Contra Blockade, Protest-Abo!
Gegründet 1947 Donnerstag, 6. August 2020, Nr. 182
Die junge Welt wird von 2346 GenossInnen herausgegeben
Contra Blockade, Protest-Abo! Contra Blockade, Protest-Abo!
Contra Blockade, Protest-Abo!
Aus: Ausgabe vom 31.07.2020, Seite 8 / Ansichten

Kein Versprecher

Reaktionen auf US-Truppenabzug
Von Arnold Schölzel
US_Truppenabzug_aus_65896394.jpg
Kommt vielleicht nicht mehr so oft zum Truppenbesuch nach Bayern: US-Außenminister Michael Pompeo am 7. November 2019 auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr

Wahlkampf oder neue Strategie? Die Kommentatoren der deutschsprachigen Medien waren sich am Donnerstag nicht einig über die Beweggründe Washingtons für den angekündigten Abzug von US-Truppen aus der Bundesrepublik. Ob es zu dem kommt, ist ohnehin offen, es gibt Absichten, keine Planung. Koalitionspolitiker reagierten gelassen, das Ziel ist unverändert, wie US-Verteidigungsminister Mark Esper am Mittwoch mit einem Versprecher erläuterte: Die NATO-Staaten sollten ihre Lasten besser aufteilen, »um Russland abzuschrecken und Frieden in Europa zu vermeiden«. Im heutigen Washington fällt so etwas nicht weiter auf.

Die Mehrheit der Beobachter tippt jedenfalls auf Symbolik im US-Wahlzirkus und die Weltsicht der Anhänger Trumps. Die ist ungefähr: Die USA mit ihren global verteilten etwa 800 Militärbasen schützen die Welt vor Kommunisten, Terroristen, Russen, Chinesen, Iranern usw., sie sind die einzige Friedensmacht und nur auf Frieden aus. Und das wird von den Beschützten schamlos ausgenutzt, zum Beispiel von der Bundesrepublik. Bereits im Präsidentschaftswahlkampf 2016 war Trumps Slogan »Du wirst bezahlen, Angela« nicht nur bei seinen Anhängern erfolgreich. Nun wird die Kanzlerin rhetorisch zur Kasse gebeten. Ob das Ganze nach dem 3. November noch aktuell bleibt, weiß vermutlich Trump selbst nicht.

Ist offenbar auch egal, die Bundesregierung inszeniert das Thema Militär und Krieg für die Öffentlichkeit schließlich ähnlich wie er. Deutsche Angriffskriege werden seit 1999 nur aus edlen Motiven geführt. Die Berliner Sprachregelungen erlauben »Landesverteidigung«, »humanitären Einsatz« und seit einiger Zeit etwas national betonten Heroismus in der Armeewerbung (»Mach, was wirklich zählt – dein Jahr für Deutschland«), aber nicht »Krieg«. Hässliche Worte wie »Tote«, »Rohstoffe«, »Einflusssphären« oder »Fluchtbewegungen« sind verpönt. Das bleibt nicht ohne Wirkung: Die Wählermehrheit spricht sich regelmäßig gegen Krieg aus, stimmt aber für die Parteien, die ihn führen, als gäbe es keinen.

Einige Beobachter vermuten hinter der Neuverteilung von GIs mehr als Stimmungsmache, nämlich langfristige Überlegungen. Es gehe um eine »größere strategische Neuorientierung«, meinte etwa die Neue Zürcher Zeitung am Donnerstag, »die sich schon vor Trump abgezeichnet hat und wenig mit Europa und dafür viel mit dem Ziel der Eindämmung Chinas im Indopazifik zu tun hat«. Wladimir Putin könne sich jedenfalls »entspannen«. Besonders überzeugend ist das nicht: Die US-Armee hat 1,3 Millionen Soldaten, 11.900 sollen neu verteilt werden. Richtig ist aber der Hinweis, dass es mehr um China gehen soll. Der verminderte »Schutz« hier könnte mit größerem dort kompensiert werden. Da ist die transatlantische Partnerschaft stabil. Die deutsche Kriegsmarine soll sich ja nun auch um den »Indopazifik« kümmern. »Frieden vermeiden« war kein Versprecher.

