Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
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Aus: Ausgabe vom 28.07.2020, Seite 12 / Thema
Gewalt in Mexiko

Das Land des Kriegers

Die Geschichte des mexikanischen Bundesstaates Guerrero ist vor allem eine Geschichte der Gewalt. Im September 2014 »verschwanden« dort 43 Studenten. Ein Fall, der bis heute nicht aufgeklärt ist
Von Héctor Jiménez Guzmán
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Mordsmäßig unterwegs und oftmals Teil krimineller Machenschaften: Polizisten des mexikanischen Bundesstaates Guerrero bei einer Demonstration für Aufklärung und Verurteilung der Verantwortlichen für die im September 2014 verschwundenen 43 Studenten (Chilpancingo, Guerrero, 19. Januar 2015)

Im Jahr 1810 begannen mehrere Unabhängigkeitskriege in jenem großen Gebiet, das die spanische Krone Neuspanien nannte und das die kreolische Elite (Kreolen waren die in den Kolonien geborenen Spanier) als Mexiko bezeichnete. Allerdings scheiterten alle diese Kriege innerhalb von zehn Jahren. Der einzige verbliebene militärische Brennpunkt der Kolonie befand sich 1820 im Südwesten des heutigen Mexiko. Das Gebiet des heutigen Guerrero liegt zwischen einer großen Bergregion, der Sierra Madre del Sur, und der Küste rund um den Hafen Acapulco. Für die spanische Krone war die Kontrolle dieser Region aus geopolitischen Gründen wichtig: Acapulco war fast drei Jahrhunderte lang das Tor des spanischen Imperiums zum Pazifik und damit zum intensiven Handel mit Ostasien.

Fast fünf Jahre lang hielt eine Guerilla um Vicente Guerrero die spanischen Truppen in Schach (Guerrero bedeutet auf Spanisch Krieger). Da Guerrero sich als unbesiegbar erwies, musste der Anführer der spanischen Streitkräfte, Agustín de Iturbide, mit dem Rebellenführer Frieden schließen. Schließlich einigten sich die Gegner und unterzeichneten 1821 einen Friedensvertrag. Die Vereinbarung erwies sich für beide als vorteilhaft: Iturbide wurde nach der Unabhängigkeitserklärung Kaiser des neuen mexikanischen Reiches.

1824 verwandelte sich das Kaiserreich in eine Republik, und Vicente Guerrero wurde mexikanischer Präsident. Die meisten zeitgenössischen Porträts verschleiern seine dunkle Hautfarbe und afrikanische Abstammung. Seine Gesichtsfarbe erscheint heller als in der Realität; Guerrero sieht auf den Porträts aus wie ein Kreole in militärischer Tracht. Im Jahr 1829 verbot Guerrero in dem noch jungen Staat die Sklaverei. Nur zwei Jahre später schmiedeten seine einstigen Verbündeten ein Komplott und ermordeten ihn.

1849 brauchte das junge und nach einer US-amerikanischen Invasion geschwächte Mexiko Märtyrer und wichtige Persönlichkeiten, um seine nationale Identität zu begründen. Deshalb erwies man dem verratenen Rebellenführer die Ehre und schuf in seiner einstigen Bastion eine administrative Einheit, die bis heute seinen Namen trägt. Auf diese Weise entstand Guerrero, einer der heutigen 32 Bundesstaaten Mexikos, eine Provinz erhabener Landschaften, deren Relief von zwei topographischen Merkmalen geprägt ist: die von der Sierra Madre umgebenen Täler und die berühmte Pazifikküste von fast 500 Kilometern Länge.

Mehrere Autoren haben betont, dass das Gebirge der Sierra Madre del Sur nicht nur eine physische, sondern auch eine soziale Grenze zwischen dem Zentrum und dem Süden Mexikos bildet. Im Zentrum des Landes gibt es bessere Lebensbedingungen und Wirtschaftswachstum, während Rückstand und extreme Ungleichheit den Süden des Landes kennzeichnen.

Nach Regierungsstatistiken aus dem Jahr 2018 lebten 66 Prozent der Bevölkerung Guerreros in Armut (der nationale Durchschnitt liegt bei 42 Prozent). 76 Prozent seiner Bevölkerung haben keinen Zugang zum Gesundheitssystem. 59 Prozent haben unzureichend ausgestattete Wohnungen, und 39,4 Prozent können sich nicht angemessen ernähren. Damit ist Guerrero nach Chiapas der zweitärmste Bundesstaat Mexikos.

