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Aus: Ausgabe vom 25.07.2020, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Gegen Prosa

Eine Welt schmökert sich blöd: Warum mir die Gegenwartsliteratur ziemlich fad und ausgedacht vorkommt. Eine notwendige Provokation
Von Jan Decker
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»Ferrara ist wunderschön und klug zu lesen. Doch manchmal engt sie mich ein, ähnlich wie die allermeiste Prosa mich einengt« (Darstellung von Ferrara, 1499)

In Ferrara wird die Lage paradox. Kurz vor meiner Abreise hierher zu meinem Herbststipendium 2017 habe ich für meinen vor einigen Wochen erschienenen Debütroman einen Literaturpreis zugesprochen bekommen. Nicht schlecht, oder? Nun sitze ich in einer geschmackvoll eingerichteten Wohnung im Sehnsuchtsland aller deutschen Autoren, Italien, und hadere mit der Prosa. Ja, während ich über die Piazza nebenan spaziere, den schönen luftigen Platz mit der weißen Säule in der Mitte, darauf eine Statue des Dichters Ariost, gehen mir unschickliche Gedanken über unsere Literatur durch den Kopf. Die allermeiste Prosa langweilt mich, denke ich auf meinem täglichen Fußweg über die alte Stadtmauer hinweg zum Stadtpark, meinem Zufluchtsort im Grünen hier, auf einmal.

Vielleicht ist es diese wunderschöne Renaissancestadt Ferrara, wie ein funkelndes Kleinod zwischen Venedig und Bologna gelegen, die solche unschicklichen Gedanken an massenhaft schlechte Prosa befördert, dieser urbane Traum aus gelebter italienischer Leichtigkeit und solider Baukunst einer längst versunkenen Epoche. Die Wirklichkeit hält immer einen Widerhaken bereit, das weiß ich als Dramatiker nur zu gut, sie ist niemals ein so harmonisches Ganzes, als das mir der alte Stadtkern von Ferrara jeden Tag erscheinen mag. Nein, die Wirklichkeit ist mürbe, gespalten, vielschichtig eben – und doch in dieser ganzen schillernden Vielschichtigkeit merkwürdig beständig, denke ich. Ich schreibe nichts in diesen Tagen, keine Zeile, folge nur dem Diktat der Wirklichkeit. Und sie will, dass ich mich mit Gattungsgedanken befasse, nicht mit dem Schreiben. Also vor allem mit ihrer erfolgreichsten Maklerin im Reich der Fiktion, der Prosa.

Hier in Ferrara wurde übrigens Michelangelo Antonioni geboren, Regisseur des Hippie-Kultfilms »Blow up«, der mich vor gefühlten Ewigkeiten auf die Gleise einer Literatur setzte, die der Wirklichkeit verpflichtet ist. Ich meine die berühmte Anfangssequenz des Films, in welcher der Fotograf Thomas in einem Park in London Fotos von einem streitenden Paar macht und beim Vergrößern dieser Fotos, dem Blow-up, dann zufällig entdeckt, dass er im Hintergrund des Bildes einen Mord fotografiert hat. Das ist die Wirklichkeit, denke ich, weil sie sich aus Zufällen speist. Nur ist die Wirklichkeit noch verschachtelter: Oftmals, das zeigt Antonioni uns ja, steht hinter dem vordergründigen Ereignis schlichtweg ein anderes Ereignis und so weiter. Die Geschichte des Mordes, den Thomas fotografiert hat, könnte man nun auch als Prosa erzählen. Das ganze wirkliche Geheimnis dieses Films wäre dann aber verloren! Dass mir die allermeiste Prosa plötzlich ziemlich fad und ausgedacht vorkommt, obwohl ich soeben für meine eigene ausgezeichnet wurde, liegt an genau solchen Gedankenspielen. Antonionis Film »Blow up«: bitte nicht als Prosa!

