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Aus: Ausgabe vom 30.07.2020, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Allein gegen Sachsen

Die lächerlichen Seiten der Wirklichkeit: Paula Irmschlers Debütroman »Superbusen«
Von Michael Bittner
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Was geht und was nicht geht: Giselas Verhältnis zu ihrer Heimatstadt Dresden ist, nun ja, angespannt

Seit Herbst 2018 ist Paula Irmschler Redakteurin bei der Titanic und Teil des Versuchs, das traditionsreiche satirische Herrenmagazin ein wenig jünger und weiblicher zu machen. Irmschler erhöht die Diversität in Frankfurt am Main aber noch in anderer Hinsicht: Auch als gebürtige Dresdnerin ist sie Exotin bei einer Zeitschrift, die »Zonis« bislang nur als Witzfiguren kannte. In ihrem ersten Roman »Superbusen« hat die Autorin nun ihre sächsische Herkunft als Hauptthema verarbeitet. Die Protagonistin des Buches, von Freunden zu ihrem eigenen Ärger hartnäckig »Gisela« genannt, erzählt von ihrer unglücklichen Kindheit in der »verdammten Kackstadt« Dresden, der Flucht zum Studium an den unwahrscheinlichen Sehnsuchtsort Chemnitz und einer kurzen, aber wilden Tour durch Deutschland mit der dort gegründeten Frauenband »Superbusen«.

Wer einen komischen Roman, etwa im Stil der Neuen Frankfurter Schule, erwartet, der wird von der Lektüre womöglich enttäuscht. Erzählt wird ohne sprachliche Finessen in halb jugendlichem, halb linksalternativem Alltagsslang. Einen auf Komik hin konstruierten Plot besitzt der Roman auch nicht, er erzählt im Stil eines Tagebuchs einfach vom Erwachsenwerden einer jungen Frau. Die Menschen, die Gisela umgeben, sind auch keine ins Groteske überzeichneten Figuren, sondern Leute mit ziemlich gewöhnlichen Lebensläufen. Im Grunde ist »Superbusen« ein ernsthaftes Buch über Selbstzweifel und Einsamkeit in einer feindseligen Umgebung voller Frauenfeinde, Neonazis und Sachsen.

Wenn der Roman trotzdem oft lustig ist, dann liegt das an der saloppen und lebensklugen Art, mit der Gisela ihr eigenes Dasein analysiert: »In meinem Bett angekommen, versuche ich noch ein bisschen zu masturbieren. Man könnte es auch wichsen nennen, weil das der treffendere Ausdruck ist und weil Frauen sich größtenteils, auch wenn es immer so dargestellt wird, nicht in der Badewanne umgeben von Kerzen und Rosenblättern streicheln, sondern sich oft auch einfach nur einen abrubbeln.« Auch wenn sie die lächerlichen Seiten der Wirklichkeit darstellt, beweist Gisela einen schönen Sinn für Ironie: »Ich finde Pärchen richtig super, auch wenn ich weiß, dass sich das nicht so richtig schickt. Aber wir sollten Pärchen weniger verlachen. Es ist wie die Verachtung von Coldplay, es ist Quatsch. Pärchen sind wichtig. Sie haben sich nun mal lieb, sie sind ein Team, sie sind verschworen und ineinandergeknubbelt.«

In einer für die Ewigkeit gültigen Weise lässt Paula Irmschler ihre Heldin das fatale Volk der Sachsen charakterisieren. Über deren liebste Lautäußerung »Tzhorrr« heißt es etwa: »Das ist das Geräusch, das Sachsen bei jeder sich bietenden Gelegenheit machen. Wenn jemand im Weg rumsteht, wenn sich etwas verspätet, wenn jemand Fremdes sich nicht so verhält, wie Sachsen es sich wünschen (am besten sollen sich Fremde natürlich gar nicht verhalten).« Dass die Autorin demnächst vom sächsischen Tourismusmarketing als Maskottchen eingespannt wird, ist eher unwahrscheinlich.

Von den Befindlichkeitsromanen anderer junger Schriftstellerinnen unterscheidet sich Irmschlers Buch dadurch, dass die Protagonistin nicht bloß Wohlstandsdepressionen, sondern wirkliche Probleme hat. Gisela stammt aus dem, was der gemeine Sachse eine »Assifamilie« nennt: eine alleinerziehende, von Sozialhilfe abhängige Mutter mit vielen Kindern. Der Vater hat sich irgendwann aus dem Staub gemacht, sodass sein Tod der Tochter nichts mehr bedeuten kann: »Das Traurigste an ›Der Vater ist gestorben‹ war, dass es nichts veränderte.«

Außerdem wird Gisela seit Schulzeiten als »Dicke« verächtlich gemacht. Die verinnerlichten Minderwertigkeitsgefühle verhindern nicht nur, dass Gisela mit den Kolleginnen ihrer Band »Superbusen« auf die Bühne geht, sie versauen auch ihr Liebesleben: »Dass sich jemand zurückverliebte, war eine Absurdität, und dementsprechend dachte ich auch immer, dass die Typen, die es taten, sich täuschten, einen Fetisch hatten oder ihnen schon noch auffallen würde, was ich in Wahrheit bin und dass es ›nicht geht‹.«

Sich den Gründen und der Tiefe ihres Unglücks zu stellen, gelingt Gisela erst dank der Hilfe ihrer Superbusen-Freundinnen Fred, Meryam und Jana. So öffnet sich am Schluss immerhin ein Weg, sich aus alten Verstrickungen zu lösen und einen neuen Anfang zu wagen. Es ist fast ein glückliches Ende, noch dazu eines, dass ganz ohne Männer auskommt.

Paula Irmschler: Superbusen. Claassen, Berlin 2020, 320 Seiten, 20 Euro

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