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Aus: Ausgabe vom 27.07.2020, Seite 16 / Sport
Fußball

Der englische Stil

Pampi und die Strafexpedition: Wie Partizan-Belgrad-Fans eine der ersten Ultrasgruppen Jugoslawiens gründeten
Von Boban Lapcevic
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Grobari mit Undertakers-Banner bei einem Heimspiel in den 80er Jahren

Man sagt, die Grobari (»Die Totengräber«) wurden 1970 gegründet, doch damals bekamen die Partizan-Belgrad-Anhänger nur diesen Namen. Die ersten richtig organisierten Fangruppierungen, wie man sie heute kennt, folgten viel später. Anfang der 80er Jahre sollte sich das Bild unserer südlichen Tribüne nachhaltig ändern und nicht viel übrigbleiben, was an die vergangenen Jahrzehnte erinnerte. In den 80ern begann, auch wenn man das damals nicht wissen konnte, die Auflösung Jugoslawiens, welche in das Chaos und den Krieg der 90er Jahre mündete. Tito starb am 4. Mai 1980. Der Zerfall begann schleichend. Bis dahin waren wir alle Jugoslawen. Wir waren Tito. In dieser Zeit entstand auf der Südtribüne eine erste kleine Gruppe von Grobari. Ungeplant, spontan und anarchistisch.

Der Kern fasste etwa zwei- bis fünfhundert Leute, welche anfingen, organisiert zu verschiedenen Spielen zu reisen. Man richtete sich nach dem englischen Vorbild, trug schwarz-weiße Mützen und Schals, welche unterwegs, ganz nach dem Vorbild der Casual-Szene, unter den Jacken versteckt wurden. Schnaps, Wein und Bier waren ebenfalls treue Begleiter. Es gab noch keine richtige Fanorganisation in Jugoslawien, wir feierten sozusagen die Premiere.

16. September 1986, Mönchengladbach. Von vielen als das erste jugoslawische Ultra-Auswärtsspiel anerkannt. Damals wurden die Fans noch von kommunistischen Sicherheitsbeauftragten begleitet. Doch kaum hatte der Bus das Land verlassen, stellte sich Pampi mit einem Schlagstock in der Hand vorne hin und sagte: »So, jetzt übernehme ich.«

Unsere Fahnen wehten auf der Osttribüne: schwarz-weißer Lack auf billigem Stoff aufgemalt. »Partizan Disorder«. Außerdem eine britische Fahne, welche die fankulturelle Richtung der Grobari zeigen sollte. »Chelsea and Partizan: Brothers in Arms.« Auf einer kleinen Flagge stand schlicht »Pampi«.

Pampi ist eine der größten Legenden unserer Fangeschichte. Er bildete, prägte und führte diese erste Gruppierung, welche sich bei den Auswärtsspielen einfach »Die Strafexpedition« nannte. Sie waren besonders, weil sie als erste den englischen Stil einführten. Sie erlaubten außerdem allen möglichen Gruppen verschiedener Subkulturen, auf die Südtribüne zu kommen. Es gab kein »Wer ist wer«, keine Polemik, keine Besserwisserei. Es war alles irgendwie spontan. Auf der Straße. In unserem Fußballtempel. In irgendeiner Stadt.

Pampi war physisch nicht gerade ein Herkules. Er sah nicht sehr furchterregend aus. Körperlich würde er es wohl kaum mit einem Hooligan der heutigen Zeit aufnehmen können. Er war etwas über 1,80 Meter groß und ziemlich schlank. Er hatte einen hohen Diop­trienwert, weswegen er eine riesige Brille trug. Er hatte jedoch die wichtigsten Eigenschaften für einen Partizan-Anführer: Er war ausgesprochen verrückt und mutig. Er hatte ein besonderes Charisma und brachte Leute zusammen. Deswegen wurde er respektiert. Schnell schaffte er es, auf unserer Tribüne eine gewisse Disziplin einzuführen. Es war etwas noch nie Dagewesenes, wie er die Auswärtsspiele organisierte. Dass er dies während des Sozialismus bewerkstelligte, gibt dem Ganzen eine noch größere Bedeutung. Alles funktionierte tadellos und einwandfrei. Er hatte Leute für alles. Er organisierte dank seiner Freunde bei der Bahngesellschaft Zugfahrten zum ermäßigten Preis. So etwas wie organisierte Fanzüge gab es damals in Jugoslawien natürlich nicht, genausowenig wie heute. Jeder hatte seine Aufgabe, so gab es zum Beispiel die diensthabenden Diebe, welche für die Nahrungsfindung, Getränke und sonstige benötigte Dinge zuständig waren. Geklaut wurden auch die Leinwände für die Fahnen, der Autolack für Graffiti.

Pampi hatte auch immer einen Schlüssel dabei (wer weiß woher), mit dem er alle Türen im Zug öffnen konnte. Auch für Abteile, die nur für die Schaffner gedacht waren. Die Grobari würden die Plätze jeweils vor ihnen einnehmen und die Schaffner würden sich denken, sie hätten vergessen, abzuschließen. Niemals hätten sie geglaubt, dass ein Fan an einen solchen Schlüssel gelangen konnte. In diesen erwähnten Waggons durften nur die sogenannten Generäle reisen (die aktivsten Fans), sowie die erste Truppe rund um Pampi selbst, seine Freunde und selten einige andere Auserwählte. Es gab auch Leute, welche ausschließlich für die Moral in der Truppe zuständig waren. Würde man zum Beispiel nach Kroatien reisen, würden sie Geschichten über das Serbentum erzählen. Es gab Leute, welche für das Komponieren neuer Lieder und Slogans zuständig waren. Pampi lief wie ein echter Kriegsherr durch den Zug, welcher seine Soldaten prüft. Er war immer bestrebt, ein guter Anführer zu sein. So geschah 1982/83 zum Beispiel folgendes: Die Grobari waren unterwegs nach Zagreb. Also bemalten sie den ganzen Zug (innen und außen) mit schwarz-weißer Autolackfarbe (die Vereinsfarben von Partizan, jW). Das war doch unumstritten eine geile Aktion, so in die gegnerische Stadt reinzufahren. Bei Slavonski Brod wurde der Zug angehalten, und die Polizei wollte alle Grobari verhaften. Doch Pampi stellte sich hin und sagte feierlich, dass er allein verantwortlich sei und ihm niemand beim Bemalen geholfen hätte.

Wenn man gegen Hajduk Split spielte, nahm man üblicherweise Schraubenzieher und einen Haufen serbischer Nummernschilder mit. In der Nacht vor dem Spiel tauschte man die Nummernschilder einiger kroatischer Autos, damit die Hajduk-Fans am nächsten Tag diese zerstörten. Manche wurden auch ins Meer geschoben. Meiner Meinung nach eine der geilsten Grobari-Aktionen aller Zeiten.

Gekürzter Vorabdruck aus der »Fußballfibel FK Partizan Belgrad«, die heute erscheint. Buchvorstellung heute in der Berliner Kultur- und Schankwirtschaft Baiz, Schönhauser Allee 26 A, 19.30 Uhr

Boban Lapcevic: FK Partizan Belgrad. Fußballfibel, Culturcon-Medien, Berlin 2020, 140 Seiten, 12,99 Euro

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