Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
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Aus: Ausgabe vom 29.07.2020, Seite 16 / Sport
Fußball

Wo bleibt die Fankultur?

Die Deutsche Fußballiga berät über die teilweise Wiederzulassung von Zuschauern. Fanorganisationen bleiben skeptisch
Von Jens Walter
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Ganz oder gar nicht: Pappkameradenlösungen wie hier in Gladbach kann sich die DFL nach Meinung der echten Fans sparen (13.5.2020)

Keine Gästefans bis zum Jahresende, keine Stehplätze und kein Alkohol bis mindestens 31. Oktober: Bei der teilweisen Rückkehr in die Fußballstadien dürfte den Fans eine extreme Umgewöhnung bevorstehen. Über die einheitlichen Richtlinien werden die 36 Profiklubs aus den ersten beiden Ligen am kommenden Dienstag (4. August) abstimmen, die entsprechende Einberufung einer außerordentlichen Mitgliederversammlung gab die Deutsche Fußballiga (DFL) am Dienstag bekannt.

Neben dem Verzicht auf das übliche Gästekontingent von mindestens zehn Prozent der gesamten Eintrittskarten, den Ausschank von Alkohol und die Verteilung von Stehplatztickets steht auch zur Abstimmung, ob sich die Vereine zur Nachverfolgung möglicher Infektionsketten verpflichten wollen. Wie diese (bis zum Jahresende) dann aussehen würde, müsste jeder Klub mit den dafür zuständigen Behörden absprechen. »Dahinter steht die Überlegung, dass die örtlichen Gesundheitsämter nur dann bestehende Infektionsketten früh und effektiv unterbrechen können, wenn sie die entsprechenden Personen zügig ermitteln und kontaktieren können«, begründete die DFL den Punkt.

Zuvor hatten diverse Fanorganisationen ihre schweren Bedenken hinsichtlich der diskutierten Konzepte zur teilweisen Wiederzulassung von Zuschauern geäußert. So erklärte das Bündnis »Unsere Kurve« in einer Stellungnahme vom Dienstag: »Vereine und Verbände müssen sicherstellen, dass keine Weitergabe von erfassten Daten an die Sicherheitsbehörden erfolgt.« Neue Technologien der Überwachung dürften nicht durch die Hintertür des Gesundheitsschutzes eingeführt werden. »So viel Reglementierung wie nötig, so wenig wie möglich, muss als Motto handlungsleitend sein.«

Der eingetragene Verein, unter dessen Dach nach eigenen Angaben 21 Fanorganisationen und eine sechsstellige Zahl von aktiven Fans organisiert sind, erklärte, aufgrund der Pandemie seien Einschränkungen beim Besuch von Fußballspielen zwar legitim, »doch es ist bereits jetzt offensichtlich, dass Regeln wie Abstandhalten und potentielle Gesangsverbote nicht mit dem freien Ausleben von Fankultur vereinbar sind«. Das Bündnis fordert zudem die Einbindung von Fans oder Fanvertretungen bei der Erarbeitung der Hygienekonzepte und eine gerechte Verteilung von Eintrittskarten unabhängig von der Finanzkraft der Zuschauergruppen. Sobald die Pandemie eingedämmt sein sollte, müssten »alle potentiellen Änderungen der Stadionordnungen sowie weitere Maßnahmen des Gesundheitsschutzes verpflichtend« zurückgenommen werden. »Wir fordern die Vereine zu diesbezüglichen verbindlichen Beschlüssen auf«, hieß es weiter.

Zumindest in diesem Punkt versuchte die DFL nun, die Fans zu beruhigen. Sie betonte in ihrer Mitteilung, dass sämtliche mit einfacher Mehrheit beschlossenen Entscheidungen definitiv nur temporär und während der Pandemie gültig sein würden. Dies beträfe auch das Thema Datenschutz. Ziel des Verbandes ist es nach wie vor, bereits zum Start der neuen Spielzeit am 18. September wieder vor Zuschauern zu spielen. Die DFL hatte wegen der noch immer angespannten Situation frühzeitig ausgeschlossen, dass die Stadien voll sein werden.

Das sehen viele Anhänger kritisch, die hinsichtlich Fankultur keine halben Sachen machen wollen. »Stadionbesuche erst dann wieder möglich machen, wenn alle ins Stadion dürfen«, lautete etwa die am Sonntag auf Facebook verbreitete Botschaft des Schalker Fanklubverbands. Ein Aufruf zum Boykott sei dies zwar nicht, aber die Forderung solle freilich nicht nur auf Schalke gelten: »Wünschenswert wäre, wenn die DFL hier einen einheitlichen Beschluss fassen würde.« Den soll es in der kommenden Woche nun für vier zentrale Fragen geben. Auch hier beschwichtigt die Liga: »Außer Frage steht, dass Auswärtsfahrten von Fans einen wichtigen Bestandteil der deutschen Fußballkultur ausmachen«, hieß es bezüglich des möglichen Verzichts auf Gästefans, mit dem das Reiseaufkommen minimiert werden soll. An einer anderen Stelle war die Rede vom »Bekenntnis der DFL zum Erhalt von Stehplätzen in den Stadien«. Wie ernst diese Versicherungen gemeint sind, wird sich wohl erst nach Eindämmung der Pandemie erweisen.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Carsten Glienke, Leipzig: Ohne Sprachgefühl Anstatt auszudrücken, dass darüber diskutiert wird, in der kommenden Saison nun immerhin eine begrenzte Anzahl von Zuschauern in die Fußballstadien zu lassen, schreiben Sie: »Die Deutsche Fußballiga b...

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