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Aus: Ausgabe vom 31.07.2020, Seite 12 / Thema
Pandemie und Kapital

Tödlicher Kreislauf

Vorabdruck. Expansion mit Folgen. Die globale Verbreitung von »Covid-19« lässt sich ohne die immer weiter voranschreitende Ausdehnung des Waren- und Kapitalverhältnisses in die entlegensten Winkel des Planeten nicht erklären
Von Rob Wallace
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Exotische Krankheitserreger wie SARS-CoV-2 gelangen über das wilde Wirtstier auf der Ladefläche des Geländewagens auf lokale Märkte, bevor sie ihren großen Auftritt auf der Weltbühne haben (Straßenmarkt in Bangkok)

In diesen Tagen erscheint im Kölner Papyrossa-Verlag der Band »Was Covid-19 mit der ökologischen Krise, dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat« des US-amerikanischen Evolutionsbiologen und Epidemiologen Rob Wallace. Wir veröffentlichen daraus redaktionell gekürzt und mit freundlicher Genehmigung des Verlags das erste Kapitel »Covid-19 und die Kreisläufe des Kapitals«. Als Koautoren wirkten an diesem Kapitel mit: Alex Liebman, Luis Fernando ­Chaves und Rodrick Wallace. Die Anmerkungen stammen vom Übersetzer Matthias Martin Becker. (jW)

Überall auf der Welt haben Länder es versäumt, sich auf die Epidemie vorzubereiten und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Sie haben nicht erst im Dezember 2019 versagt, als Covid-19 von Wuhan übergriff. Das Versagen begann in den USA auch nicht erst, als Donald Trump das Team im Nationalen Sicherheitsrat entließ, das für Pandemievorbereitungen zuständig war, und 700 Stellen in den Centers for Disease Control (CDC), einer nationalen Gesundheitsbehörde, unbesetzt ließ. Es begann auch nicht im Jahr 2017, als eine Simulation zeigte, dass das Land nicht auf eine Pandemie vorbereitet war. Oder als die Regierung »Monate vor der Virusepidemie einen CDC-Experten in China feuerte«, obwohl der fehlende Kontakt zu einem US-amerikanischen Experten vor Ort mit Sicherheit Gegenmaßnahmen verzögert hat. Oder mit der fatalen Entscheidung, nicht das Testmaterial zu benutzen, das die Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickelt hatte, sondern eigene Tests herzustellen.

Intervention

All diese Fehlgriffe waren schon vor Jahrzehnten absehbar, als das Gemeingut des öffentlichen Gesundheitswesens gleichzeitig vernachlässigt und monetarisiert wurde. Ein Land mit einer individualisierten Just-In-Time-Gesundheitsversorgung – der Ausdruck ist ein Widerspruch in sich –, das kaum genug Krankenhausbetten und medizinisches Equipment für den normalen Betrieb hat, ist naturgemäß nicht in der Lage, ausreichend Ressourcen zu mobilisieren, um eine Kampagne zur Ausrottung des Virus – wie in China – durchzuführen.

