rechnete der Historiker Dirk Mulder am Mittwoch in der Nachrichtensendung »Nieuwsuur« vor. Das Geld erhielt die Reichsbahn, ebenso wie die holländische Bahn, von dem durch die SS geraubten Besitz der Deportierten. »Die Juden bezahlten ihren eigenen Transport in den Tod«, so Mulder.

Das Schreiben an Merkel sei als Kopie auch an Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer, an Bundesfinanzminister Olaf Scholz sowie an die Präsidentin des Bundeseisenbahnvermögens Marie-Theres Nonn, den Vorstandsvorsitzenden der DB Netz AG, Frank Sennhenn, und den Chef der Deutschen Bahn AG, Richard Lutz, gegangen, so Hagedorn.

Der 84 Jahre alte Muller warnte die Bundeskanzlerin, das Ansinnen nicht bis zur nächsten Bundestagswahl auszusitzen. Auch die Niederländische Eisenbahn hatte zwar Bedauern geäußert, sich jedoch lange Zeit gegen Kompensationen gewährt. Zweieinhalb Jahre bemühte sich Muller intensiv um eine Entschädigungszahlung durch das Unternehmen. Gegenüber der Jüdischen Allgemeine vom 7. Mai 2019 sagte er, dass er kein Held sei, sondern ein Pitbull, der sich in allem festbeiße, was er tue. Die Regierung in Berlin erklärte, sie wolle das Schreiben vor einer Stellungnahme zunächst prüfen, wie die »Tagesschau« am Donnerstag berichtete.

Im Holocaust verlor Muller einen Großteil seiner Familie. Als seine Eltern 1942 auf der Arbeit verhaftet und ins niederländische Durchgangslager Westerbork verschleppt wurden, befand er sich gerade im Kindergarten. Der niederländische Widerstand nahm sich seiner an und versteckte ihn, wodurch er den Krieg und den Holocaust überlebte, während Vater und Mutter 1943 in Auschwitz ermordet wurden.

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