Aber natürlich habe ich dieses schwere Gepäck schon aus Deutschland mitgebracht! Es liegt nicht an Ferrara. Ich gebe zu, dass ich mit dieser wohlgeordneten Renaissancestadt kämpfe. Denn die Stadt Ferrara, in ihrem Altstadtkern ein in sich geschlossenes System von Straßen, Kirchen, Häusern und Plätzen, ist wunderschön und klug zu lesen. Doch manchmal engt sie mich ein, ähnlich wie die allermeiste Prosa mich einengt. Weshalb ich dann hinaus zum Stadtpark strebe, einer wenigstens ansatzweise erkennbaren Natur, Heimstätte von Parallelereignissen ohne kausalen Zwangsbezug, und hier hätte man natürlich auch die berühmte Anfangssequenz von »Blow up« drehen können …

Dort draußen im Offenen also, im Wechselspiel zwischen meinem Atem und der Natur, sehe ich auch meine Literatur. Dort imaginiere ich sie, finde Worte für sie. Ich bewundere die Prosa Heinrich Manns und Erich Kästners, jedoch die allermeiste der Gegenwart nicht. Der heutige Buchmarkt hat sich mit dem Leser und den Autoren zu einem Kartell verabredet, in dessen Mittelpunkt dieser Massenartikel steht: Prosa, wie wir sie heute überall lesen können. Erst hier habe ich ein klares Gefühl für den Missklang all jener Sätze, die ich meine, das Gespreizte und Verkaufsfähige. Ich schreibe zur Demonstration ein erfundenes Stück Prosa: »Sarah, inzwischen zehn Jahre alt, entwickelte in den darauffolgenden Sommerwochen Gedanken, die wie lästige Fliegen in ihrem kindlichen Kopf herumschwirrten: Fieberträume, in denen sie ihren Vater stets auf einem Pferd ohne Kopf reiten sah.«

Natürlich, das ist schlecht! Aber zur Demonstration reicht es aus: Es treibt so vor sich hin wie die allermeiste Prosa. Warum darf Sarah nicht einfach selbst sagen, was sie umtreibt, im Modus der Dramatik? »Mama, dieser Husten geht nicht mehr weg. Ich glaube, das kommt daher, weil ich immer so komische Gedanken habe. Ein Reiter auf einem Pferd ohne Kopf zum Beispiel, er verfolgt mich durch die Sümpfe.« Auch lyrisch könnte man ihren Zustand besser ausdrücken: »Sarah, zehn Jahre alt, träumt von Gespenstern. In ihren Träumen hüpft ein Gespenst von der Erde zum Mond hinauf und lässt sich dann langsam an Sarahs blondem Haar wieder in ihr Kinderzimmer hinab.« Die allermeiste Prosa lullt mich aber ein, sie schafft gar keine solche Klarheit, sondern verbreitet einen üppigen Parfümgeruch. Sie gleicht damit hochgezüchteten Orchideen in kitschigen Schrebergärten. Für mich ist die Literatur jedoch auf dem Waldboden zu Hause, im Gewimmel von Millionen Lebewesen auf allerkleinstem Raum.

Und das alles soll mir in Ferrara eingefallen sein? Dabei ist es ein ganz altes Gefühl, das ich hier beschreibe, und es stellt sich seit mindestens 20 Jahren fast jedes Mal ein, wenn ich Prosa lese. Außer bei Heinrich Mann, Erich Kästner, Kasimir Edschmid, Bernhard Kellermann, Irmgard Keun und Leonhard Frank. Expressionisten also. Für mich ist es mit der Prosa seit diesen späten 1920er Jahren bergabwärts gegangen, weil sie es verlernt hat, dramatisch zu denken. Friedrich Schiller bezeichnete die Dramatik einst als die Königsdisziplin der Literatur. Warum nur? Ingmar Bergman, Billy Wilder und die alten Griechen schätzten an ihr ihre Direktheit, Glaubwürdigkeit, Energie, Kürze, Wucht und Resonanz. Die allermeiste Prosa heute ist aber nicht von Dramatik grundiert, und das ist ihr Problem.

Doch heute ist auch die Dramatik gewerbsmäßig auf den Hund gekommen, nicht umsonst existiert eine fatale Zweiteilung unter den Dramatikern: Es gibt die dummen Drehbuchautoren einerseits (die für Kino und Fernsehen schreiben) und die intellektuellen Theaterautoren andererseits. Diese gewerbsmäßige Aufspaltung der dramatischen Zunft hat einen interessanten Begleitumstand aufzuweisen: Es gibt ein immer stärker nachlassendes Interesse an Science-Fiction-Literatur. Auch Prosa soll heute gar nicht mehr aufwühlen oder in die Zukunft weisen, sie bietet uns statt dessen kleine Ersatzerlebnisse: Entschleunigung, Rückzug, Exotismus, Regression. Dabei leben wir doch in einer Science-Fiction der sich immer stärker beschleunigenden Gegenwart – einschließlich entsprechender Kunstformen anderer Sparten. Die Prosa erweist sich da als erschreckend museal.

