Gegründet 1947 Dienstag, 29. September 2020, Nr. 228
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Aus: Ausgabe vom 25.07.2020, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Backfisch in Bier

Von Maxi Wunder

»Guck mal, die schwarze Brigade!« Roswitha deutet auf den ausgeschalteten Ventilator an der Hotelzimmerdecke, um den fette schwarze Fliegen kreisen. Wir sitzen im lahmen Wien fest, weil wir zu einer Tourismusfortbildung mussten. Unser Chef Udo von »Udos Reisestübchen« hat uns den Kurs besorgt und bezahlt: »Mädels, wenn eine Reiseleiterin ’ne Krankheit nicht haben darf, dann ist das Kniearthrose. Ich seh’ doch, wie ihr zuckt, wenn ihr euch schmerzverzerrt vom Sessel erhebt. Nun lernt mal was Gemütliches …«, verkündete er und schickte uns nach Wien zur Gastroschulung.

»Was Gemütliches! Was stellt der sich vor?« fragt Roswitha mürrisch. »Fliegen am Arsch der Reichen sollen wir werden. ›Commis de Rang‹ – das ist nichts anderes als ’ne Kellnerin. Die muss den ganzen Tag rennen!« – »Ja, aber nur hin und her«, tröste ich sie, »und nicht bergauf, talab, wie wir die letzten 25 Jahre. Als ›Commis de Bar‹ zum Beispiel, als Thekengehilfin, stehst du gelassen Getränke mixend hinterm Tresen und erfährst Geheimnisse von einsamen reichen Herren. Das ergibt Stoff für Romane! Also ich freu’ mich.« Roswitha winkt ab: »Gibt’s schon: ›Menschen im Hotel‹ von Vicki Baum.« – »Ja genau! In dem Stück sagt einer: ›Menschen gehen, Menschen kommen, nie passiert etwas!‹« – »Ein Satz von zeitloser Gültigkeit«, bemerkt Rossi gelangweilt und schaltet deutsches Fernsehen ein. Die »Tagesschau« bringt das Bundeswehr-Gelöbnis am 20. Juli: In einer feierlichen Zeremonie machen grau Uniformierte eine Art tiefergelegten Hitlergruß über der deutschen Fahne und nuscheln hinter ihrer Rotzbremse etwas, das klingt wie »Backfisch in Bier!«:

125 g Mehl mit Salz würzen und mit 125 ml Bier glatt verrühren. Zwei Eier trennen und das Eiweiß zunächst beiseite stellen. Das Eigelb unter den Bierteig rühren, und den Teig ca. 15 Minuten ausquellen lassen. 40 g Butter auf niedriger Temperatur zerlassen und etwas abkühlen lassen, dann mit dem Handrührgerät unter den Bierteig rühren. Das Eiweiß steifschlagen und unter den Bierteig heben. 500 g Rotbarsch- oder Seelachsfilet in mundgerechte Stücke teilen und mit etwas Küchenpapier trockentupfen. Mit Pfeffer und Salz würzen. Fritteuse ohne Korbeinsatz auf ca. 170 Grad Celsius vorheizen. Die Fischportionen einzeln durch den Teig ziehen und vorsichtig ohne Korb in das heiße Frittierfett legen. Dabei nicht zu viele Fischstücke auf einmal frittieren, sie dürfen sich nicht berühren. Nach ca. fünf Minuten den ausgebackenen Fisch mit einer Schaumkelle aus der Fritteuse heben und auf Küchenpapier abtropfen lassen. Warmhalten, bis aller Fisch frittiert ist. Dazu Pommes und Salat reichen.

Telefon klingelt, es ist Udo. »Mädels, sagt mal, fällt euch ’n cooler Spruch fürs Schaufenster ein, Thema Österreich?!« – »Tod, wo ist dein Strache«, schlägt Roswitha vor. »Nee, Kinder, was Lustiges!« – »Im Kitzloch feiern, des is stier! Wenn’s Halserl kratzt: Remdesivir!« – »Quatsch! Das ist ja Pharmawerbung. Was Frisches!« – »Es gibt nichts Frisches im Faulen, Udo!« … »Hm? Das ist es. Danke, Mädels!«

Regio:

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