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Aus: Ausgabe vom 01.08.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Potsdamer Konferenz

Schutthaufen

Die Ausstellung »Potsdamer Konferenz 1945«
Von Arnold Schölzel
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Lustlos bis revanchistisch: Plakat zur Potsdamer Ausstellung

Straßenbahn und Bus bringen Potsdam-Besucher vom Hauptbahnhof zum Schloss Cecilienhof. Die Fahrt geht vorbei an der Disneyland-Version des Stadtschlosses der Hohenzollern und, direkt daneben, dem Bauloch, das 2018 nach dem Abriss des Gebäudes einer Fachhochschule entstand. Das war als Beispiel der DDR-Moderne viel gelobt und musste weg. Der Neu-Potsdamer Immobiliensammler Günther Jauch prägte den kulturellen Leitbegriff »Notdurftarchitektur«.

Entlang dem Neuen Garten, der großen Parkanlage, an deren Spitze Cecilienhof am Jungfernsee liegt, fährt der Bus an aufwendig renovierten feudalen Villen vorbei. Im Internet, lässt sich nachforschen, werden sie ab drei Millionen Euro aufwärts zum Kauf angeboten. Die soziale Vorhut von Adel und Geldadel ist wieder da. Neben der Einfahrt zum Schloss befand sich von April 1945 bis 1994 eine von der Roten Armee beschlagnahmte Siedlung, das »Militärstädtchen Nr. 7«, Deutschlandsitz der sowjetischen Militärspionageabwehr. Von hier aus wurde vermutlich die Potsdamer Konferenz durch die sowjetischen Gastgeber gesichert und organisiert. In der aktuellen Ausstellung wird sich kein Wort dazu finden. In der ehemaligen Militärsiedlung gibt es heute die »Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße«, die zur »Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten« gehört. Auf deren Internetseite steht sie in einer Reihe mit den Erinnerungsstätten für die faschistischen Konzentrationslager Sachsenhausen und Ravensbrück und anderen Gedenkorte. Eine zeitgemäße Obszönität. Im Begleitband zur Ausstellung schreibt der SPD-Ministerpräsident Brandenburgs, Dietmar Woidke, gewohnheitsmäßig von den »zwei Diktaturen«.

Vom Kaiser zum »Führer«

Der Bau von Cecilienhof begann 1913. Architekt war Paul Schultze-Naumburg, Vertreter eines ästhetischen »Heimatschutzes«. Er evolutionierte kontinuierlich zum radikalen Rassisten und zählte ab Mitte der 20er Jahre Hitler, Goebbels, Himmler und den »Rassepapst« der Nazis zu seinem Freundeskreis. Flachdächer waren für ihn »undeutsch«. Cecilienhof ist Muster für die Konstruktion des Mythos von »germanischer« Baukunst: Fachwerk aus schwarzen Eichenbalken, Dach und Schornsteine im Stil englischer Landhäuser, 176 Zimmer. Bis 1945 wohnte hier das Hohenzollernpaar, das mitten im Ersten Weltkrieg eingezogen war. Zur Einweihung am 9. November 1917 kam der Kaiser. 2019 wurde bekannt, dass seine Nachkommen in Geheimverhandlungen seit Jahren das Schloss für sich beanspruchen. Die Konfiskation durch die Rote Armee soll aufgehoben werden.

Geschichte neu geordnet

Der in Potsdam vorherrschenden Mixtur aus Rachegelüst, Selbststilisierung als Opfer, ästhetischer und politischer Reaktion haben sich die Ausstellungsmacher passgenau eingefügt. Der Titel »Die Neuordnung der Welt« ist fragwürdig: Die entscheidenden Beschlüsse hatten die Alliierten im Februar 1945 auf der Konferenz in Jalta getroffen (siehe dazu den jW-»Thema«-Beitrag von Ulrich Schneider am ­17. Juli). Auf der »Berliner Konferenz«, wie sie zunächst offiziell hieß, ging es vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 um den konkreten Umgang mit dem besiegten Deutschen Reich, um den Krieg gegen Japan, für Harry Truman und Winston Churchill auch darum, der Sowjetunion den Kalten Krieg zu erklären. Die berühmte Szene, in welcher der US-Präsident am 24. Juli Stalin acht Tage nach dem ersten Atombombentest mitteilt, die USA hätten die Produktion einer »neuen Waffe spezieller zerstörerischer Stärke« aufgenommen, taucht aber in der Ausstellung nicht auf (siehe dazu die chronologische Darstellung von Manfred Müller in »Entscheidung in Potsdam. Ein dokumentarischer Bericht über den Einsatz der Atombombe«, im Internet abrufbar unter: https://kurzelinks.de/3ham

Gleiches gilt für den in der »Mitteilung über die Berliner Konferenz der drei Mächte«, dem »Potsdamer Abkommen«, formulierten Beschluss, »die deutsche Wirtschaft zu dezentralisieren mit dem Ziel der Vernichtung der bestehenden übermäßigen Konzentration der Wirtschaftskraft, die sich besonders in Kartellen, Syndikaten, Trusts und anderen Monopolvereinigungen verkörpert«. Das »Vergessen« solcher Passagen ist bundesdeutscher Standard. In der BRD war der offizielle Umgang mit dem Abkommen – zurückhaltend gesagt – stets lustlos bis revanchistisch. So auch hier. Über die Sowjetunion erfahren die Besucher z. B. vor allem, dass in ihr Personenkult herrschte und sie Anspruch auf Reparationen erhob. Der Anteil der Roten Armee an der Befreiung Europas vom Faschismus als Voraussetzung für die Konferenz? Wozu? Der Weg durch die Exposition folgt zunächst den Gegebenheiten: Konferenzsaal und Arbeitsräume der Delegationen. Danach ein Skandal: Im zweitgrößten Raum der Ausstellung geht es allein um das Leiden der Deutschen: Vertreibung und Flucht. Verkauft wird das als Folge der Konferenz, nicht als Konsequenz des deutschen Krieges. Ein konsequenter Höhe- und Endpunkt. Die Atmosphäre ist so harmlos wie auf einem Ostpreußen- oder Schlesiertreffen in der BRD der 50er Jahre, nur technisch moderner. Ein Touchscreen hält Erzählungen davon fest, wie die Rote Armee offenbar anlasslos und völlig überraschend im deutschen Osten erschien. Um die Leihgabe von Erinnerungsstücken wird gebeten, einige sind schon da. In den Räumen danach folgen als wildes Sammelsurium Hiroshima und Nagasaki, der Iran, ­Südostasien etc. Im Museumsladen liegen Bücherstapel von »Ostpreußens Hungerkinder erzählen« und »Heimatlos«.

Als Brecht 1948 nach Berlin zurückkehrte, bezeichnete er es als »Schutthaufen bei Potsdam«. Diese Ausstellung ist auch einer. Dem neuen Geist der Stadt angemessen.

Ausstellung »Potsdamer Konferenz 1945 – Die Neuordnung der Welt«, bis 31. Dezember im Schloss Cecilienhof, Potsdam, Eintritt 14 Euro/ermäßigt 10 Euro, Begleitband 24,90 Euro

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Debatte

  • Beitrag von Wolfram A. aus P. ( 1. August 2020 um 19:59 Uhr)
    Klare Worte zu einer unsäglich schlechten, weil Geschichte absichtsvoll verdrehenden und den Antifaschismus gefährlich diskreditierenden Ausstellung. Danke!

    Wolfram Adolphi, Potsdam

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