In unserer Zeit der permanenten Beschleunigung gilt es aber, genau diese Beschleunigung literarisch darzustellen, also auch wieder Wirklichkeit darzustellen, eben eine krass beschleunigte Gegenwart – um uns selbst dort abzuholen, wo wir stehen. Was wollen wir in den ornamentalen Gewändern des 19. Jahrhunderts eigentlich ausdrücken? Warum nicht mehr Prosa à la Peter Hacks, klar, entschlackt, aber mit Haltung und Mut? Warum nicht zurück zum großen realistischen Roman der 1920er Jahre, der so viel gesellschaftliche Wirklichkeit enthielt? Wir müssen wieder in der Kürze und Klarheit einer knackigen Prosa die Würze für unsere Zeit finden. Ja, wieso können wir uns heute eher das Ende der Welt vorstellen als das Ende des Kapitalismus? So lautete eine von Marc Fishers drängendsten und ergiebigsten Fragen. Denn der leider viel zu früh verstorbene britische Kulturwissenschaftler erkannte in unserer Gegenwart all das, was ich auch in unserer zeitgenössischen Prosa erkenne: einen fehlenden Fortschritt und eine gewaltige kulturelle Erschöpfung. Fisher sprach gar von einer »hedonistischen Depression«; ich erkenne schlichtweg pure Verzweiflung, wenn sich die Prosa selbst zum Dauerbestseller stilisiert, zur besten Literatur aller Zeiten.

In der neoliberalen Gesellschaft, meinte Fisher, sei vieles kaputt und zwanghaft, wenn auch von scheinbarer Freiheit grundiert. Eigentlich doch ein gefundenes Fressen für die Prosa, könnte man denken, die sich aber nicht aus ihren depressiven Mustern befreien will und uns statt dessen dauernd das Wiegenlied einer zynischen Erschöpfung singt. Und ja, Nietzsche hatte recht! Die süßeste Wirkung der Kunst beruht auf dem Dionysischen, dem Rauschhaften also. Doch auch Brecht hatte recht. Wenn man nicht mit Gedanken in diesen süßlichen Brei hineinfasst, besteht akute Erstickungsgefahr. Nehmen wir Richard Wagners Musik: Fad und erdacht kann einem diese zuckrige Süße und schwelgerische Erhabenheit seiner Opern vorkommen, wären sie nicht mit etwas gewürzt, was sie doch zu interessanten neuen Formen macht. Ich meine den totalen Klang bei Wagner, die totale Harmonie, ein ganzes Orchester, das in einer einzigen taumelnden Bewegung einer Melodie folgt. Das ist das Dionysische? Nein, das ist das Apollinische, ein Formelement also, nur schwer ins Dionysische getaucht. Sein reinster Ausdruck ist die Dramatik. Warum? Weil die Dramatik zuerst strukturiert und dann komponiert. Man könnte auch sagen: Sie plant eine Rohfassung mit ein, gern auch mit Handschrift geschrieben, und tippt den klebrigen Brei nicht gleich in den Laptop ein, wie ich es bei Sarah mache. Wagner hat ja wirklich keine Kitschopern geschrieben, auch wenn er zweifelsohne das Zeug dazu gehabt hätte. Aber die Prosa heute schreit jeden Tag nach einer Operette, nach dem ganz großen Lesefluss, der das Primat des Komponierens vor dem Strukturieren ist!

Nun können wir kühn behaupten: Das maßlose Anpreisen von Prosa in Romanform, wie man es täglich in der Presse unserer Zeit zelebriert, verdankt sich allein ihrer Marktgängigkeit. Auf ebenso nervtötende Weise hätten nach dieser Logik die alten Griechen ihre Theaterstücke anpreisen müssen. Damit wird die jeweilige Form aber ganz unabhängig von ihrer Qualität ausgehöhlt, wie das immer der Fall ist, wenn die Propaganda zu kräftig und einseitig daherkommt. Unsere Literatur leidet so, weil ihre Autoren nur noch Prosa schreiben können, aber nicht mehr andere Gattungen, deshalb können sie auch keine anständige Prosa schreiben. Darauf wäre in der Autorenausbildung unbedingt zu achten: Schulung aller Gattungen der Literatur. Und wer liest denn all diese Prosa, wer braucht sie wirklich? Und ist sie überhaupt, wenn sie doch offensichtlich einer Inflation folgt, gut gemacht? Fragt überhaupt noch jemand nach ihr – morgen?