In Guerrero liegt zum Beispiel die Gemeinde Cochoapa El Grande, die einen der letzten Plätze auf dem Marginalisierungsindex Mexikos einnimmt. Fast 20.000 indigene Einwohner leben in dieser Gebirgssiedlung, die nur über einen steinigen Weg mit dem übrigen Land verbunden ist. Den Regierungsstatistiken zufolge verfügten 99,3 Prozent der Haushalte im Jahr 2015 weder über eine Trinkwasserversorgung noch eine Abwasserentsorgung. Das heißt: Es handelt sich um einen Ort mit einem Lebensstandard vergleichbar dem in den Ländern Subsahara-Afrikas. Und das mitten in einem Mitgliedstaat der OECD.

Aber das ist noch nicht alles: Von 2015 bis 2019 ereigneten sich sieben von 100 Morden in Mexiko im Bundesstaat Guerrero. Das heißt: In einem Bundesstaat, der mit 63.000 Qua­dratkilometern etwa 1,5mal so groß ist wie die Schweiz, gab es in dieser Zeit durchschnittlich 57 Morde pro 100.000 Einwohner. Der nationale Durchschnitt liegt bei 19 pro 100.000. Basierend auf UN-Statistiken ist Guerreros Mordrate in den letzten Jahren nur mit denen von Venezuela und El Salvador vergleichbar.

Eine lange Geschichte der Gewalt

In einem der zentralen Täler Guerreros befindet sich Iguala, eine kleine Stadt, deren offizielles Motto »Wiege der Unabhängigkeit« lautet. Dort unterzeichneten Guerrero und Iturbide im Februar 1821 die mexikanische Unabhängigkeitserklärung. In jüngster Zeit hat sich die Wiege der Unabhängigkeit in eine Bühne des Schreckens verwandelt. Heute steht der Name Iguala unweigerlich im Zusammenhang mit Julio César Mondragón, der ermordet und dann an einer staubigen Straße der Stadt aufgehängt wurde. Julio César, ein zwanzigjähriger Student, ist ein Opfer des kriminellen Sadismus. Er wurde zu Tode gefoltert und seine Gesichtshaut abgezogen. Julio César war eine von sechs Personen, die in der Nacht vom 26. zum 27. September 2014 in den Straßen Igualas ermordet wurden, als die Polizei eine Gruppe von Studenten attackierte.
Der Hintergrund dieses Verbrechens ist zu komplex, um ihn hier vollkommen zu erklären. In groben Zügen weiß man inzwischen, dass Lehramtsstudenten der Escuela Normal Rural de Ayotzinapa in dieser Nacht einige Busse am Busbahnhof Igualas entführten. Sie wollten so an einer Großdemonstration in Mexiko-Stadt teilnehmen, die jedes Jahr an das Massaker an Studenten vom 2. Oktober 1968 erinnert. Ein Polizeikommando versuchte die Studenten aus Ayotzinapa festzunehmen und griff sie mit Schusswaffen an. Die anschließende Verfolgungsjagd hinterließ außer den bereits erwähnten sechs Toten mehr als vierzig Verwundete und führte zur Festnahme von 43 Studenten, die bis heute verschwunden sind. Nach fast sechs Jahren wurden nur die die Überreste der Leichen dreier Verschwundener identifiziert.

Das Verbrechen von Iguala erregte außergewöhnliche öffentliche Aufmerksamkeit und führte zu einer breiten Mobilisierung für Gerechtigkeit in einer Gesellschaft, die an verlorene Schlachten gegen Korruption, Gewalt und Straflosigkeit gewöhnt ist. Die Empörung über den Skandal zwang den damaligen Gouverneur von Guerrero, Ángel Aguirre, sein Amt niederzulegen. Doch der Rücktritt konnte die Entrüstung nicht schmälern. Dieses peinliche Verfahren war nicht neu für Aguirre. Fast zwanzig Jahre zuvor war er Interimsgouverneur, als sein Freund Rubén Figueroa sein Amt als Gouverneur aufgeben musste, nachdem die Polizei am 28. Juni 1995 ein Massaker in Aguas Blancas verübt hatte. Damals hinderte ein Polizeiposten oppositionelle Kleinbauern daran, an einer Demonstration teilzunehmen. Die Polizei blockierte ihren Weg, verletzte ihr Demonstrationsrecht und ermordete schließlich 17 von ihnen.

Um einen gewaltsamen Zusammenstoß zu simulieren, arrangierte die Polizei die leblosen Körper und legte den Ermordeten Pistolen in die Hände; dieselben Pistolen, mit denen sie erschossen worden waren. Tage später verbreitete die Regierung Guerreros zusammen mit einer Erklärung ein manipuliertes Video der Ereignisse. Darin bezeichnete sie die Kleinbauern als Radikale und Provokateure. Sie hätten die Polizei mit Waffen angegriffen, woraufhin diese sich verteidigen musste. Die Regierung simulierte Bedauern und behauptete, sie werde sich für Rechtsstaat und Gerechtigkeit einsetzen.