Es ist gefährlich, den überbordenden Wahnsinn allmählich für normal zu halten. Wir müssen den Schock bewahren, den wir spürten, als wir erfuhren, dass nach der Epidemie 2002 ein weiterer SARS-Virus sein Wildtierreservoir verlassen und sich innerhalb von nur acht Wochen über die Menschheit verbreitet hat. Das Virus entstand am Endpunkt einer regionalen Lieferkette für exotisches Essen und setzte eine Übertragungskette von Mensch zu Mensch am anderen Ende der Stadt Wuhan in Gang. Dort verbreitete sich das Virus einerseits lokal, andererseits nahm es das Flugzeug und den Schnellzug und verbreitete sich über den Globus. Es folgte dem Netz aus Reiseverbindungen und gelangte von den großen in die kleineren Städten. Der Wildfleischmarkt in Wuhan wurde mit dem üblichen Orientalismus beschrieben. Abgesehen davon wurde erstaunlich wenig Mühe aufgewandt, um die naheliegendsten Fragen zu beantworten: Wie wurde die Branche der exotischen Nahrungsmittel so wichtig, dass sie ihre Waren neben traditionellem Vieh auf dem größten Markt in Wuhan vertreibt? Diese Tiere wurden nicht von der Ladefläche eines Lastwagens herab oder in einer dunklen Gasse verkauft. Was ist mit den Genehmigungen und Gebühren (oder ihrer Deregulierung), die zu diesem Geschäft dazugehören? Die global tätige Wildfleischbranche wird immer formalisierter, stärker noch als die Fischerei. Sie wird aus denselben Kapitalquellen gespeist wie die industrielle Nahrungsmittelproduktion. Auch wenn die erzeugte Menge Fleisch noch längst nicht an die der Massentierhaltung heranreicht, wird die trennscharfe Unterscheidung zwischen ihnen doch immer schwieriger.

Die beiden Wirtschaftszweige überlappen einander auch räumlich. Ihre Verbindungen reichen vom Markt in Wuhan bis ins Hinterland, wo exotische und traditionelle Nutztiere am Rand einer schrumpfenden Wildnis gezüchtet werden. Weil die industrielle Produktion immer weiter vordringt, müssen die Wildfleischbetriebe in die letzten Winkel des Waldes gehen, um ihre Delikatessen aufzustöbern oder die letzten Bestände zu plündern. Auf diese Art gelangen die exotischen Krankheitserreger – in diesem Fall SARS-2 aus dem Reservoirwirt Fledermaus – auf einen Geländewagen, entweder im Wild oder in dessen Jäger. Sie werden vom einen Ende des periurbanen¹ Raums zum anderen Ende katapultiert, bevor sie ihren großen Auftritt auf der Weltbühne haben.

Infiltration

Diese Zusammenhänge müssen erläutert werden. Sie sind wichtig, um effiziente Maßnahmen gegen die gegenwärtige Pandemie zu planen, aber auch um zu verstehen, wie sich die Menschheit in eine derartige Sackgasse manövriert hat. Manche Krankheitserreger entwickeln sich in den Zentren der Produktion, beispielsweise Bakterien wie Salmonellen oder Campylobacter, die sich über Lebensmittel reproduzieren. Viele haben dagegen ihren Ursprung an den Grenzen der Warenproduktion, so wie Covid-19. Tatsächlich entstehen mindestens 60 Prozent der neuen humanen Erreger, indem sie von Tieren auf lokale Gemeinschaften überspringen (bevor die erfolgreicheren unter ihnen sich in der übrigen Welt verbreiten).

Eine Gruppe von Koryphäen auf dem Gebiet der Ökogesundheit (EcoHealth²) hat kürzlich eine Weltkarte erstellt, auf der die früheren Ausbrüche seit dem Jahr 1940 verzeichnet sind. Diese Karte gibt auch Hinweise darauf, wo wahrscheinlich die nächsten Krankheitserreger auftauchen werden. Es ist erwähnenswert, dass einige der Autoren von Firmen wie Colgate-Palmolive oder Johnson & Johnson finanziert wurden – Unternehmen, die die Entwaldung im Interesse der Agrarindustrie vorantreiben. Je wärmer die Farbe auf der Karte, um so größer die Wahrscheinlichkeit, dass am bezeichneten Ort ein pathogener Erreger entstehen wird. Diese Karte ist glühend rot in China, Indonesien und Teilen von Lateinamerika und Afrika.

