Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
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Aus: Ausgabe vom 25.07.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Moderne Sklavenhalter

Lenin charakterisierte 1912 das politische System der Vereinigten Staaten von Amerika
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Flugblatt der Progressive Party der USA. Sie entstand 1912 durch die Abspaltung des linken Flügels der Republikanischen Partei vor der Präsidentschaftswahl dieses Jahres. Gründer war Theodore Roosevelt, Jr., der von 1901 bis 1909 als 26. Präsident amtierte

Zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika wurde der »Demokrat« (Woodrow) Wilson (1856–1924, US-Präsident 1913–1921, jW) gewählt. Er erhielt über sechs Millionen Stimmen, (Theodore) Roosevelt (1858–1919, für die »Republikanische Partei« US-Präsident 1901–1909, 1912 erneut Kandidat, diesmal der gerade gegründeten »Nationalen Progressiven Partei«, jW) über vier Millionen, (William Howard) Taft (1857–1930, US-Präsident 1909–1913 von der »Republikanischen Partei«, jW) über drei Millionen Stimmen. Der Sozialist Eugene Debs (1855–1926) erhielt 800.000 Stimmen.

Die internationale Bedeutung der Wahlen in Amerika besteht nicht so sehr in der starken Zunahme der sozialistischen Stimmen; die Bedeutung der amerikanischen Wahlen besteht in der tiefen Krise der bürgerlichen Parteien, in der erstaunlichen Klarheit, mit der ihre Zersetzung zutage trat. Schließlich liegt die Bedeutung der Wahlen in dem ungewöhnlich klaren und deutlichen Hervortreten des bürgerlichen Reformertums als eines Mittels zur Bekämpfung des Sozialismus.

In allen bürgerlichen Ländern haben sich die auf dem Standpunkt des Kapitalismus stehenden, d. h. bürgerlichen Parteien vor sehr langer Zeit herausgebildet, und sie waren um so stabiler, je größer die politische Freiheit war.

In Amerika herrscht die größte Freiheit. Die zwei bürgerlichen Parteien zeichneten sich hier ganz fünf Jahrzehnte lang – nach dem 1860–1865 wegen der Sklaverei geführten Bürgerkrieg – durch bemerkenswerte Festigkeit und Stärke aus. (…) Der Kampf dieser Parteien ging vornehmlich um die Frage höherer oder niedrigerer Zölle. Für die Masse des Volkes hatte dieser Kampf keinerlei ernstzunehmende Bedeutung. Das Volk wurde hintergangen und von seinen wesentlichsten Interessen durch effekthaschende und inhaltsleere Duelle zwischen den beiden bürgerlichen Parteien abgelenkt.

Dieses sogenannte Zweiparteiensystem, das in Amerika und England herrschte, war eines der wirksamsten Mittel, um das Entstehen einer selbständigen Arbeiterpartei, d. h. einer wirklich sozialistischen Partei, zu verhindern. Und nun hat in Amerika, dem Land des fortgeschrittensten Kapitalismus, das Zweiparteiensystem ein Fiasko erlitten! Was war die Ursache dieses Fiaskos? Die Stärke der Arbeiterbewegung, das Anwachsen des Sozialismus.

Die alten bürgerlichen Parteien (die »Demokratische« und die »Republikanische«) waren der Vergangenheit, der Zeit der Negerbefreiung, zugewandt. Die neue bürgerliche Partei, die »Nationale Progressive Partei«, ist der Zukunft zugewandt. Ihr ganzes Programm dreht sich um die Frage des Seins oder Nichtseins des Kapitalismus, nämlich um den Arbeiterschutz und um die »Trusts«, wie in Amerika die Kapitalistenverbände heißen. (…)

Die neue Partei ist ein Produkt der Gegenwart, die die Frage der Existenz des Kapitalismus überhaupt aufwirft. In Amerika, dem freiesten und fortgeschrittensten Land, rückt diese Frage immer klarer, in immer größerem Ausmaß auf die Tagesordnung.

Das ganze Programm, die ganze Agitation Roosevelts und der »Progressisten« geht darum, wie man den Kapitalismus retten könne vermittels … bürgerlicher Reformen.

Das bürgerliche Reformertum, das sich im alten Europa als Geschwätz liberaler Professoren äußert – dieses bürgerliche Reformertum trat in der freien amerikanischen Republik mit einem Schlage als eine Vier-Millionen-Partei in Erscheinung. Das ist echt amerikanisch.

Diese Partei sagt: Wir werden den Kapitalismus durch Reformen retten. Wir die fortschrittlichsten Fabrikgesetze erlassen. Wir werden die staatliche Kontrolle über alle Trusts (in Amerika heißt das: über die gesamte Industrie) einführen. Wir werden die staatliche Kontrolle über sie einführen, damit es kein Elend gebe, damit alle einen »anständigen« Lohn erhalten. Wir werden die »soziale und industrielle Gerechtigkeit« herstellen. Wir geloben und schwören bei allen Reformen  … wir wollen nur eine »Reform« nicht: die Enteignung der Kapitalisten!

Der gesamte Nationalreichtum Amerikas beläuft sich jetzt auf 120 Milliarden Dollar, d. h. etwa 240 Milliarden Rubel. Davon gehört ungefähr ein Drittel, etwa 80 Milliarden Rubel, zwei Trusts, Rockefeller und Morgan, oder wird von ihnen kontrolliert! Nicht mehr als 40.000 Familien, die diese zwei Trusts bilden, sind die Herren von 80 Millionen Lohnsklaven.

Angesichts dieser modernen Sklavenhalter sind alle »Reformen« naturgemäß bloßer Betrug. Roosevelt ist von den gerissenen Milliardären wissentlich gedungen, um diesen Betrug zu propagieren. Die »staatliche Kontrolle«, die er verspricht, wird sich, wenn die Kapitalisten das Kapital behalten, in ein Mittel zur Bekämpfung und Abwürgung von Streiks verwandeln. (…)

W. I. Lenin: Ergebnis und Bedeutung der Präsidentschaftswahlen in Amerika. In: Prawda, Nr. 164, 9. November 1912. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke, Band 18. Dietz-Verlag, Berlin 1974, Seiten 395–397

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Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus H. (26. Juli 2020 um 12:04 Uhr)
    »Schließlich liegt die Bedeutung der Wahlen in dem ungewöhnlich klaren und deutlichen Hervortreten des bürgerlichen Reformertums als eines Mittels zur Bekämpfung des Sozialismus.«

    »Das Volk wurde hintergangen und von seinen wesentlichsten Interessen durch effekthaschende und inhaltsleere Duelle zwischen den beiden bürgerlichen Parteien abgelenkt.«

    »Strukturell« hat sich das wenig bis nichts Neues getan, nicht wahr?

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