Monate später, im März 1996, erreichte das Originalvideo des Massakers die Presse. Es bewies, dass die Regierung ihre Version der Ereignisse nur inszeniert hatte, zeigte, dass die Polizisten das Feuer auf Unbewaffnete eröffnet hatten. Der Gouverneur Ruben Figueroa trat zurück, da er der intellektuellen Urheberschaft des Verbrechens beschuldigt wurde. Außerdem verspottete man ihn wegen des aufgedeckten Betrugs. Im Detail ist in dem Video Folgendes zu sehen: Direkt nachdem der erste Kleinbauer von Schüssen niedergestreckt worden waren, rief ein Polizist den Festgenommenen in belehrendem Tonfall zu: »Seht Ihr? Schon ist der erste gefallen! Wolltet ihr das? Wolltet ihr das?« Laut Aussage eines Studenten, der den Angriff in Iguala im Jahr 2014 überlebte, sagte damals ein Soldat ähnliches zu einer Gruppe festgenommener Studenten: »Ihr habt das herausgefordert. Ihr wolltet das, oder? Ihr wolltet mit richtigen Männern kämpfen, also müsst ihr das aushalten.«

Widerspruch und Renitenz wird im Machtsystem Guerreros offenbar als Todeswunsch ausgelegt. Die staatliche Repression hat Tradition. Viele kriminelle Episoden sind der Bevölkerung Guerreros in Erinnerung geblieben und fügen sich zu einer langen Geschichte politischer Gewalt im Bundesstaat und im ganzen Land zusammen. Zu den bekanntesten Fällen zählen: die Repression gegen eine Demonstration der oppositionellen Asociación Cívica Guerrerense, bei der 1962 nach unterschiedlichen Angaben bis zu acht Menschen in Iguala starben; die Repression gegen eine Demonstration von Kleinbauern in Acapulco im Jahr 1967, bei der es 38 Tote gab; die militärischen Expeditionen gegen Gemeinden an der Costa Chica und Costa Grande zwischen 1968 und 1982 – eine Zeit, die auch unter dem Namen »Schmutziger Krieg« bekannt ist. Damals verfolgte das Militär Guerillagruppen in der Region. Etwas mehr als 500 Menschen wurden ermordet oder verschwanden. Hinzu kommt die Gewalt nach Wahlen, der seit den 1990er Jahren Dutzende politische Aktivisten zum Opfer fielen; die Ermordung von acht vermeintlichen Guerilleros in der Gemeinde El Charco 1998; die Ermordung der Menschenrechtsaktivistin Digna Ochoa 2001, die Kleinbauernanführer in der Region La Montaña verteidigt hatte; die Ermordung des lokalen Kongressführers im Jahr 2009, die Repression gegen eine Studentendemonstration 2011 in der Stadt Chilpancingo, in deren Folge zwei Teilnehmer starben; nicht zu vergessen all die Toten, die sich jeden Tag in Polizeimeldungen der Tageszeitungen finden. Sie sind Opfer der kriminellen Welle, die den Bundesstaat Guerrero erschüttert oder auch der Konflikte um Land – so alt und wiederkehrend, dass sie fast unsichtbar geworden sind.

Der Kopf des Gouverneurs

Vor diesem Hintergrund ist es kein Zufall, dass in den vergangenen 85 Jahren sieben der 14 Gouverneure Guerreros in der Folge politischer Konflikte abgesetzt wurden; manchmal mussten sie ihr Amt wegen bei gewalttätigen Ereignissen zu beklagende Todesopfer niederlegen, manchmal wegen Korruptionsfällen. Ein kurzer Überblick zeigt das ganze Ausmaß der politischen Instabilität: 1935: Das Massaker an 30 politischen Gegnern in Coyuca de Catalán verursachte den Sturz von Gouverneur Gabriel Guevara. 1941: Die Auseinandersetzungen zwischen dem Gouverneur Alberto Berber und der nationalen Parteiführung der PRM (später PRI) in einem Klima der Gewalt vor den lokalen Wahlen endeten mit der Entlassung Gouverneurs. 1954: Sturz des Gouverneurs Alejandro Gómez Maganda nach Korruptionsfällen und der Vernachlässigung seiner politischen Aufgaben. Die Absetzung erfolgte im Kontext von Gerüchten über Konflikte zwischen Gouverneur und Präsident sowie der politischen Mobilisierung von Landarbeitern. Das Militär übernahm phasenweise die Kontrolle in Chilpancingo, der Hauptstadt Guerreros. 1961: Soziale Bewegungen forderten den Rücktritt des Gouverneurs Raúl Caballero Aburto; das Militär schlug die Proteste nieder, 19 Menschen starben in Chilpancingo. 1975: Der Gouverneur Ismael Nogueda wurde von einer Kleinbauernorganisation beschuldigt, betrügerische Landverkäufe durchgeführt zu haben. Seit 1971 gab es eine starke Militärpräsenz in der Region, um gegen die Guerillas an der Küste vorzugehen. Zwei Monate nach dem Tod des führenden Guerilleros, Lucio Cabañas, wurde der Gouverneur abgesetzt. 1996: Der Rücktritt von Gouverneur Rubén Figueroa wegen des bereits erwähnten Massakers an 17 Kleinbauern in Aguas Blancas. 2014: Rücktritt des Gouverneurs Angel Aguirre nach dem Verschwinden von 43 Studierenden der Normal Rural de ­Ayotzinapa.

