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Aus: Ausgabe vom 28.07.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Internetbranche

Milliarden für Jio

Neue Episode im Handelskrieg gegen Volksrepublik China: Google und Facebook investieren in indische Huawei-Konkurrenz
Von Steffen Stierle
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Jio, eine Digitalplattform, die bei US-amerikanischen Konzernen hoch im Kurs steht (Mumbai, 10.7.2017)

Mit Google steigt ein weiterer US-Internetgigant beim indischen Telekommunikationsunternehmen Jio ein, wie deren Muttergesellschaft, Reliance Industries, Mitte Juli mitteilte. Satte 4,5 Milliarden US-Dollar (ca. 3,86 Milliarden Euro) werden demnach auf den Tisch gepackt. Dafür bekommt Google 7,7 Prozent der Unternehmensanteile. Im April dieses Jahres war bereits Facebook bei Jio eingestiegen. Der »Social Media«-Konzern hatte sogar 5,7 Milliarden Dollar in die Hand genommen und rund ein Zehntel des Konzerns erworben. Es geht dem US-Kapital auch darum, für den Aufbau des 5G-Netzwerks eine Alternative zu dem chinesischen Anbieter Huawei zu etablieren.

Keine Frage, Reliance-Industries-Chef Mukesh Ambani versteht sein Geschäft und hat ein Gespür für die politische Großwetterlage. Mit dem Internetunternehmen hat er es zum reichsten Mann Indiens gebracht, zeitweise wurde er vom US-Magazin Forbes sogar als reichster Mann der Welt gehandelt. Zuletzt betrug sein Privatvermögen rund 50 Milliarden Dollar. Insbesondere beim Aufbau des 4G-Netzwerks konnte er Jio im indischen Digitalsektor etablieren. Der Konzern eroberte mit Umsonstangeboten und Tiefstpreisen den Markt. Später folgte der Vertrieb preiswerter Mobilfunkgeräte, der Start von Streamingdiensten für Videos und Musik und was sonst noch so zu einem Tech-Unternehmen auf der Höhe der Zeit gehört. Längst dominiert der Konzern den riesigen Internetmarkt Indiens. Insofern ist er für Facebook, Google und Co. ohnehin von Interesse.

Dass es Ambani nun gelungen ist, in derart großem Umfang US-Kapital zu mobilisieren, hat viel mit dem Handelskrieg gegen die Volksrepublik China zu tun, den US-Präsident Donald Trump vor gut einem Jahr vom Zaun gebrochen hat und den er seither immer weiter eskaliert. So besteht eine wichtige Säule der wirtschaftlichen Attacken gegen Beijing darin, Huawei aus dem 5G-Markt zu drängen, der von großer geopolitischer Bedeutung ist. Washington verzichtet deshalb nicht nur selbst auf die Leistungen des Unternehmens aus Shenzhen. Darüber hinaus übt die Trump-Administration Druck auf andere Regierungen aus und fordert unverhohlen, nicht mit Huawei zu kooperieren.

Zuletzt hatte Großbritannien Mitte Juli nachgegeben und angekündigt, den Kauf von Huawei-Komponenten ab Januar 2021 zu verbieten. Der Ausbau des 5G-Netzes auf der Insel dürfte sich dadurch deutlich verlangsamen. Schließlich ist die Expertise aus China nicht leicht zu ersetzen. Doch augenscheinlich schickt sich nun Jio an, dies zu ändern. Bei der Hauptversammlung Mitte Juli hatte Ambani überraschend verkündet, die Firma habe eine eigene 5G-Technologie entwickelt. Die von ihm kontrollierte Nachrichtenplattform news18.com sprach von einem »Huawei-Killer«. Und die politische Führung der USA schwärmt auffallend leidenschaftlich. So nannte etwa Außenminister Michael Pompeo Jio laut eines Berichts der Neuen Zürcher Zeitung vom 18. Juli ein Netzwerk, das »sauber« sei, weil es keine Huawei-Technologie benutze.

Auch die Rückendeckung der indischen Regierung ist Ambani gewiss: Bereits 2016 geriet Jio in die Kritik, weil die politische Unterstützung beim Markteintritt aus Sicht vieler Konkurrenten zu großzügig ausfiel. Geändert hat das nichts. Der Jio-Chef teilt mit Premierminister Narendra Modi nicht nur den Willen, das bevölkerungsreiche Land möglichst schnell und möglichst weitgehend zu digitalisieren. Auch im geopolitischen Streben nach weniger Abhängigkeit von China sind sich die beiden einig. Angesichts der engen Verbindung von Regierung und Geldelite ist wohl davon auszugehen, dass Jio den indischen Telekommunikationsmarkt bis auf weiteres dominieren wird.

Die 5G-Technologie könnte zudem das Sprungbrett sein, mit dem Ambanis Konzern zu einem der »Big Player« auf der Weltbühne wird. Die Milliarden aus den USA sind also sicherlich gut angelegt. Sie dürften sich allerdings nicht nur für die US-Konzerne auszahlen, sondern auch den Aufstieg Jios weiter vorantreiben – ebenso wie die Spannungen gegenüber China, die durch diese Episode des US-Wirtschaftskrieges weiter eskaliert werden. Die US-Regierung sieht das Engagement des einheimischen Kapitals in Indien daher sicher gerne.

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