Aber eine solche Geographie aus Fixpunkten zeigt einen entscheidenden Aspekt nicht. Die Beziehungen zwischen wirtschaftlichen Akteuren prägen das Krankheitsgeschehen, was aber nicht sichtbar wird, wenn wir nur die Zonen in den Blick nehmen, in denen es zu einer Epidemie kommt. Die Verantwortung wird dann gerne den indigenen Bevölkerungen und ihren angeblich schmutzigen kulturellen Praktiken zugeschoben. Aber die wirtschaftliche Entwicklung und die industrielle Produktion verändern die Landnutzung (und zwar im Interesse des Kapitals) und damit auch das Krankheitsgeschehen. Die Zubereitung von Bushmeat³ und Bestattungen im eigenen Haus sind zwei der Praktiken, die für das Entstehen neuer Krankheiten verantwortlich gemacht werden. Würden wir aber eine relationale statt einer absoluten Geographie benutzen – das heißt: auf der Karte statt festen Punkten Beziehungen eintragen wie beispielsweise die Waren-, Geld- und Migrationsströme –, dann wären auf einmal New York, London oder Hongkong die schlimmsten Krankheitsherde.

Mittlerweile decken sich die Muster der Epidemien nicht mehr mit traditionellen staatlichen Strukturen. Der ungleiche ökologische Tausch⁴ – der die schlimmsten Folgen der industriellen Landwirtschaft in den »globalen Süden« lenkt – beruhte früher darauf, dass ein staatlich organisierter Imperialismus sich die Ressourcen bestimmter Regionen aneignete. Nun sind neue Strukturen in diesen Tauschbeziehungen entstanden. Die Agrarindustrie hat ihre extraktivistischen Unternehmungen umgestaltet und betreibt räumlich uneinheitliche Netzwerke unterschiedlicher Größe. So erstreckt sich beispielsweise über Bolivien, Paraguay, Argentinien und Brasilien hinweg eine Reihe von »Sojarepubliken«, die den multinationalen Konzernen zuarbeiten. Die neue räumliche Ordnung korrespondiert mit veränderten Strukturen im Unternehmensmanagement, bei der Kapitalisierung und Vergabe an Unterauftragnehmer, der Verpachtung und dem Land Pooling.⁵

Die »Rohstoffländer« überspannen ungehindert ökologische und nationale Grenzen. Eine Nebenwirkung sind neue Muster der Epidemien. Ein Beispiel: Im allgemeinen wandert Bevölkerung aus ländlichen Gebieten, die sich das Kapital erschlossen hat, in die städtischen Slums ab. Diese Kluft zwischen Stadt und Land beherrscht die epidemiologische Debatte über die neuen Krankheiten. Aber dabei geraten zu oft die Wanderungsbewegungen zur Landarbeit und das rasche Wachstum der ländlichen Kleinstädte in Vergessenheit, die sich in periurbane »Desakotas« (Stadtdörfer) oder »Zwischenstädte« verwandeln. Mike Davis und andere Autoren haben beschrieben, wie diese sich urbanisierenden Räume als lokale Märkte dienen, aber auch als regionale Umschlagplätze für global gehandelte Agrarrohstoffe. Daher beschränkt sich die Dynamik der Waldkrankheiten – der urzeitliche Ursprung für Krankheitserreger – nicht länger auf das Hinterland. Und damit haben sich auch die epidemiologischen Beziehungen globalisiert. Ein SARS-Virus, der die Fledermaushöhle erst vor wenigen Tagen verlassen hat, kann sich plötzlich in einer Großstadt in einem Menschen wiederfinden.

Die Komplexität der Lebensformen in den tropischen Regenwäldern setzt den Infektionsketten Grenzen. Dadurch wurden solche »wilden« Viren in gewissem Umfang in Schach gehalten. Nun werden diese Ökosysteme durch die kapitalgetriebene Abholzung drastisch rationalisiert und ihre Artenvielfalt vernichtet, während am anderen Ende des periurbanen Raums das öffentliche Gesundheitswesen und die Umwelthygiene mangelhaft sind. Viele silvatische⁶ Krankheitserreger sterben zusammen mit den Gattungen aus, die ihre Wirte waren. Eine kleinere Gruppe von Infektionen übersteht. Im Wald brannten sie früher vergleichsweise schnell aus, weil sie nur in unregelmäßigen Abständen auf ihre Reservoirwirte trafen. Nun vermehren sie sich in humanen Stadtbevölkerungen, die oft besonders anfällig sind. Trotz wirksamer Impfstoffe zeigen die resultierenden Ausbrüche ein größeres Ausmaß, längere Dauer und stärkere Dynamik. Was einst lokal begrenzte Spillover⁷ waren, sind heute Epidemien, die sich über die globalen Reise- und Handelsnetze verbreiten.

