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Aus: Ausgabe vom 25.07.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Mit Macron und Maske

Von Arnold Schölzel
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Märchenhaft menschelnd ging es auf dem Brüsseler EU-Gipfel zu. Unter der Überschrift »Trickreiches Doppel« schildern die FAZ-Korrespondenten Thomas Gutschker, Brüssel, und Michaela Wiegel, Paris, am Donnerstag die wahre Geschichte, zumindest die offizielle Klatsch- und Tratschversion.

Aufhänger ist eine Twitter-Botschaft des französischen Präsidenten Emmanuel Macron aus der belgischen Hauptstadt, als »die Verhandlungen mit den ›frugalen Fünf‹ gerade stockten«: »Wir bilden einen Block mit Kanzlerin Merkel.« Den hatte es bis 1989 nur im Osten gegeben, weil der Russe eisig ist. Für den Westen verbot sich solch ein Wort, der ist nicht Gletscher, sondern plural.

Aber nicht gleich. Gutschker und Wiegel: »Auf die Strategie des ›Blocks‹ hatten sich die beiden schon vor dem offiziellen Gipfelauftakt verständigt, das bestätigte man im Élysée.« 92 Stunden lang seien die beiden als Paar aufgetreten, »das nichts und niemand auseinanderdividieren konnte. Und »sogar der Drohung Macrons, den Gipfel frühzeitig zu verlassen, sekundierte Merkel. Beide verließen gemeinsam den Raum. ›Ohne Macron und ohne Maske‹ wolle sie nicht bleiben, so erinnert man sich in der französischen Delegation an ihre Worte.« Am Samstagabend sei das gewesen, das Duo habe sich noch mit den Regierungschefs der Niederlande, Österreichs, Schwedens, Dänemarks und Finnlands zusammengesetzt, um über die Obergrenze für Zuschüsse aus dem sogenannten Coronahilfspaket zu sprechen. Vor allem der Niederländer Mark Rutte wollte viel weniger als die vorgeschlagenen 450 Milliarden Euro an Zuschüssen zubilligen. Am liebsten gar nichts. Als es mit den »Frugalen«, was irgend etwas wie »bescheidene Früchtchen« bedeutet – nordische Kartoffeln oder müffelnder Tang am Ostseestrand –, nicht voranging, seien beide »abrupt« aufgestanden und gegangen.

Aber dann nahm sich der »Block«, so die FAZ-Erzählung, am Sonntag Rutte vor. Dem ging es gar nicht um die Kohle für faule Südländer, hatte das Pärchen he­rausgefunden, sondern wie einst der Britin Margaret Thatcher um »I want my money back – Ich will mein Geld zurück«, um einen satten Rabatt für seine Steueroase Niederlande. Den bekam er. Gutschker und Wiegel: »Merkel und Macron hatten die erste Nuss geknackt.« Weniger als Block, mehr als Hinterzimmerzocker oder als Gangstergespann Bonnie und Clyde mit vorgehaltenen Waffen: Hätte Rutte nicht nachgegeben, wäre seine Erdäpfelgang mit etwas Nachhilfe auseinandergeflogen.

Die zweite Nuss war die Verknüpfung der Zahlungen an die EU-Mitgliedstaaten mit einem »Rechtsstaatsmechanismus«. Macron zum Ungarn Viktor Orban: »Kein Rechtsstaat, kein Euro.« So einfach ist Weltgeschichte, wie eine Operette von Franz Lehar. Die Milliarden für Budapest (und Warschau) waren einfach zu verlockend, Orban vergaß sein Veto, musste nur verkünden, er sei Sieger. Stehen blieb aber, dass die EU-Kommission im Fall von Verstößen Maßnahmen vorschlägt, »die vom Rat mit qualifizierter Mehrheit angenommen werden«. Einstimmigkeit nicht nötig. Fromm fragen die FAZ-Autoren, ob er »die List erkannte?« Als alle weg waren, habe jedenfalls EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen im ZDF am Dienstag »die Katze aus dem Sack« gelassen: Der Gipfelkompromiss enthalte »›den ganz klaren Auftrag‹, die finanziellen Interessen der Union zu schützen«.

Die Pokerstory endet in der FAZ im Idyll: »Jeden Abend, oft zu nächtlicher Stunde, ließen Macron und Merkel bei einem Glas Wein das Gipfelgeschehen ausklingen.« Und hätten sich für den nächsten Tag »gerüstet«. Und waren überrascht, dass es nicht noch einen Gipfel geben musste. Der »Block« verabreichte wie stets Zuckerbrot und Peitsche, funktionierte also. Bis zum nächsten Krach.

Die Milliarden für ­Budapest (und ­Warschau) waren ­einfach zu verlockend, Orban vergaß sein Veto, ­musste nur verkünden, er sei Sieger.

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