Prosa ist und bleibt die Operette unter den Literaturgattungen: leidenschaftlich, packend, schmierig – und ölig. Diffus, nicht richtig zu analysieren. Damit ist sie in erster Linie, und das steht ihrer Vermarktungslogik scheinbar entgegen, ein hochgradig künstliches Produkt. Eben zusammengeschrieben. Genau an diesem Punkt setzt denn auch die germanistische Kritik an, die allerdings seltsam wirkungslos angesichts der Verlockungen des Marktes verpufft. Es setzt sich damit nicht die Vernunft durch, sondern die Prosa. Oder sollte ich sagen: die Dummheit des Marktes?

Ich glaube aber tatsächlich, auch wenn das an diesem Punkt etwas verspätet anklingen mag, dass die Prosa an sich gar kein Problem ist; jeder gesprochene oder geschriebene Satz ist doch letztendlich Prosa. Die epische Ruhe, die wir so gern von unseren Schriftstellern verabreicht bekommen, dieses Opium der bürgerlichen Monotonie, sie ist das Problem. Sie ist sogar mehr als ein Problem: Das süße Gift, das uns da betören und betäuben soll, es lässt uns auch an anderer Stelle schön kuschen und springen. Kino-Blockbuster eben, Broadway-Erfolgsstück. Nur nicht mehr genau hinhören und hinsehen. Das Buch nur so weglesen. Und das ist das Schlimmste, was der Literatur passieren kann. Es ist diese falsche Ruhe, die doch einfach nur nett und harmlos ist, weil sie völlig folgenlos ist, weil die Menschen mich morgen gar nicht mehr auf das ansprechen, was sie gestern gelesen haben, die um mich herum als ein blödes Fieber grassiert. Eine Welt schmökert sich blöde – vielen Dank!

Dabei hat das Prosaische viele Gestalten: Auch gute Essayistik gehört zu ihr, die Filmdramatik mit den beschreibenden Partien von Drehbüchern, die eigentlich nur als Illusionsfutter für Schauspieler und Bühnenbildner gedacht sind, aber oftmals glänzend und präzise geschrieben. Diese letztere Form, die man auch als prosaische Dramatik bezeichnen kann, herrscht ebenfalls im Hörspiel vor. Deshalb bin ich so gern und ausdauernd Hörspielautor. In diesem Zusammenhang ist auch meine verzweifelte Suche nach Schutzgeistern zu sehen. Der Hörspielautor Alfred Behrens ist ein solcher, ein Dichter im alten Sinn, der mündlich Literatur hervorbringt, aus dem Sprachfluss und der Gedankenschärfe geboren, die gar nicht einlullend wirkt. Auch meine Wallfahrt zu Peter Handke nach Bautzen ist in diesem Kontext zu sehen, sie geschah in meinem vorletzten Studienjahr am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Peter Handke scheißt auf den Markt und folgt nur dem Spiel seiner eigenen Gedanken, das macht ihn groß. Und dann gibt es ja noch den heiligen Arno Schmidt, der zu seiner Zeit schon wusste: »Die meiste Prosa kommt heutzutage im Schlafwagenabteil daher.«

Könnten nicht alle gleich Dramatik schreiben? Nein, das wäre auch eine Form der Verdummung! Das Problem der Dramatik ist neben ihrer oben beschriebenen Verhunzung durch den Betrieb noch ein ganz anderes: Dramatiker haben kein Ich. Natürlich haben sie ein Ich, sie sind ja keine Zombies. Aber sie operieren mit keinem Ich. Dramatik ist objektiv, hat schon Dürrenmatt gesagt. Sie arbeitet mit Dialogen, und da kommt man nicht sehr weit. Eine flotte, schlanke Prosa beamt die Geschichte im Sauseschritt in ganz andere Dimensionen. Also noch mal zur Klarstellung: nichts gegen gute Prosa! Aber bitte in klaren Sätzen und einfachen Worten. Das ist mein Punkt. Wären wir Menschen des Barock, dann würde ich es anders sehen. Das gilt auch für die Lyrik. Ein meisterhaftes modernes Gedicht ist für mich zum Beispiel Stings Songtext »Island of Souls«. Ja, ich höre die Lyriker lachen! Pech gehabt. Wirklich eines der perfektesten Stücke Literatur, das ich kenne. Es ist alles drin: Biographie, Bilderreichtum, Bedeutung und Brecht. Die Prosa, die Sting schreibt, ist kurz und knackig, eigentlich Lyrik und als solche auch Dramatik. Eine Universalsprache eben, die Sprache der Literatur.