Allein durch die Veränderung des ökologischen Zusammenhangs haben sich alte Bekannte wie Ebola, Zika, Malaria und Gelbfieber, die sich früher vergleichsweise wenig weiterentwickelten, schlagartig in regionale Bedrohungen verwandelt. Früher steckten sie von Zeit zu Zeit einen Bewohner in einem abgelegenen Dorf an, heute infizieren sie Tausende in Hauptstädten. Sozusagen in die umgekehrte ökologische Richtung entwickelt sich die Pathogenität bei manchen Wildtieren. Selbst Arten, die diesen Krankheiten als langfristige Reservoirwirte dienten und nicht oder kaum von ihnen beeinträchtigt wurden, werden dezimiert. Neuweltaffen etwa waren mindestens hundert Jahre lang Gelbfieber ausgesetzt. Nun werden ihre Populationen durch die Entwaldung zersplittert, sie verlieren ihre Herdenimmunität und sterben zu Tausenden.

Expansion

Die weltmarktorientierte Landwirtschaft fungiert gleichzeitig als Antrieb und Netzwerk, das Krankheitserreger unterschiedlichster Herkunft über die Erde verteilt, von den abgelegensten Reservoirs zu den zentralsten Metropolen. Auf dem Weg dorthin und dort angekommen, infiltrieren die neuen Infektionen die landwirtschaftlichen Gated Communities, vermeintlich »biosichere«⁸ Komplexe der Agrarindustrie. Je länger die entsprechende Lieferkette und je größer das Ausmaß der mit der Produktion einhergehenden Abholzung, um so reichhaltiger und exotischer die zoonotischen Erreger, die in die Nahrungsketten gelangen. Die Liste der neuen oder erneut aufkommenden Pathogene in Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie ist lang und wird immer länger.

Auch wenn keine Absicht dahinter steht, ist die ganze Produktion doch perfekt organisiert, um die Evolution von Krankheitserregern und ihre anschließende Übertragung zu beschleunigen: Genetische Monokulturen – Schlachtvieh und Pflanzen mit nahezu identischem Erbmaterial – beseitigen die Brandschneisen gegen Epidemien durch die Immunreaktionen, die in vielfältigeren Populationen Übertragungen verlangsamen. Gleichzeitig schwächt die beengende Haltung die Immunreaktion. Größere Populationen und größere Dichte führen zu höheren Übertragungsraten. Die Evolution der Krankheitserreger wird schneller, dennoch wird fast nichts dagegen unternommen. Höchstens dann, wenn wieder einmal eine Epidemie um sich greift, werden Notfallmaßnahmen ergriffen, um die Quartalszahlen der Unternehmen zu retten. Tatsächlich gibt es weniger Kontrollen auf den Höfen und Verarbeitungsanlagen, neue Gesetze, die die behördliche Überwachung sogar noch begrenzen und es Aktivisten erschweren, die Informationen über die Fleischproduktion öffentlich zu machen. Selbst Einzelheiten über tödliche Epidemien in den Medien zu berichten, kann illegal sein.

