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Aus: Ausgabe vom 31.07.2020, Seite 7 / Ausland
Brasilien

Ohne Gehalt im Streik

Monatelang ohne Verdienst: Covid-19-Pflegekräfte legen in Rio de Janeiro Arbeit nieder
Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro
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»Internationaler Tag der Pflege«: Krankenschwestern erinnern mit schwarzem Mundschutz an ihre Kollegen, die dem Virus erlegen sind (Manaus, 12.5.2020)

Sie kämpften seit März an vorderster Front gegen Covid-19 im brasilianischen Bundesstaat Rio de Janeiro, riskierten ihr Leben, doch bezahlt wurden sie bis heute nicht. Betroffen sind Hunderte Krankenschwestern und Krankenpfleger, die teilweise seit vier Monaten ohne Gehalt dastehen. Seit vergangener Woche sind sie im Streik.

Brasilien mit seinen Covid-19-Epidemie-Zentren São Paulo und Rio de Janeiro verzeichnet einen traurigen Weltrekord. Es ist nicht nur das Land, das derzeit täglich neue Höchststände bei der Zahl der Neuinfektionen und der Todesfälle in Verbindung mit der Lungenkrankheit verzeichnet – mit Stand Mittwoch 2.552.265 Infizierte und mehr als 90.000 Covid-19-Tote –, es sterben dort auch die meisten Pflegekräfte am neuartigen Coronavirus. Bis Ende Juli erlagen daran in Brasilien insgesamt 316 Pflegekräfte, rund 30 Prozent aller weltweit gezählten Todesfälle von Krankenschwestern- und Pflegern. Am schlimmsten betroffen sind die Bundesstaaten São Paulo mit 52 und Rio de Janeiro mit 45 Todesfällen. Beide verzeichnen jeweils mehr als 4.000 registrierte Erkrankungsfälle von Gesundheitspersonal. Schuld an diesen hohen Infektionszahlen sind unter anderem mangelnder Arbeitsschutz und zu viele am Coronavirus Erkrankte für zu wenige Pflegekräfte.

Die tatsächlichen Zahlen in Brasilien dürften aber noch weit höher liegen, auch weil das Land sehr wenig testet. Wissenschaftliche Studien legen nahe, dass sich mindestens siebenmal so viele Menschen infiziert haben wie bisher bekannt und doppelt so viele wie erfasst gestorben sind. Brasiliens faschistischer Präsident Jair Bolsonaro hatte das Coronavirus zu Beginn der Pandemie als »kleine Grippe« verharmlost und damit in der Bevölkerung Verwirrung über die Ernsthaftigkeit der Krankheit gestiftet. Auch wollte er aus wirtschaftlichen Gründen keine Vorkehrungen zur Eindämmung treffen und lehnte Schutzmaßnahmen ab. Selbst während seiner eigenen Isolation nach einem positiven Coronavirustest hielt er es nicht für nötig, seine Angestellten ausreichend zu schützen und ihnen gegenüber eine Maske zu tragen.

Hunderte von Pflegekräften aus den öffentlichen Krankenhäusern des Bundesstaats sehen im Streik nun den letzten Ausweg, da sie trotz ihrer lebensrettenden und gleichzeitig risikoreichen Arbeit seit Monaten kein Gehalt bekommen haben. Insgesamt zehn Kliniken sind von den fehlenden Gehaltszahlungen und damit auch vom Streik betroffen. Die von Haus aus schlecht bezahlten Pflegekräfte haben teilweise nicht einmal mehr das Geld, um den Bus zu ihrem Arbeitsort zu bezahlen. Der Streik, so eine Sprecherin der betroffenen Pflegekräfte, richte sich auch gegen die Situation des völligen Versagens des staatlichen Gesundheitssystems von Rio de Janeiro. Den Preis dafür zahlen die Angehörigen der Gesundheitsberufe mit rückständigen Löhnen; Transport- oder Lebensmittelgutscheine gibt es nicht. Die Pflegekräfte des seit Jahrzehnten unterfinanzierten öffentlichen Gesundheitssystems von Rio sind nicht direkt beim Staat angestellt, sondern Beschäftigte von Drittunternehmen.

Rio de Janeiros neuer Gesundheitsminister Alex Bousquet weist deshalb jede Schuld von sich. Das Problem liege nicht in staatlicher Verantwortung, sondern bei den Drittunternehmen. Sein Ministerium werde jedoch vor Gericht nach einer Möglichkeit suchen, um eine direkte Zahlung der Gehälter auf die Konten die betroffenen Pflegekräfte vorzunehmen. Nichtsdestoweniger haben laut Medienberichten einige der Krankenschwestern- und Pfleger, die für ihr Gehalt öffentlich demonstriert haben, inzwischen ihren Job verloren. Bousquet ist Nachfolger von Edmar Santos, der zusammen mit Gouverneur Wilson Witzel der Korruption und der Veruntreuung von Geldern zur Bekämpfung des Coronapandemie angeklagt ist. Es geht dabei um umgerechnet mehrere Millionen Euro, die beim Bau der sogenannten Kampagnenkrankenhäuser sowie beim Ankauf von Lungenbeatmungsgeräten unterschlagen worden sein sollen.

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