Wie die Übersicht zeigt, gibt es in Guerrero eine Kontinuität von Machtmissbrauch, Korruptionsfällen, exzessiver staatlicher Gewalt, internen Machtstreitigkeiten sowie der Infragestellung der lokalen politischen Macht durch soziale Bewegungen. Dabei führte allerdings auch Dissens mit der Zentralregierung immer wieder zum Sturz der Gouverneure. Ein gestürzter Gouverneur ist die effizienteste Form, um eine Krise der politischen Glaubwürdigkeit zu entschärfen. Es ist auch die effizienteste Form, um die Ungleichheit in einer Region zu verschleiern, die über reiche natürliche Ressourcen verfügt und trotz oder gerade wegen dieses Umstands Spitzenreiterin der Ungleichheit ist. Die sozialen und politischen Folgen dieser Entwicklung sind bis in die Gegenwart sichtbar.

Der Fall Ayotzinapa

Zurück zum Fall Ayotzinapa, dessen kriminelle Gewalt eine der tiefsten Wunden der letzten Jahre hinterließ. Wie ging es weiter? Die Version der Regierung von Enrique Peña Nieto (2012–2018) lautete folgendermaßen: Die lokale Polizei, die für eine kriminelle Organisation arbeitete, habe die unbewaffneten Studenten (die einen Bus entführten, um sich fortzubewegen) mit dem Angriff einer rivalisierenden kriminellen Bande verwechselt. Diese Version besagte außerdem, dass Kriminelle die Studenten festgenommen und sie auf der Müllhalde von Cocula verbrannt hätten. Cocula ist eine Nachbargemeinde von Iguala.

Die Untersuchung der interamerikanischen Menschenrechtskommission erweiterte die Version der Regierung: Nicht nur die lokale Polizei, sondern darüber hinaus die Bundespolizei und sehr wahrscheinlich auch das Militär seien in die kriminellen Machenschaften involviert gewesen. Damit widerspricht dieser Bericht der offiziellen Darstellung über die Motive des Verbrechens. Die Kommission stellte die These auf, dass die Studenten unwissentlich einen Bus entführten, der wahrscheinlich eine Heroinladung transportierte.

Damit hätten sie die bewaffneten Kräfte auf den Plan gerufen, die Polizei, Militär – und bezahlte Mörder. Diese bewaffneten Kräfte hätten im Dienst der lokalen Mafia gehandelt, um die Ware sicherzustellen und den militanten Studenten eine Lektion zu erteilen, da sie ein Risiko für die kriminelle Bereicherung der Mafia darstellten. Andererseits befand die Kommission, dass keine ausreichenden Beweise dafür existierten, dass die Studenten auf der Müllhalde von Cocula verbrannt worden seien. Solange ihr Tod nicht erwiesen sei, sollten sie weiter als Verschwundene eingestuft werden.

Die Widersprüche zwischen der Version der Regierung und jener der Interamerikanischen Menschenrechtskommission führten die Nachforschungen in den folgenden Jahren in eine Sackgasse. Mit dem Wahlsieg des Mitte-links-Kandidaten Andrés Manuel López Obrador (AMLO) bei den Präsidentschaftswahlen von 2018 stieg erneut die Hoffnung, dass der Fall aufgeklärt werden könnte. Am 4. Dezember 2018, nur wenige Tage nach der Amtsübernahme, setzte der Präsident per Dekret eine »Kommission für Wahrheit und Gerechtigkeit« ein.