Die Industrie externalisiert die Kosten, die durch die Epidemien entstehen. Den Schaden haben die Tiere und Pflanzen in den Anlagen der industriellen Landwirtschaft, die umliegende Tier- und Pflanzenwelt, die lokalen und nationalen Behörden, das öffentliche Gesundheitssystem und schließlich die anders strukturierten Agrarsysteme im Ausland. Laut Berichten der CDC wächst die Zahl der Menschen in den USA, die von Krankheiten betroffen sind, die durch Lebensmittel übertragen werden. Auch die Zahl der betroffenen Bundesstaaten steigt. Für die Krankheitserreger ist die Entfremdung der kapitalistischen Produktionsweise nützlich. Das öffentliche Interesse endet am Tor der Haltung oder der Fabrik. Die Erreger umgehen die biologischen Sicherheitsvorkehrungen, die sich die Industrie leisten mag, und strömen wieder zurück in die Bevölkerung. Diese Form der Lebensmittelproduktion mag lukrativ sein, aber sie basiert auf Fehlanreizen.

Emanzipation

Es steckt eine bezeichnende Ironie darin, dass New York, eine der größten Städte der Welt, unter einer allgemeinen Kontaktsperre wegen Covid-19 lag – eine halbe Erdumkreisung entfernt vom Ursprungsort des Virus. Millionen New Yorker haben sich in Wohnungen zurückgezogen, die bis vor kurzem von einer gewissen Alicia Glen verwaltet wurden. Sie war bis 2018 die stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt, zuständig für Wohnungsbau und Wirtschaftsentwicklung. Glen ist eine ehemalige leitende Angestellte von Goldman Sachs. Sie leitete die Urban Investment Group der Kapitalanlagegesellschaft, die Projekte in jenen Stadtvierteln finanziert, die von den anderen Abteilungen bei der Kreditvergabe ausgegrenzt werden. Glen steht sinnbildlich für eine Verbindung, die uns interessieren muss. Im Zuge der Immobilienkrise und einem tiefen wirtschaftlichen Abschwung, die jene Branche mit verschuldet hatte, erhielten ihr ehemaliger Arbeitgeber sowie JP Morgan Chase, Bank of America, Citigroup, Wells Fargo und Morgan Stanley 63 Prozent der Notkredite der Zentralbank – drei Jahre, bevor die Stadt New York Glen einstellte. Von Fixkosten befreit, machte sich Goldman Sachs daran, seine Beteiligungen krisensicher und breiter zu streuen und entdeckte den Agrarsektor. Die Gesellschaft übernahm 60 Prozent der Anteile von Shuanghui Investment and Development, einem riesigen chinesischen Agrarkonzern. Shuanghui hatte kurz zuvor das Unternehmen Smithfield Foods gekauft, den größten Schweinefleischproduzenten der Welt mit Sitz in den USA. Für 300 Millionen Dollar schnappte sich Goldman Sachs zehn Geflügelfarmen in Fujian und Hunan, Nachbarprovinzen von Wuhan, in denen auch Wildtiere für die Stadt gefangen werden. Zusammen mit der Deutschen Bank investierte die Gesellschaft noch einmal fast 300 Millionen Dollar in die Schweinezucht in diesen Provinzen.

Die räumlichen Beziehungen, die oben beschrieben wurden, bilden nun einen geschlossenen Kreis: Die Pandemie bedroht die Mieterinnen und Mieter von Glens Wohnungen in New York, dem größten Covid-19-Epizentrum in den USA. Aber aus New York kamen gleichzeitig auch Triebkräfte, die diese Pandemie erst möglich gemacht haben. Nationalistische Schuldzuweisungen wie etwa Donald Trumps rassistische Aussagen über das »China-Virus« verdecken, dass die miteinander konkurrierenden Staaten und Kapitalien auch gemeinsame Sache machen. »Feindliche Brüder« nannte sie Karl Marx. Die Eliten konkurrieren um schwindende natürliche Ressourcen und sind sich doch einig darin, die Menschheit zu spalten und die Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Die Arbeitenden bezahlen auf den Schlachtfeldern mit ihrem Leben, und mit ihrer Gesundheit, wenn sie jetzt auf der Couch in ihrer Wohnung nach Luft ringen.

