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Aus: Ausgabe vom 31.07.2020, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Die Welt als Kloake

Anarchist auf dem Throne Roms: Antonin Artauds Romanbiographie über den wüsten Kaiser Heliogabal handelt vom Zerfall mehr als eines Imperiums
Von Peter Köhler
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Manchmal war er auch friedlich: »Die Rosen des Heliogabal« (1888) von Lawrence Alma-Tadema

Als die USA zur Weltmacht aufstiegen, verfilmten sie wieder und wieder die klassische Blütezeit Roms, in der sie ihre eigene Epoche und Stellung gespiegelt sahen. Jahrzehnte später erspürten sie den Niedergang: Ein Jahr vor 9/11 kam der Monumentalfilm »Gladiator« in die Kinos, der zur Zeit von Mark Aurels Sohn, des Kaisers Commodus spielt, um den politischen und sittlichen Verfall nach dem Tod des »Philosophen auf dem Thron« deutlich zu machen. Tatsächlich begann mit Commodus ein Jahrhundert der Dekadenz. Ein einzelner, eben der »Gladiator«, so die unterschwellige Filmbotschaft, konnte sauber bleiben. Der Zerfall der Ordnung aber war unaufhaltsam.

Wie müsste eine im Damals das Heute oder gar Morgen abbildende Verfilmung eines antiken Stoffes jetzt aussehen? Eine schaurig-schöne, anarchisch-androgyne und gendermäßig korrekte Möglichkeit würde die kurze Regentschaft des Heliogabal (218–222) bieten. Mutmaßlich ein Sohn des berüchtigten Kaisers Caracalla, der ihn während eines vorderasiatischen Feldzuges mit einer syrischen Priesterin des Sonnengottes Elagabalus gezeugt haben dürfte, wurde er mit fünf Jahren selbst zu dessen Hohepriester geweiht, mit 14 von den Soldaten zum römischen Herrscher ausgerufen, mit 18 als Gottkaiser in Rom ermordet und in die Kloake geschmissen.

Der französische Schriftsteller Antonin Artaud (1896–1948) hat diesem zum Symbol der Lasterhaftigkeit gewordenen Jungkaiser eine Romanbiographie gewidmet, die nun in überarbeiteter Übersetzung bei Matthes & Seitz erschienen ist. Artaud war zeitweise Surrealist und ist vielleicht noch bekannt als Propagandist eines »Theaters der Grausamkeit«, soll heißen: einer Literatur, die die Vitalität bis zum Exzess, das Sprengen der Fesseln von Vernunft, Sitte und Gesetz preist, also die Anarchie. Er war wohl an Schizophrenie erkrankt, konsumierte Drogen, befand sich häufig in psychiatrischen Kliniken und beging 1948 Selbstmord – Artaud war selbst ein Außenseiter und konnte (das ist eine Vermutung) sich nur durch das Schreiben einigermaßen in gesellschaftlich akzeptierten Bahnen halten.

Dass dieses Schreiben im Fall seiner Heliogabal-Biographie häufig die Wege der Stringenz, der Logik, der Ordnung verlässt, sich in Spekulation, Zahlenmystik, Metaphysik und Paradoxien verliert – »Elagabalus, die Sonne auf Erden, kann das Sonnenzeichen nicht verlieren, kann nur im Abstrakten handeln« –, macht die Lektüre nicht eben leicht. Aber es passt zur Darstellung einer in Auflösung begriffenen, verwildernden Gesellschaft, deren selbstzerstörerische Tendenz sich in ihren Herrschergestalten bündelt, und zur Lebensbeschreibung eines jugendlichen Wüstlings, der ausleben kann, wovon andere Pubertierende träumen.

Kaum zur Macht gelangt, fängt der 14jährige damit an: Er tötet seinen Erzieher. Er spricht aus, was andere nicht zu fragen wagen, und will von den Herren Senatoren als erstes wissen, »ob sie in ihrer Jugend Päderastie getrieben hätten, ob sie in der Sodomie, im Vampirismus und in der Unzucht mit Tieren bewandert« seien. Bei der ersten seiner vier Heiraten lässt er die betrunkenen Gäste den Zweck der Ehe skandieren: »Marsch ins Loch, rein damit!«

Sexuelle Zügellosigkeit ist das eine. Das andere ist der wütende Angriff auf die soziale Hierarchie: Heliogabal hasst die alte Elite. Aristokraten und Vornehme lässt er auspeitschen, kastrieren und auf die Galeeren schicken, die Männer vertreibt er aus dem Senat und ersetzt sie durch Frauen. »Alle seine Handlungen als König sind Handlungen eines geborenen Anarchisten, eines öffentlichen Feindes der Ordnung«, urteilt Artaud.

