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Aus: Ausgabe vom 27.07.2020, Seite 15 / Politisches Buch
Geschichte der NSDAP

»Gar nicht konservativ«

Rainer Zitelmann gefällt das: Jürgen Falter über Hitler als Revolutionär und die »Volkspartei« NSDAP
Von Leo Schwarz
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»Unbezahlter und vermögensloser Referendar«: Der NSDAP-Aufnahmeantrag von Hans Filbinger, 1966 bis 1978 CDU-Ministerpräsident von Baden-Württemberg

Zu Beginn der 1980er Jahre begannen konservative Zeithistoriker und Politikwissenschaftler, die bei (links-)liberalen Kollegen bis dahin als gesichert geltende Annahme, bei der NSDAP habe es sich wähler- und mitgliedermäßig in der Hauptsache um eine »Mittelstandsbewegung« gehandelt, zu relativieren. Vor allem der Arbeiteranteil – bei Wählern und bei Mitgliedern – sei, behaupteten sie, deutlich höher gewesen als bislang angenommen; bald schon tauchte die These auf, die NSDAP sei die erste deutsche »Volkspartei« gewesen.

Dahinter stand ein einfaches, aber sehr grundsätzliches und verbissen verfolgtes Interesse: Neben der sowieso rundheraus zurückgewiesenen marxistischen These, die NSDAP sei nach Herkommen, Ideologie und politischer Funktion eine bürgerliche Partei gewesen, sollte nun auch der unangenehme Befund dementiert werden, dass die sozialen Trägerschichten der Partei in der Hauptsache dem kleinen und großen Bürgertum (einschließlich Mittel- und Großbauern, Beamte usw.) zuzurechnen waren.

Das Forschungsfeld war und ist vermint. Der Blick richtet sich hier fast automatisch von der Makroebene des Naziregimes, auf der man die konkrete Gesellschaft und den staatlichen Apparat bei Bedarf hinter Hitler und seiner Handvoll »Helfer« verschwinden lassen kann, auf die Mikroebene und die Frage: Wer waren denn die Nazis in der Stadt X? Wer saß in der Gemeinde soundso nach 1933 an den politischen, wirtschaftlichen usw. Schalthebeln? Wer diese Fragen stellte, bekam in der alten Bundesrepublik oft nicht nur keine Antworten, sondern ernste Probleme: Einigermaßen bekannt ist der Fall der Abiturientin Anna Rosmus, die sich damit Anfang der 1980er Jahre in Passau Morddrohungen einhandelte.

Nur zögernd entstanden Lokalstudien zur Entwicklung der Nazipartei. Manche davon hatten eindeutig nicht den Zweck, die genannten Fragen zu beantworten. So konstatierte der Historiker Thomas Krause 1987 in seiner Arbeit über den Aufstieg der NSDAP in Hamburg mit Blick auf zwei einschlägige Veröffentlichungen der »Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg«, diese hätten die »eigentlich bedeutsame Phase der NSDAP-Geschichte ab 1929« hinter einem »Nebel« verschwinden lassen.

Krause kam übrigens zu dem Ergebnis, dass die Hamburger NSDAP in allen Entwicklungsphasen bis 1933 durch eine »vornehmlich mittelständische Rekrutierung ihrer Mitglieder- und Anhängerschaft« gekennzeichnet war; der »Einbruch« in die Arbeiterklasse habe sich auf »›atypische‹ Arbeitergruppen« beschränkt. Die Partei könne, hatte Dirk Stegmann schon 1973 geschrieben, als Koalition eines »plebejischen, antielitären« und eines »autoritären, aristokratischen Konservatismus« beschrieben werden.

Der Mainzer Politikwissenschaftler Jürgen Falter sieht das anders. Er hat bei Hitler nachgelesen und findet die »Vorstellungen einer neuen Gesellschaftsordnung«, auf die er in »Mein Kampf« gestoßen sein will (»Verachtung der Bourgeoisie«, »dezidierte Ablehnung von Adelsprivilegien«), »ganz und gar nicht konservativ«. Im Gegenteil: »Eine gewisse konzeptionelle Nähe der Idee der Volksgemeinschaft zur Vorstellung einer klassenlosen Gesellschaft fand sich etwa in dem von der NSDAP wiederholt propagierten Bild der Einheit von Arbeitern der Faust und der Stirn.« Wer seinen Begriff vom politischen Inhalt der Nazibewegung direkt aus deren Programmschriften ableitet, schreibt solche Sachen. Wenn Einsichten dieser Art allerdings am Ende eines Buches stehen, das sich mit der Zusammensetzung der NSDAP-Mitgliedschaft und deren Motiven beschäftigt, muss noch ein bisschen mehr schiefgelaufen sein.

Falter, der einem größeren Publikum bekannt ist, weil er in den neoliberalen Schröder-Jahren regelmäßig in der für die Ideologieproduktion zuständigen ARD-Talkshow »Sabine Christiansen« herumsaß, war schon in den 1980er Jahren unter denen, die die Frage umtrieb, ob die NSDAP denn nicht eigentlich eine »Volkspartei« gewesen sei. 1991 veröffentlichte er das Buch »Hitlers Wähler«, in dem die Nazipartei als »Volkspartei des Protests« beschrieben wird – allenfalls einen »Mittelstandsbauch« habe die gehabt.

Mitläufer in der Mehrheit?

