Contra Kapitalismus, Protest-Abo!
Gegründet 1947 Sa. / So., 8. / 9. August 2020, Nr. 184
Die junge Welt wird von 2346 GenossInnen herausgegeben
Contra Kapitalismus, Protest-Abo! Contra Kapitalismus, Protest-Abo!
Contra Kapitalismus, Protest-Abo!
Aus: Ausgabe vom 29.07.2020, Seite 15 / Antifa
Faschistische Schwulenverfolgung

Gedenken an Naziopfer

Kundgebung an Berliner Denkmal für verfolgte Homosexuelle. Verteidigungsministerium will schwule Bundeswehrsoldaten entschädigen
Von Markus Bernhardt
Tag_des_Gedenkens_an_48084158.jpg
Kranzniederlegung am Denkmal für die verfolgten Homosexuellen (27.1.2016)

Dutzende Menschen haben am vergangenen Sonnabend in Berlin am Gedenken an die homosexuellen Opfer des deutschen Faschismus teilgenommen, zu dem die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) Berlin-Brandenburg aufgerufen hatten. Aufgrund der Coronapandemie hatten die Veranstalter auf Redebeiträge verzichtet und die Teilnehmer dazu aufgerufen, im Laufe des Tages individuell Blumen am Mahnmal für die zwischen 1933 und 1945 verfolgten Homosexuellen niederzulegen, das sich im Berliner Tiergarten befindet.

57.000 Verurteilte

Neben Vertretern des LSVD legte auch Berlins Kultursenator Klaus Lederer einen Kranz an dem Denkmal ab, um an die Verfolgten zu erinnern. »Ihr Leid muss uns Verpflichtung sein, für queere Rechte weltweit einzutreten«, schrieb er später beim Kurznachrichtendienst Twitter. Zur Erinnerung: Insgesamt sollen allein zwischen 1933 und 1945 rund 100.000 Ermittlungsverfahren nach Paragraph 175 des Strafgesetzbuches eingeleitet worden sein. Etwa 57.000 Männer wurden nach Paragraph 175 verurteilt.

Bis 1940 sollen zudem Daten von 41.000 als homosexuell bestraften oder verdächtigten Männern von der geheimen sogenannten »Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung« erfasst worden sein. Die Hauptaufgabe dieser 1936 von den Faschisten im Rahmen der Neuorganisation der Kriminalpolizei neu geschaffenen Behörde lag in der Registrierung und Bekämpfung von Homosexuellen. Als durchaus hilfreich für die staatlichen Verfolgungsbehörden dürften sich dabei auch die Datensätze über vermeintliche bzw. tatsächliche Schwule herausgestellt haben, die später als »Rosa Listen« bezeichnet wurden und bereits im Jahr 1869 das erste Mal öffentliche Erwähnung fanden.

Auch sämtliche von der Polizei der Weimarer Republik gesammelten Datenbestände über Homosexuelle wurden nach 1933 genutzt, um diese gezielter verfolgen zu können. Nicht selten kam es vor, dass Männer, die nach Paragraph 175 verurteilt wurden, nach Verbüßung ihrer Haftstrafe in einem Konzentrationslager interniert wurden. Dies soll mindestens 6.000 Männer betroffen haben, die explizit wegen ihrer Homosexualität in ein KZ verschleppt worden sind. Zwischen 53 und 60 Prozent der Betroffenen, die mit einem »rosa Winkel« als Homosexuelle gebrandmarkt wurden, kamen in den Lagern der Nazis zu Tode. Hinzu kommen die tatsächlich oder vermeintlich schwulen und bisexuellen Männer, die Opfer von Zwangskastrationen und medizinischen Menschenversuchen wurden, die meist tödlich endeten. So wurde eine unbekannte Zahl Homosexueller in psychiatrische Anstalten überwiesen. Hunderte Schwule wurden auf gerichtliche Anordnung hin kastriert oder von Ärzten zu menschlichen Versuchskaninchen gemacht.

Fortgesetzte Verfolgung

Mit der Befreiung Deutschlands vom Faschismus endete das Leid der Verfolgten jedoch keineswegs. Nahtlos knüpfte auch die Bundesrepublik an den Paragraph 175 an, der in der von den Nazis geprägten Form bis ins Jahr 1969 galt. Dies hatte das Bundesverfassungsgericht noch 1957 als rechtmäßig bezeichnet. Erst aufgrund der Rechtsangleichung zwischen der ehemaligen DDR und der Bundesrepublik Deutschland wurde der Paragraph 175 im Jahr 1994 ersatzlos gestrichen. Es dauerte noch bis 2002, bis sich der Bundestag erstmals dazu durchringen konnte, sich offiziell bei den homo- und bisexuellen Opfern des Naziregimes und der Adenauer-Ära zu entschuldigen.

Derweil sorgte Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) vor wenigen Tagen mit ihrer Ankündigung für Aufsehen, homo- und bisexuelle Soldaten, die aufgrund ihrer Sexualität dienstrechtlich benachteiligt wurden, zu rehabilitieren. Die Betroffenen sollen außerdem auch finanziell für erlittenes Unrecht entschädigt werden. Bisher galt Kramp-Karrenbauer keineswegs als Unterstützerin der Belange von Schwulen, Lesben und Transgendern. Die Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren informiert und berät auch weiterhin Betroffene zu allen Fragen der Rehabilitierung und des individuellen Entschädigungsanspruchs.

Die junge Welt im Aktionsabo kennenlernen: Drei Monate lang für 62 Euro!

An guten Gründen für Protest mangelt es sicher nicht – ganz im Gegenteil. Diese Zeit hat Opposition bitter nötig! Doch ganz gleich wie der Protest aussieht, gilt: Nur was man versteht, kann man verändern.

Genau hier setzt die junge Welt an. Jeden Tag liefern wir gut sortiert Informationen und Inspirationen, machen Hintergründe und Zusammenhänge verständlich. Knapp und bündig bietet die junge Welt konsequent linken Journalismus, an jedem Wochentag auf 16 und am Wochenende auf 24 Seiten.

Die beste inhaltliche Basis für Protest! Deshalb bieten wir unser Sommerabo an: Drei Monate die junge Welt mit ihrem unverwechselbarem Profil kennenlernen. Danach ist Schluss, es endet automatisch.

Ähnliche:

  • Wo kommt nur dieses Hufeisen her, von dem jetzt neuerdings alle ...
    10.03.2020

    Auf der Hufeisenspur

    Die Extremismusthese bedient sich eines Bildes, wonach sich die politischen Extreme berührten. Das ist so dämlich wie antikommunistisch. Marginalien zu den Ursprüngen eines Theoriekonstrukts

Regio:

Mehr aus: Antifa

Die inhaltliche Basis für Protest: konsequent linker Journalismus. Jetzt Protest-Abo bestellen!