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Aus: Ausgabe vom 27.07.2020, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Wir müssen reden

Mit »Old Flowers« gelingt der Liedermacherin Courtney Marie Andrews eine Großtat zum Thema Schlussmachen
Von Frank Schwarzberg
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Als sensibel und stur bezeichnet sich Courtney Marie Andrews selbst

Für Heinrich Heine war es schon 1822 »eine alte Geschichte«, dieser Herzschmerz, wenn der ersehnte Gleichklang der Gefühle sich nicht einstellt oder gar verloren geht. Unzählige Texte sind seither (und auch davor) darüber geschrieben worden, braucht es da überhaupt noch weitere? Heine selbst gibt die Antwort: »Es ist eine alte Geschichte / Doch bleibt sie immer neu; / Und wem sie just passieret / Dem bricht das Herz entzwei.« Da nützt dir das ganze Vorwissen nix.

Schüttelt man alle Break-up-Alben und -Songs einmal gut durch, bleiben einige Großtaten des Genres hängen: Bob Dylans »Blood On The Tracks«, Townes Van Zandts »Like A Summer Thursday«, Richard & Linda ­Thompsons »Shoot Out The Lights«, Joni Mitchells »Blue«. 2006 kam Amy Winehouse mit »Back to Black« zum Kanon dazu, 2015 Natalie Prass mit ihrem nach ihr selbst benannten Debütalbum. Und jetzt ­Courtney Marie Andrews mit dem gerade erschienenen »Old Flowers«: Darauf sind zehn rohe, verletzliche und berührende Songs, die das Ende einer prägenden neunjährigen Beziehung markieren.

»Es ist das uralte ›schlechte Timing‹«, lacht die 29jährige Andrews, »wie es wohl jede von uns irgendwann in unserem Leben erfahren hat.« Es ist Anfang April, Quarantänezeit. ­Courtney Marie Andrews läuft wie jeden Tag durch einen wenig frequentierten Naturpark am Rande Nashvilles und telefoniert mit dem Autor dieser Zeilen. »Nobody walks where I walk.«

Dass ihr Album dem Thema komplett neues Terrain erschließt, ist womöglich zu viel gesagt. Und doch beschreitet Andrews mit »Old Flowers« zumindest einen selten gewählten Weg. Erstens sind die Songs aus der Perspektive desjenigen Partners erzählt, der den anderen verlässt. Zweitens tun sie das ohne jede Bitternis, sind voll Liebe und Dankbarkeit für diese Person und die Zeit mit ihr. Aber eben auch konsequent: Wo im klassischen Break-up-Song für den Protagonisten alles zu Ende ist, fängt es für Andrews erst richtig an.

In einem Brief Kurt Tucholskys an die große Hin-und-Her-Liebe seines Lebens, Mary Gerold-Tucholsky, heißt es 1924 (in der, Liebesbeweis des Sprachkünstlers, nur ihnen beiden vorbehaltenen Grammatik): »Ich komme immer mehr dahinter, daß es falsch ist, nicht sein Leben zu leben […]: wenn allein was macht, sich allein was sucht – dann hat immer, immer was nach Hause gebracht: eine Notiz, einen Einfall, eine Bereicherung, irgend etwas.« Andrews drückt es in den persönlich gehaltenen Liner Notes zu ihrem Album so aus: »Jedesmal, wenn ich mich selbst gespürt habe, war ich alleine und unterwegs, und das war das Zeichen, dass es Zeit für eine Veränderung war.«

Die zehn Songs sind traurig, aber geradezu verstörend schön. Andrew Sarlo, der auch Big Thiefs Alben produziert, hat sich mit Courtney Marie Andrews für einen überwiegend sparsam gehaltenen Sound entschieden. »Diese Lieder zu schreiben war wie mit einem Freund zu sprechen, den du lange Zeit nicht gesehen hast«, sagt sie. »Ich wollte nicht, dass die Instrumentierung unsere vertraute Unterhaltung übertüncht.« Und so stützen sich die Songs im wesentlichen auf Courtney Marie Andrews und Multiinstrumentalist Matthew Davidson, wechselweise am Piano und der Gitarre, mit gelegentlichen Farbtupfern von Orgel, Celeste, Mellotron und anderem. James Krivchenia (von Sarlo kurzzeitig aus der fast kultartig verklammerten Big-Thief-Band[e] losgeeist), spielt die Drums: atmosphärisch wie ein Theatermusiker, dem es um das Stück geht. Es ist eine leise Platte.

»In diesem Leisesein liegt soviel Kraft, die wollte ich erhalten«, so Andrews. »Auf keinen Fall wollte ich meine Stimme übermäßig erheben.« Das war auf dem Vorgängeralbum, »May Your Kindness Remain« (2018), noch ganz anders: Dort singt Andrews kraftvoll und mit Inbrunst, angefeuert vom Backgroundgesang der Gospelsängerin C. C. White. Aber dergestalt setzte sie ihre Figuren, die Verlierer Amerikas, klanglich frei und ließ sie in dieser völligen Hingabe in dem ihnen zustehenden Glanz erstrahlen. Auf »Old Flowers« geht der Blick nach innen, die Singstimme spricht wie zu sich selbst. Und weil du alles mitkriegen möchtest, gehst du nah ‘ran, fast zu nah, unangenehm nah ist dir die Stimme dann, aber das soll ja so sein. Man ist, im Wortsinne: gebannt.

»Old Flowers« ist das siebte Album der Songwriterin. Ihr fünftes, »Honest Life« (2016), war ihr kleiner Durchbruch, während sie noch als Barkeeperin, Kellnerin oder in Plattenläden jobben musste. »Sensitive and stubborn«, sensibel und stur sei sie, heißt es in einem der neuen Songs, und so hat sich auch ihre Kunst entwickelt: Noch einfühlsamer ist sie geworden, noch unverstellter. »›Honest Life‹ war das Kind, das langsam zur Frau wird«, sagt sie. »›Old Flowers‹ zeigt die Frau, die nichts und niemandem mehr hinterherlaufen muss. Es ist wie eine Reise dahin, Humanität durch meine Songs auszudrücken. Ich versuche, diesem Ziel immer näher zu kommen.«

Courtney Marie Andrews: »Old ­Flowers« (Fat Possum/Loose Music)

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