Nun hat der 2012 emeritierte Falter nachgelegt: »Hitlers Parteigenossen« heißt das Buch, das Aufschluss über »die Mitglieder der NSDAP« zwischen 1919 und 1945 geben soll und vom Verlag als »Standardwerk zur Geschichte des Nationalsozialismus« gepriesen wird. Auch der rechte (Ex-)Historiker Rainer Zitelmann, der vor 30 Jahren mal Assistent bei Falter war, gibt sich begeistert: Er will eine »bahnbrechende Studie« gelesen haben.

Grundlage der Studie ist eine zwischen 1989 und 2016 erstellte Stichprobe von mehr als 50.000 Datensätzen aus der im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde (keineswegs lückenlos) erhaltenen Mitgliederkartei der NSDAP. Falters Einstieg hat allerdings wenig mit diesen Daten, sondern viel mit Zitelmann zu tun: Hitler, deklariert er, habe den »Nationalsozialismus« immer als eine revolutionäre Bewegung gesehen (er sagt es selbst, und das langt offenbar als Beweis der Sache). In der Partei habe er deshalb eigentlich nur Idealisten, eine »historische Minorität«, haben wollen. »Trittbrettfahrer« habe er verabscheut. Folgt man Falter auf diesem Pfad, dann erscheint die Organisationsgeschichte der NSDAP vor allem als Kampf gegen halbherzige Nazis. Zweimal, betont er mehrfach, war die Partei über Jahre »für die Allgemeinheit geschlossen« (Mai 1933 bis April 1937 bzw. Februar 1942 bis Mai 1945). Vergeblich freilich, stellt der Leser dann aber doch überrascht fest: »Ohne Zweifel stellten Mitläufer und ›Laue‹ die große Mehrheit der NSDAP-Mitglieder.«

Falter hebt unter anderem zwei Befunde hervor: 1. Nicht die oft im Mittelpunkt stehende »Frontkämpfergeneration«, also die Offiziere und Soldaten des Ersten Weltkrieges, sondern die »Generation der Kriegskinder«, also die Geburtsjahrgänge 1900 bis 1915, sei in der Partei stark überrepräsentiert gewesen; 2. Sozial sei die NSDAP eine »ausgesprochen heterogen zusammengesetzte Partei« gewesen (»Zweigenerationenbewegung mit Volksparteicharakter«). Er höhnt in diesem Zusammenhang, dass sich ein Arbeiteranteil von rund 40 Prozent nun einmal nicht mit den »Theorien von der ›Panik im Mittelstand‹ oder vom ›Extremismus der Mitte‹« vertrage.

»Volkspartei«-Gerede

Aber warum eigentlich nicht? Welchen Wert hat das Gerede von der »Volkspartei«, wenn 1934 in der Kleinstadt X 40 Arbeiter und 60 kleine Angestellte in der Partei waren – daneben aber auch der Bürgermeister, die wichtigsten Kommunalbeamten, die meisten Ärzte, Anwälte und Lehrer, der Polizeichef und alle Polizeioffiziere, die Redakteure der lokalen Zeitung und die Besitzer der fünf vorhandenen Fabriken mit ihren leitenden Angestellten – kurz, das Bürgertum? Hat die Parteimitgliedschaft des Schuldirektors das gleiche Gewicht wie die des Hausmeisters? Wiegt die von Fritz Thyssen genauso schwer (oder leicht) wie die irgendeines Metallarbeiters? Falter erkennt immerhin an, dass es in der Partei eine Hierarchie des Gewichts und der Aktivität gegeben hat – freilich in der Form der Behauptung, dass auch »Nationalsozialisten der ersten Stunde« unter dem Strich »passive Mitläufer« gewesen sein können.

Die wesentliche methodische Schwäche des Buches ist das Analyseraster, das nur grobe geographische Einheiten kennt: Deutschland, die »Sonderfälle« Österreich und Sudetenland, die drei Millionenstädte Berlin, Hamburg und Wien und so fort. Was aber weiß man über die konkrete Organisation und Praxis etwa der Berliner NSDAP, wenn man nur eine Zufallsstichprobe aus der zentralen Mitgliederkartei auswertet? Hier müsste viel genauer hingesehen werden, deuten doch neuere Forschungen zur Lokalgeschichte der NSDAP darauf hin, dass diese ihre Stützpunkte in Arbeiterbezirken wie Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln, wo sie wähler- und mitgliedermäßig ohnehin viel schwächer war als im bürgerlichen Westen und Südwesten der Stadt, überwiegend in den bürgerlichen bzw. kleinbürgerlichen »Inseln« mit einer deutschnationalen bzw. völkischen Vorgeschichte fand.

Falter problematisiert nicht ernsthaft, was seine Zahlen über den politischen Charakter und die politische Funktion der NSDAP aussagen. Er betont sogar, dass sich die These vom »Volksparteicharakter« »lediglich auf die soziale Zusammensetzung« beziehe, nicht aber auf die »programmatische Ausrichtung oder die praktische Politik der NSDAP«. Ihm liegt dennoch daran, zum Ende hin alle Befunde in einen allgemeinen »Extremismus«-Begriff hinein aufzulösen. Ob denn »politischer Extremismus ein zwar unwillkommenes, aber unvermeidliches Kind gesellschaftlicher Modernisierung« sei, fragt er sich. Nun ja. Ein Kritiker hat einst gegen einen von Zitelmann herausgegebenen Sammelband eingewandt, darin werde nicht die eingeforderte »Historisierung des Nationalsozialismus«, sondern dessen »Normalisierung« betrieben. Daran, zumindest das zeigt das Buch von Falter, wird weiter gearbeitet.

Jürgen W. Falter: Hitlers Parteigenossen. Die Mitglieder der NSDAP 1919–1945. Campus, Frankfurt am Main 2020, 584 Seiten, 45 Euro

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