Allerdings zeigten die Ereignisse im folgenden Jahr, dass die guten Vorsätze der Regierung nicht ausreichten: Ende des Jahres 2019 waren bereits mehr als 70 der 142 verdächtigen Personen freigelassen worden, die seit 2014 wegen ihrer mutmaßlichen Beteiligung an dem Verbrechen festgenommen worden waren. In den meisten Fällen sprachen die Richter die Beschuldigten frei, sei es, weil die Festnahme nicht den juristischen Vorschriften entsprach oder weil ihre Geständnisse unter Folter erwirkt worden waren. Vor diesem Hintergrund drohte der Fall Ayotzinapa erneut zum Stillstand zu kommen.

Zu Beginn des Jahres 2020 drängte AMLO die Kommission, ihre Nachforschungen zu intensivieren. Jetzt ging es nicht nur um die Wiederaufnahme der Untersuchung und die Verurteilung der Verantwortlichen, sondern auch um die Polizisten, die sowohl die Studenten als auch staatliche Funktionäre gefoltert hatten, und das alles, um die Version der vorherigen Regierung glaubwürdig erscheinen zu lassen.

Die Aufarbeitung drohte aufgrund der COVID-19 Pandemie erneut im Sande zu verlaufen. Trotzdem erfolgte am 30. Juni eine Wende: Die Generalstaatsanwaltschaft gab offiziell bekannt, was schon lange vermutet worden war: es existieren Hinweise auf andere Versionen, die das Schicksal der 43 Studenten erklären könnten und die von der Darstellung der Regierung Peña Nieto abweichen. Es begann eine neue Welle an Festnahmen im Milieu der kriminellen Banden und der Polizeieinheiten, die in den Fall verwickelt waren.

Eine Woche später informierte die Regierung über eine Entdeckung: Einige der gefundenen Knochenfragmente ließen sich dem Studenten Christian Rodríguez zuordnen, der in der tragischen Nacht von Iguala verschwunden war. Die Neuigkeit ist, dass die Fragmente an einem anderen Ort als der Müllhalde von Cocula gefunden wurden. Dass die Fragmente an einem anderen Ort gefunden wurden, bestätigt: Die Version der Regierung Peña Nieto, wonach die Leichen der 43 Studenten dort verbrannt worden seien, ist falsch.

Während nun die amtierende Regierung um Zeit und Geduld bittet, um neue Antworten zu finden, reagiert die Gesellschaft, des Wartens leid, mit Ungeduld. Das machte sich am 17. Juli erneut bemerkbar. Eine Handvoll Studenten aus Ayotzinapa randalierte im Kongress des Bundesstaates. Sie zerstörten Fenster und setzten Räume mit Raketen und Molotowcocktails in Brand. Sie forderten Gerechtigkeit für die Familien der Verschwundenen. An einer Wand hinterließen sie eine Nachricht, um das Motiv für ihre direkte Aktion zu erklären: »Der Kampf gibt uns das, was das Gesetz uns verweigert.«

Problemstaat

Die Debatten über den Fall von Ayotzinapa haben gezeigt, wie wichtig eine historische Kontextualisierung des institutionellen Verfalls, der Gewalt und der wiederkehrenden politischen Krisen ist. Daraus ist die Interpretation hervorgegangen, Guerrero sei ein unregierbarer Staat. Problemstaat, unregierbarer Staat, unbezähmbarer Staat, Enklave des Chaos, unbändiges und wildes Guerrero, Epizentrum des Schmerzes – das sind einige der Bezeichnungen, die der Bundesstaat im Laufe seiner Geschichte erhielt. Interpretationen in der Presse oder in den Reden von Politikern schreiben diese Unbezähmbarkeit dem Charakter seiner Bewohner zu. Der Bewohner Guerreros, schrieb ein Autor Mitte des 20. Jahrhunderts, sei auf Grund seiner Natur ein wildes Wesen, ein Wesen mit barbarischem Geist.

Diese Klassifizierung offenbart einen tiefsitzenden Rassismus. Ignoriert wird dabei die regionale Ungleichheit, die die Entwicklung Mexikos kennzeichnet. Guerrero erlebt diese Entwicklung so widersprüchlich wie keine andere mexikanische Region. Es ist also kaum verwunderlich, dass verwobene Prozesse von Herrschaft und Widerstand die Geschichte dieser Region prägen, bei denen es um Ressourcen des Überlebens geht. Guerrero ist dem unbeugsamen Geist seines Namensgebers Vicente Guerrero treu geblieben.

Héctor Jiménez Guzmán schrieb an dieser Stelle zuletzt am 10. April 2019 über den mexikanischen Revolutionär Emiliano Zapata.

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