Contra Blockade, Protest-Abo!
Gegründet 1947 Donnerstag, 6. August 2020, Nr. 182
Die junge Welt wird von 2346 GenossInnen herausgegeben
Contra Blockade, Protest-Abo! Contra Blockade, Protest-Abo!
Contra Blockade, Protest-Abo!
Aus: Ausgabe vom 27.07.2020, Seite 5 / Inland
Automobilbranche in der BRD

Lohnverlust per Vertrag

Arbeitsplatzvernichtung bei Bosch, ZF und Conti geht trotzdem weiter. IG Metall agiert defensiv
Von Ursel Beck
Bosch_66087502.jpg
Fragwürdiger Deal: 35.000 Bosch-Beschäftigte arbeiten ab 1. August kürzer – und verdienen entsprechend weniger (Bietigheim-Bissingen, 18.6.2020)

Eine Woche nach einer Protestaktion von 3.500 Kollegen vor der Bosch-Zentrale in Stuttgart haben IG Metall (IGM) und Gesamtbetriebsrat am vergangenen Freitag eine tarifvertragliche Vereinbarung zur Arbeitszeitverkürzung abgeschlossen. Für 35.000 Bosch-Beschäftigte in den Abteilungen Entwicklung, Forschung, Vertrieb und Verwaltung an neun Standorten in der Region Stuttgart wird die Wochenarbeitszeit ab 1. August bis Ende des Jahres abgesenkt. Bei Beschäftigten mit über 35 Stunden sinkt die Arbeitszeit um zehn Prozent, bei Beschäftigten mit 35 Stunden um 8,57 Prozent – mit entsprechendem Gehaltsverlust versteht sich.

Wie ein Kollege aus der Entwicklung am selben Tag gegenüber der jW erklärte, werde die Arbeit in seiner Abteilung nicht weniger. Sie müsse jetzt einfach in kürzerer Zeit erledigt werden. Das dürfte auch für andere Bereiche gelten. Für die Beschäftigten in der Fertigung bleibt es bis Jahresende bei Kurzarbeit.

Einen Tag nach dem Abschluss bei Bosch wurde eine ähnliche Vereinbarung für 50.000 Beschäftigte beim Automobilzulieferer ZF in Friedrichshafen geschlossen. Beim Zulieferer Conti wird noch verhandelt. Für 50.000 ZF-Beschäftigte werden Arbeitszeit und Gehälter um 20 Prozent gekürzt. Zusätzlich müssen die Kolleginnen und Kollegen auf die tarifliche Sonderzahlung in Höhe von 400 Euro verzichten. Für alle ZF-Beschäftigten, die weiter in Kurzarbeit sind, soll es eine Aufstockung auf 90 Prozent des üblichen Nettolohns geben. Betriebsbedingte Kündigungen sollen bis 2022 ausbleiben. ZF hält jedoch daran fest, bis 2025 15.000 Arbeitsplätze zu vernichten. Vorerst über Fluktuation, Altersteilzeit und Abfindungen.

Als bei VW im Jahr 1994 die Arbeitszeit von damals 36 Stunden um 20 Prozent auf 28,8 Stunden reduziert wurde, wurden die Löhne um zehn Prozent gesenkt. Jetzt gibt es nicht einmal einen Teillohnausgleich. Die tarifliche Nullrunde 2020 reicht den Metallbossen nicht. Sie verlangen weitere Lohnopfer. Und die IGM-Führung macht mit.

Die Erfahrung der Jahre 1994 bis 2006 bei VW war, dass die Arbeitszeit völlig flexibilisiert und die Arbeit extrem verdichtet wurde. Hinzu kam der Wegfall von Zuschlägen. Die Belegschaft wurde gespalten. Die einen arbeiteten vier oder fünf Tage, andere fuhren Sonderschichten oder arbeiteten an Wochenenden. Für wieder andere rollierten die freien Tage. Im Jahr 2006 hat VW das Modell Viertagewoche wieder abgeschafft. Die Regelarbeitszeit wurde ohne entsprechende Lohnerhöhung auf 35 Wochenstunden erhöht. Für VW sind die Lohnkosten gesunken und die Gewinne explodiert. Trotz hoher Verluste durch den Dieselskandal hat VW im Jahr 2018 13,9 Milliarden und 2019 17 Milliarden Euro Gewinn eingefahren. Von 2016 bis 2022 werden bei VW 23.000 Arbeitsplätze in Deutschland und 30.000 weltweit über Fluktuation, Abfindungen und Altersteilzeit gestrichen.

Beschäftigte befürchten mitunter, dass die »Kampfvermeidungsstrategie« der IG Metall nicht aufgehen wird. Denn: Arbeitszeitverkürzung mit Lohnverlust rettet keine Arbeitsplätze. In der ZF-Belegschaft herrscht weiter Angst um jeden Arbeitsplatz, zumal völlig offen ist, wie es 2022 weitergehen soll.

Die junge Welt im Aktionsabo kennenlernen: Drei Monate lang für 62 Euro!

An guten Gründen für Protest mangelt es sicher nicht – ganz im Gegenteil. Diese Zeit hat Opposition bitter nötig! Doch ganz gleich wie der Protest aussieht, gilt: Nur was man versteht, kann man verändern.

Genau hier setzt die junge Welt an. Jeden Tag liefern wir gut sortiert Informationen und Inspirationen, machen Hintergründe und Zusammenhänge verständlich. Knapp und bündig bietet die junge Welt konsequent linken Journalismus, an jedem Wochentag auf 16 und am Wochenende auf 24 Seiten.

Die beste inhaltliche Basis für Protest! Deshalb bieten wir unser Sommerabo an: Drei Monate die junge Welt mit ihrem unverwechselbarem Profil kennenlernen. Danach ist Schluss, es endet automatisch.

Ähnliche:

  • Aktion pro 35-Stunden-Woche Anfang 2018 in einem Metallbetrieb B...
    07.10.2019

    Alle für den Osten!

    Kampf um 35-Stunden-Woche kann die IG Metall nur als Gesamtorganisation gewinnen. Das braucht ein klares Signal des Gewerkschaftstags
  • Ein Stahlkocher nimmt am Hochofen im Werk Schwelgern von Thyssen...
    26.02.2019

    Hochöfner wollen mehr

    Auch Stahlkocher fordern Arbeitszeitverkürzung. Unternehmerverband verweist auf angeblich schlechtes Geschäft. Tarifverhandlungen stocken
  • Bei Volkswagen hat alles seinen Preis. Gewerkschafter wechseln i...
    16.01.2018

    Zu den Chefs übergelaufen

    Während der Tarifverhandlungen bei VW wechselt Betriebsrat ins Management. Zeichen stehen auf Warnstreik