Sein Held handelt »gegen die römische Monarchie, die er sich in den Hintern gesteckt hat«, und greift nicht allein die soziale und politische, sondern auch die Geschlechterordnung und -zuordnung an. Die typische Suche des Pubertierenden nach der eigenen geschlechtlichen Rolle, dieser »Kampf zwischen dem Männlichen und Weiblichen« endet bei ihm in keiner festen Zuschreibung. Vielmehr »verwirklicht er in sich die Identität der Gegensätze«, weil er als Gottkönig, als irdische Vertretung des Allerhöchsten, der für alle Menschen steht, beides verkörpern kann, ja muss: »Heliogabal ist Mann und Frau«. Fehlt nur das Wort »fluid« – aber das gab es weder zu Heliogabals noch zu Artauds Zeit.

Aktuelle Parallelen zur Welt des 21. Jahrhunderts, in der die festgefügte politische und kulturelle Nachkriegsordnung weiter unaufhaltsam zerbröselt, bieten sich reichlich. Die Anspielung aufs Christentum mit seinem Gottmenschen Jesus, das ebenfalls für alle Menschen stehen will, ist unübersehbar; ebenso die Bezugnahme auf Amerika, wenn Artaud die Römer beschreibt als Volk von »Händlern und Piraten, das sich wie Filzläuse im Land der Indianer eingenistet«, nein: »der Etrusker eingenistet und vom geistigen Standpunkt aus stets nur den andern das Blut ausgesaugt, stets nur an die Verteidigung seiner mit moralischen Geboten verbrämten Schätze und Truhen gedacht hat«.

Nicht bloß die USA, auch Europa darf sich gemeint fühlen, wenn von Rom so die Rede ist. Dessen Abstieg währte lange, aber das Ende war unvermeidlich: Antonin Artaud hat mit seiner »Heliogabal«-Biographie eine Geschichte aufgeschrieben, die nur scheinbar von gestern ist.

Antonin Artaud: Heliogabal oder Der gekrönte Anarchist. Aus dem Französischen von Brigitte Weidmann, überarbeitet von Tim Trzaskalik, mit einem Nachwort von Jean-Paul Curnier, Matthes & Seitz, Berlin 2020, 197 Seiten, 10 Euro

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Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus H. (31. Juli 2020 um 10:36 Uhr)
    Mark Aurel war Philosoph – Stoiker. Heliogabal – was Elagabal in Latein ist – fiel einer Palastintrige zum Opfer. Vorher gab es einen Bürgerkrieg mit der »alten Elite«, die er natürlich, damals üblich, prophylaktisch unschädlich nach seinem Sieg machen musste.

    Das Christentum, eine »syrische« (damals der ganze Nahe Osten, sozusagen) Religion, als Westrom dem Untergang immer näher kam. Ostrom, Byzanz, bestand viel länger, und Heliogabal ist der Vorbote der echten Machtverhältnisse, die die alteingessenen Patrizier Roms durch Intrigen und Morde, Bürgerkriege immer wieder zu ihren Gunsten verschoben. Wäre er nicht per Intrige – Mutter inklusive – gestürzt worden, das Christentum wäre uns erspart geblieben, wahrscheinlich!

    Heliogabal war kein Gottkaiser, sondern nur Hohepriester – allerdings: Einheit von Thron und Kirche. Über die Komplexität, den Wahrheitsgehalt und die Akzeptanz der damaligen Religion und speziell der in Wirklichkeit sehr alten und Einheit, Rechtssicherheit stiftenden Sonnenreligion macht sich unser Artikelschreiber doch allzu abwertende Vorstellungen. Das ist mehr voll Tantrasex, Yoga, Fakirismus und Pantheismus, Panpsychismus, Naturreligion, Intelligenzreligionen, Rationalismen – wie es wahrscheinlich teilweise heute noch gelehrt wird.

    Artaud hätte nie psychiatrisiert werden dürfen, und die ganze Psychiatrie, die leider wirklich mit den Nazis und deren Okkupation so richtig professionell groß wurde. Die Nazis hatten das Konzept vom »unwerten Leben« mit Euthanasie mit der Psychiatrie verbunden. Davon ist allzuviel übrig geblieben.

    Artaud nahm intelligenzsteigernde Drogen, Mescalin, nicht wie heute in nazitradition intelligenzzerstörende Psychopharmaka.

    Er ist das Starbeispiel, in Fortsetzung der Unterstützung seitens der Surrealisten, von Deleuze und Guattari. Ein »Schizophrener« »antwortet«!

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