Die Pandemie entsteht aus der kapitalistischen Produktionsweise und soll vom Staat verwaltet werden. Tatsächlich eröffnet sie manchen Funktionären und Nutznießern dieses Systems neue Möglichkeiten für Profit. Mitte Februar stießen fünf Senatoren und zwanzig Kongressabgeordnete Aktien in Höhe von Millionen Dollar ab, weil sie einen Wertverlust durch die Covid-19-Pandemie erwarteten. Für diesen Insiderhandel nutzten die Politiker nichtöffentliche Geheimdienstinformationen, während einige von ihnen öffentlich die damalige Linie der Regierung vertraten, derzufolge das Virus keine Bedrohung darstelle. Solche dreisten Plünderzüge sind nur die Spitze des Eisbergs. Die Korruption in den staatlichen Gremien ist endemisch geworden – ein Zeichen dafür, dass der US-amerikanische Akkumulationszyklus zu Ende geht und das Kapital sich ausbezahlen lässt. Manche verdinglichen die Finanzwirtschaft und tun damit so, als sei sie unabhängig von der Realität der zugrundeliegenden ökologischen (und epidemiologischen) Verhältnisse.

Die Krankheitserreger machen die Kreisläufe von Produktion und Kapital wie radioaktive Kontrastmittel sichtbar. So wird erkennbar, wie unzumutbar sie sind. Ansätze wie One Health⁹ und ökologische Gesundheitswissenschaft (Ecohealth) stehen dagegen für eine moderne koloniale Medizin, die weiterhin Indigene und Kleinbauern für die Folgen der Entwaldung verantwortlich macht, durch die tödliche Krankheiten entstehen. Unsere Gruppe ist gerade dabei, ein Modell zu entwickeln, das solche Theorien überwindet. Unsere »Feldtheorie der neoliberalen Krankheitsentstehung« (wozu auch die Verhältnisse in China gehören) verbindet:

– die globalen Kapitalkreisläufe;

– die Investitionen des besagten Kapitals, durch die die Komplexität regionaler Ökosysteme zerstört wird, die bisher das Wachstum virulenter Erreger begrenzte;

– höhere Raten und eine größere Vielfalt bei Tier-Mensch-Übertragungen (spillover events);

– die Ausweitung des periurbanen Warenverkehrs vom tiefsten Hinterland bis in regionale Städte, wodurch neue Krankheitserreger Nutztiere und Arbeitskräfte infizieren;

– die wachsenden globalen Netzwerke aus Reiseverbindungen (und Viehhandel), durch die Krankheitserreger in Rekordzeit aus den besagten Städten in den Rest der Welt kommen;

– die Dynamik dieser Netzwerke, die Übertragungen erleichtert und evolutionäre Prozesse in Gang setzt, durch die die Pathogenität für Nutztiere und Menschen steigt;

– neben anderen Problemen die fehlende Reproduktion vor Ort in der Massentierhaltung, durch die die natürliche Auslese beseitigt wird, die sonst als »Ökosystemdienstleistung« Krankheiten dauerhaft (und fast kostenlos) entgegenwirkt.

Unsere zugrundeliegende Annahme ist, dass die Ursache von Covid-19 und ähnlicher Erreger nicht auf den Auslöser einer Infektion oder ihren klinischen Verlauf beschränkt werden kann, sondern in den ökosystemischen Verhältnissen liegt, die das Kapital seinen Interessen gemäß gestaltet hat. Es existiert eine große Vielfalt von Erregern aus unterschiedlichen biologischen Rangordnungen, mit unterschiedlichen Wirten, Übertragungswegen, klinischen Verläufen und epidemiologischen Folgen. All diese verschiedenen Merkmale und Pfade lassen uns bei jeder Epidemie aufs neue aufschrecken und aufgeregt zu den Suchmaschinen laufen, obwohl sie den immer gleichen Kreisläufen der Landnutzung und Wertakkumulation folgen.

