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Aus: Ausgabe vom 30.07.2020, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Auch eine Suppe muss gekaut werden

»Master Cheng in Pohjanjoki«: Mika Kaurismäki tischt wieder Komödie auf
Von Ronald Kohl
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Rennendes Kräutertier: Cheng (l., Chu Pak Hong) überzeugt Sirrka (Anna-Maija Tuokko) mit der Spezialität des Hauses

Er würde immer wieder die eigenen Ideen aufgreifen und seine Plots nach bekanntem Muster schnitzen, nörgeln nun schon seit Jahrzehnten seriöse Kritiker an Mika Kaurismäkis Filmen herum. Doch seit Jahrzehnten feiert der finnische Drehbuchautor und Regisseur mit genau dieser Masche fantastische Erfolge. Dieses Mal hat er sich in der Familie bedient, ebenfalls sehr zum Gefallen der Zuschauer.

Bei der erstmals per Onlineabstimmung durchgeführten Wahl gewann seine jüngste Komödie »Master Cheng in Pohjanjoki« im vergangenen Jahr den Publikumspreis der Nordischen Filmtage in Lübeck. Damals lief der Film noch unter dem buddhistisch angehauchten Titel »Meister Cheng«, der nun offensichtlich vom Verleih verworfen wurde.

Auf dem Kopf

Zu Recht, denn Master Cheng (Chu Pak Hong) geht es nicht um die Erleuchtung der Menschen in seinem neuen sozialen Umfeld, sondern um deren Wohlbefinden. Vor allem aber hat der aus Shanghai stammende Koch und ehemalige Restaurantbesitzer die lange Reise ins tiefste Lappland angetreten, um seine Schulden zurückzuzahlen. Es handelt sich damit zwar eindeutig nicht um eine Remake von Aki Kaurismäkis international vielbeachtetem Film »Der Mann ohne Vergangenheit«, doch Bezüge gibt es jede Menge; Mika Kaurismäki hat die Titelfigur aus dem zweiten Teil der Finnland-Trilogie seines Bruders mit einer guten Portion finnischen Humors gewissermaßen von den Füßen auf den Kopf gestellt: Der Held leidet nicht an Gedächtnisverlust, sondern an quälenden Erinnerungen. Er droht auch nicht in der Anonymität der Großstadt zu versinken, sondern er ist schon sehr bald, sozusagen schneller als er kochen kann, Mittelpunkt einer harmonischen Dorfgemeinschaft. Dass er am Ort der Handlung mit dem Bus eintrifft und nicht mit der Bahn, liegt allerdings an der Verkehrsanbindung.

Es gibt in Pohjanjoki lediglich eine kaum befahrene Durchgangsstraße, und der nächste Ort liegt mehr als 40 Kilometer weit entfernt. Die Landschaft ist natürlich umwerfend, wie überall in Lappland. Die Frage, ­warum er ausgerechnet dort gedreht hätte, beantwortete Mika Kaurismäki damit, dass es in Pohjanjoki das beste Rentierfleisch gäbe.

Als »rennendes Kräutertier« bezeichnen die Einheimischen denn auch Master Chengs Spezialität des Hauses, seinen Rentierbraten in Kräutersoße. Der chinesische Küchenmeister bringt den Finnen nicht nur bei, wie man richtig kocht, sondern auch, wie man richtig isst: Auch eine Suppe muss gekaut werden! Sonst entwickeln die vielen wertvollen Zutaten nicht ihre heilende Wirkung. Da Master Chengs Suppen einmalig schmecken, fällt das nicht schwer.

Es brummt

Nach nur wenigen Wochen geht es in Pohjanjoki keinem schlechter, aber vielen besser. Die Dorfschullehrerin ist ihre Monatsbeschwerden los, der krebskranke alte Romppainen sieht wieder aus wie das blühende Leben, und Sirkka, die Restaurantbesitzerin, ist total verknallt in ihren neuen Koch. Schwanger wird sie noch nicht, da Kaurismäki von Anfang an ernsthaft über einen zweiten Teil nachgedacht hat, aber Sirkka ist glücklich wie schon lange nicht mehr, und der Laden brummt endlich.

Bei der Internetsuche nach einer Übersetzung von Cheng, begegnen einem dann auch prompt Begriffe wie »werden« oder »Erfolg haben«. Doch war das für Kaurismäki laut eigenem Bekunden nicht der Grund, seinen Helden so zu nennen. »Master Cheng« ist die Verballhornung des Titels einer sehr erfolgreichen finnischen Fernsehsendung namens »Master Chef«, ein Kochduell. Wer zaubert am schnellsten sein Leibgericht auf den Tisch? Der in Hongkong lebende Hauptdarsteller Chu Pak Hong hätte dort gute Chancen. Am Rande der Dreharbeiten von Journalisten gefragt, ob er selbst auch kochen könne, antwortete er: »Ja, Tee und Fertignudeln.«

Klasse Heiße Tasse.

»Master Cheng in Pohjanjoki«, Regie: Mika Kaurismäki, Finnland/China/GB 2019, 114 min., Kinostart: heute

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