Bühne auf: Wir sind wieder in Ferrara. Das heißt: Ich bin immer noch in Ferrara. Das alles hier war ein Fiebermonolog gegen mich selbst unter der südlichen Sonne. Die Auflösung des Gegensatzes zwischen meiner Prosa und der Prosa, die ich nicht mag, wird mir so schnell nicht gelingen. Ich werde für Prosa ausgezeichnet und hasse sie gleichzeitig. Nein, ich liebe sie in Wahrheit inniger als andere und verteidige sie deshalb gegen ihre Peiniger. Die wirkliche Auflösung dieses Gegensatzes finde ich erst ganz am Ende meiner Tage in Ferrara, an einem unverschämt heißen Oktobertag, den die Italiener um mich herum auf der Piazza mit der Statue des Dichters Ariost für das nutzen, was sie am meisten mögen: geselliges Beisammensein natürlich. Dazu gehört auch die ungestüme Freiheit der Kinder, die unter dem schönen Wechselspiel von Sonne und Schatten auf diesem Platz ganz unbeschwert die Statue des Dichters erklimmen. Ich mische mich mit Johann Gottfried Seumes Autobiographie »Mein Leben« in die Menge, ist dieser doch auch der Protagonist meines soeben ausgezeichneten Debütromans und damit ein neuer Schutzgeist. Ich lese höchst erstaunt im Nachwort von Jörg Drews, in dem er Seume als einen »Mann der Prosa als der Sprache politischer Verantwortung, republikanischer Teilhabe an den öffentlichen Dingen und einer nüchternen Weltzugewandtheit« bezeichnet:

»Was Seume schrieb, ist fast unberührt von der klassisch-romantischen Kunstperiode in Deutschland; Seume ist ästhetisch rückschrittlicher, indem er die Autonomie des Kunstwerks noch nicht denkt (alle fiktionalen Schreibweisen hält er für unverbindlich, kindisch, unverantwortlich), und er ist fortschrittlicher, indem er einen Typus sozial verantwortlicher Prosa vertritt, der vor allem der Reiseliteratur und der staatsrechtlichen Literatur der Aufklärung, der Aphoristik der französischen Moralisten und den Deklarationen der Menschen- und Bürgerrechte der Französischen Revolution verpflichtet ist.«

Diesen ganzen Essay hätte ich mir also sparen können! Tatsächlich könnte ich all diese Sätze genau auf mich beziehen, auf meine Abneigung gegen die Kunstgewerbeprosa, die allenthalben grassiert. Dafür werde ich rückschrittlich genannt? Geschenkt! Sonst komme ich wieder mit Demonstrationsprosa, die ich dann aber meistbietend verkaufe: »Sarah, inzwischen eine erwachsene Frau geworden, kam in Jeans und flachen Schuhen auf die Piazza geschlendert; um ihre Wangen spielte ein zartes Lächeln, denn sie wusste nur zu gut, jeder ihrer Schritte wurde von aufwallendem männlichen Begehren erwidert.« Nein, dann lieber wirklich gute Prosa, die immer den Wert der Beobachtung auf den Wert des Gedachten bezieht und umgekehrt. Was sehe ich da vor mir? Eine offene Landschaft, Natur. Und ganz viel Raum zum Erzählen.

Jan Decker, Jahrgang 1977, lebt und arbeitet als Schriftsteller, ­Essayist und Literaturwissenschaftler in Osnabrück und Wien. 2017 erhielt er den Johann-Gottfried-Seume-Literaturpreis für seinen Debütroman »Der lange Schlummer« (Edition 21). Zuletzt erschien von ihm an dieser Stelle am 16.11.2019 »Ein ›unerhörtes‹ Kulturgut. Zur Situation des Hörspiels in Deutschland«.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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