Niemand von uns, die wir in unseren Wohnzimmern von New York bis Peking festsitzen oder, schlimmer noch, um unsere Toten trauern, möchte eine solche Pandemie noch einmal durchmachen. Sicher, Infektionskrankheiten waren für den größten Teil der Menschheitsgeschichte die Hauptursache für vorzeitige Sterblichkeit und werden immer eine Bedrohung bleiben. Heute ist ein wahres Bestiarium von Krankheitserregern im Umlauf, die schlimmsten von ihnen führen beinahe jedes Jahr zu Epidemien. Seit der Spanischen Grippe (1918–1920) sind gut hundert Jahre vergangen, aber es wird wohl wesentlich weniger Zeit vergehen, bis wir uns der nächsten tödlichen Pandemie gegenübersehen. Können wir unsere Formen der Naturaneignung grundlegend verändern und einen Waffenstillstand mit diesen Infektionen schließen?

Anmerkungen

1 Periurban: Wörtlich »um die Stadt herum« bzw. »in bezug auf die Stadt«. Geographische Räume, in denen die Grenzen zwischen Städtischem und Ländlichem durch Zersiedelung verwischt werden, z. B. weil städtische Funktionen außerhalb von Städten erfüllt werden, etwa das Einkaufen. Der Kreislauf, um den es hier geht, ist die Versorgung der städtischen Bevölkerung mit Jagdwild aus den Wäldern.

2 Ökogesundheit/Ecohealth: Ein Forschungsansatz, der die Zusammenhänge zwischen ökologischen Veränderungen und menschlicher Gesundheit untersucht und sich insbesondere mit Zoonosen beschäftigt. Die gleichnamige Ecohealth Alliance ist eine Nichtregierungsorganisation, in der Behörden, wissenschaftliche Einrichtungen und Unternehmen wie etwa Boehringer Ingelheim zusammenarbeiten.

3 Buschfleisch (bushmeat) stammt von Wildtieren, die in Wäldern oder Savannen gejagt werden. Das Wild sind Säugetiere, Vögel und Reptilien.

4 Ökologischer Tausch bezieht sich auch auf den Begriff des »ungleichen Tauschs« aus der Weltsystemanalyse und den Dependenztheorien. Sie versuchen, das ökonomische und politische Gefälle mit der Dominanz der industrialisierten Metropolen über die unterentwickelten Peripherie zu erklären.

5 Land Pooling: Mehrere Investoren tun sich zusammen und entwickeln gemeinsam unterschiedliche (oft kleinere) Grundstücke.

6 Silvatisch: »Aus dem Wald«, abgeleitet vom lateinischen silva (Wald).

7 Spillover: Übergang von Viren, Bakterien oder Parasiten von Tier zu Mensch.

8 Biosicher: Hygiene- und Abschottungsmaßnahmen, damit Mikroorganismen nicht eindringen bzw. nach außen kommen.

9 One Health: Englisch »eine Gesundheit«, wissenschaftlicher und gesundheitlicher Ansatz, den unter anderem die WHO propagiert und der davon ausgeht, dass die Gesundheit von Menschen, Tieren und die Funktionsfähigkeit von Ökosystemen miteinander verknüpft sind und gemeinsam er- halten werden müssen. Beispiele sind die Nahrungssicherheit und die Kontrolle von Zoonosen.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im englischsprachigen Journal Monthly Review, Vol. 72, No. 1, Mai 2020, unter dem Titel »Covid-19 and the circuits of capital«. Autoren: Rob Wallace, Alex Liebman, Luis Fernando Chaves und ­Rodrick Wallace.

Rob Wallace: Was Covid-19 mit der ökologischen Krise, dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat. Papyrossa-Verlag, Köln 2020, 207 Seiten, 20 Euro

Buchvorstellung und Diskussion mit dem Übersetzer Matthias Martin Becker am 18. August, 19 Uhr in der jW-Ladengalerie. Anmeldung unter mm@jungewelt.de ist erforderlich.

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