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Aus: Ausgabe vom 31.07.2020, Seite 10 / Feuilleton
Anime-Serie

Wenn das Land verschwindet

Über den Verlust der Heimat und die schwierige Frage, wohin man gehören will: Die katastrophische Anime-Serie »Japan sinkt: 2020«
Von Michael Streitberg
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Der ständige Begleiter ist die Trauer: Szene aus »Japan sinkt: 2020«

»Leute in diesem Land sind unterwürfig (…) Sie sorgen sich um den Anschein. Sie sind introvertiert und tun alles in Gruppen. Du giltst als Freak, wenn du anders bist« – So rappt der junge Japaner Go über sein Heimatland. Fraglich ist jedoch, ob es das in dem Moment noch gibt. Während Go, seiner Schwester Ayumu und einigen ihrer Weggefährten ein kurzer Moment der Ruhe vergönnt ist, umgibt sie das finstere Meer. Vor dessen Fluten konnte sich die Gruppe, zu der auch der bewegungsunfähige Geologe Onodera gehört, am vorläufigen Ende einer Odyssee auf eine kleine Felseninsel retten. Ein Zurück nach Hause kann es für sie schwerlich geben. Denn tektonische Plattenverschiebungen drohen ganz Japan in den Fluten versinken zu lassen.

»Japan sinkt: 2020« ist die Anime-Adaption eines Klassikers der Science-Fiction-Literatur von Sakyo Komatsu. Der Roman erschien bereits 1973, sechs Jahre später folgte eine deutsche Übersetzung im DDR-Verlag Volk und Welt. Während der Geologe Toshio Onodera im Buch eine Hauptrolle einnimmt, hat ihn im Remake eine Verletzung seiner Beweglichkeit und seiner Sprachfähigkeit beraubt – doch auch 2020 ist Japan oder das, was von ihm bleibt, auf sein Wissen angewiesen.

Anstatt den Roman jedoch einfach in ein neues, gegenwärtiges Gewand zu hüllen, stellen der Regisseur Masaaki Yuasa, die Regisseurin Pyeon-Gang Ho und der Drehbuchschreiber Toshio Yoshitaka andere Fragen in den Mittelpunkt. Motive wie das der Ungewissheit inmitten einer Katastrophe oder der Angst vor dem (hier tatsächlich eintretenden) Untergang scheinen dabei teils aktuelle Stimmungen widerzuspiegeln. Auch die Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio, für die Gos 14jährige Schwester Ayumu als vielversprechende Nachwuchsläuferin trainiert hatte, haben wir gerade erlebt. Gleichwohl wurde mit der Arbeit am Werk bereits vor der gegenwärtigen Pandemie begonnen; das, wovon es erzählt, ist mit jener kaum vergleichbar.

Seine Szenerie, das Japan des Jahres 2020, ist nicht das von 1973. Obgleich Japan auch heute eine verhältnismäßig hohe ethnische, kulturelle und sprachliche Homogenität aufweist, lässt sich die Frage, was das Land und seine Bevölkerung ausmacht, nicht mehr mit der vermeintlichen Selbstverständlichkeit von einst beantworten. Inmitten einer fortschreitenden Katastrophe treffen dementsprechend verschiedene Welten und Vorstellungen aufeinander: Der in der Sphäre seiner Onlinespiele lebende Go etwa glaubt, dass sich dank virtueller Realitäten die Frage des Aufenthaltsortes eines Menschen kaum mehr stellt. Mit einer Virtual-Reality-Brille, meint er, könne man immer überall sein. Dabei werden er und seine Mutter Mari, die von den Philippinen stammt, wegen ihrer dunkleren Hautfarbe nicht von allen Japanern als gleichwertig akzeptiert.

Eine der Stärken von »Japan sinkt« besteht darin, die Erörterung derartiger Fragen gekonnt in eine mitreißende Handlung einzubinden. Nur selten wird dem Zuschauer der didaktische Zeigefinger vorgehalten. Die Menschen, denen Go, Ayumu, ihre Eltern und ihre zufälligen Gefährten auf ihrer langen Flucht begegnen, gewinnen gerade auch durch ambivalente Haltungen und Denkweisen an Lebendigkeit. Ein ständiger Begleiter bleibt in den zehn Folgen die Trauer: Von einer auf die andere Sekunde kann verloren sein, was eben noch da war, können geliebte Menschen für immer verschwinden. Von Beginn an gelingt es den Regisseuren, das unvermittelte Einbrechen der Katastrophe glaubwürdig zu machen. Während Masaaki Yuasa in etlichen seiner Serien und Filme das Surreale und Traumhafte des Mediums Animationsfilm zur Geltung kommen lässt und sich visuell austobt, wirkt sein neuestes Werk, dem Sujet entsprechend, vergleichsweise nüchtern. Animationen und Zeichnungen sind dennoch von hohem Niveau, nur in späteren Folgen irritieren manchmal verzerrt wirkende Charakterdesigns.

»Japan sinkt: 2020« erzählt ebenso glaubwürdig vom Verlust und der Wiedererlangung einer Heimat wie von der Hoffnung, dass mit dieser nicht alles endet.

»Japan sinkt: 2020« ist in einer deutsch untertitelten Fassung auf Netflix verfügbar.

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