Die junge Welt im Aktionsabo kennenlernen: Drei Monate lang für 62 Euro!

An guten Gründen für Protest mangelt es sicher nicht – ganz im Gegenteil. Diese Zeit hat Opposition bitter nötig! Doch ganz gleich wie der Protest aussieht, gilt: Nur was man versteht, kann man verändern.

Genau hier setzt die junge Welt an. Jeden Tag liefern wir gut sortiert Informationen und Inspirationen, machen Hintergründe und Zusammenhänge verständlich. Knapp und bündig bietet die junge Welt konsequent linken Journalismus, an jedem Wochentag auf 16 und am Wochenende auf 24 Seiten.

Die beste inhaltliche Basis für Protest! Deshalb bieten wir unser Sommerabo an: Drei Monate die junge Welt mit ihrem unverwechselbarem Profil kennenlernen. Danach ist Schluss, es endet automatisch.

Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (31. Juli 2020 um 12:49 Uhr)
    Meiner Meinung nach haben wir es mit einem DJ Trump zu tun. Auch in diesem Falle bleibt er sich treu: Es interessiert nicht die Anzahl der Soldatinnen und Soldaten.

    Hoppla: ihn.

    Als ich heute neue Rezepte beim Arzt abholen ging, fiel mir auf dem Weg zur Apotheke ein: Warum kann man nicht mit der Organspendekarte allen Arzneikrempel bezahlen? Was man so an Pillen braucht etc.?

    Da schließt sich der Kreis: Sogar beim Medikamentenkauf bin ich also eine Person, die gar nicht anders kann, als in den neuen Kalten Krieg hineingezerrt zu werden. Eine unerträgliche Tatsache, die in der Alltagspolitik keine Rolle spielt oder von meinen Volksvertreterinnen und Volksvertretern lax hingenommen wird.

    Die angemeßne Haltung kann nur die Antihaltung sein, denn wohin führt der Kurs der Konfrontation? Ins neue Wettrüsten, nahe dran an den vielen Störfällen, denen wir damals mehrmals mit etwas Glück entgangen sind? Oder wem geht es um die Alternative? Zum Kalten Krieg?

    Genau aus diesem ersten Grund missfällt mir der Gedanke an eine zweite Amtszeit von DJ Trump. Bei Biden sieht’s ja auch nicht besser aus. Was uns vor die Frage stellt, welche Vizepräsidenten am Start sind – was ich niemals fragen oder auch nur denken würde!

    Insgesamt: Das ist eine vertrackte Lage. Wie ich seit Jahrzehnten predige: Eine großbürgerliche Demokratie, die aus zwei Parteien besteht, setzt sich de facto wie zusammen? Aus Macht- und Interessenkonflikten, denen man mal den einen oder anderen Parteinamen hinterherwirft. Wer, was, wie, warum und so weiter: bedeutungslos. Wie Sie längst vergessen haben, wer hier der Verfasser des jW-Beitrags war. Sehnse!!

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Istvan Hidy: Alles für den Wahlkampf Donald Trump handelt wie ein Geschäftsmann. Die Welt betrachtet er auch heute noch aus dieser Perspektive. Oft spricht er darüber, wer wieviel wofür bezahlt hat und droht mit Konsequenzen, sollte es z...

Ähnliche:

  • Idylle mit US-Militärfahrzeugen im bayerischen Kleinfalz (Archiv...
    31.07.2020

    »Nicht heulen«

    FDP entsetzt, Mieterverein erfreut, Linke sieht noch Luft nach oben: US-Truppenpräsenz in Deutschland wird reduziert, Atomwaffen bleiben
  • Patrouille russischer und türkischer Truppen auf der Autobahn »M...
    29.05.2020

    Bewegung in der Dschasira

    Syrien: Autobahnabschnitt der »M 4« geöffnet. Russische Militärpolizei gewährleistet Sicherheit
  • Syriens Präsident Baschar Al-Assad (r.) und Irans Außenminister ...
    23.04.2020

    Treffen vor dem Ramadan

    Irans Außenminister und Präsident Syriens beraten Situation in Coronakrise. USA provozieren

Regio:

Mehr aus: Ansichten