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Aus: Ausgabe vom 25.07.2020, Seite 15 / Geschichte
Deutscher Kolonialismus

In barbarischer Tradition

Vor 120 Jahren gab Kaiser Wilhelm II. in seiner »Hunnenrede« dem deutschen Kolonialismus die Richtung vor. Den Worten folgte ein Massenmord in China
Von Jörg Kronauer
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Wilhelm II. in der Uniform des Seebataillons bei seiner Rede am 27. Juli 1900 in Bremerhaven

»Eine große Aufgabe harrt eurer.« Mit gewohntem Pathos verabschiedet Kaiser Wilhelm II. am 27. Juli 1900 das deutsche Expeditionskorps in Bremerhaven in den Einsatz nach China. Dort hat sich die Bevölkerung gegen die Kolonialmächte, darunter Deutschland, erhoben – ihr Aufstand soll nun erbarmungslos niedergeschlagen werden. Der Kaiser spricht vor den Militärs und redet sich in Rage: »Ihr sollt fechten gegen einen verschlagenen, tapferen, gut bewaffneten, grausamen Feind. Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht!« Wie einst die Hunnen sollten die deutschen Soldaten im Reich der Mitte operieren, zetert Wilhelm II., damit es »niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!« Seine Ansprache bei der Entsendung der deutschen Truppen geht als »Hunnenrede« in die Geschichte ein.

Kühl kalkulierende deutsche Strategen hatten China schon lange im Blick – schon zu Zeiten, als es das Deutsche Reich noch gar nicht gab, als aber europäische Rivalen systematisch begannen, das riesige Land, das noch um 1820 gut ein Drittel der globalen Wirtschaftsleistung erarbeitete, im Interesse ihrer expandierenden Unternehmen zur Öffnung zu zwingen. Als Großbritannien den 1839 gestarteten Ersten Opiumkrieg gewonnen und Beijing am 29. August 1842 zur Unterzeichnung des Vertrags von Nanjing gezwungen hatte, schrieb der oft als »Vater der deutschen Nationalökonomie« bezeichnete Friedrich List: »Der Friede von Nanjing ist ein großes Ereignis für den Welthandel.« 1856 folgte der Zweite Opiumkrieg, an dem sich nun auch Frankreich beteiligte und der in dem am 26./27. Juni 1858 geschlossenen Vertrag von Tianjin mündete, der eine weitere Öffnung des riesigen chinesischen Marktes erzwang.

Nachholende Expansion

Preußen, aufstrebend und die Expansionsinteressen seiner Wirtschaft stets im Blick, mochte da nicht zurückstehen. 1859 brach die preußische Marine unter Führung des Grafen Friedrich zu Eulenburg zu einer ersten Expedition nach Ostasien auf. 1861 gelang es, neben einem Abkommen mit Japan auch einen Vertrag mit China zu schließen, der Preußen ähnliche Vorrechte wie Großbritannien und Frankreich einräumte. Preußen blieb auch am Ball, als unter seiner Führung 1871 das Deutsche Reich gegründet worden war, wenngleich größere Schritte zunächst auf sich warten ließen. 1872 kehrte der Geograph Ferdinand von Richthofen von einem mehrjährigen Aufenthalt in China heim, den er genutzt hatte, um die Chancen zur wirtschaftlichen Ausbeutung des Landes auszuloten. Es sei »nur eine Frage der Zeit«, bis jemand eine »Eisenbahn zwischen Europa und China« bauen werde, mutmaßte er 1882 im zweiten Band seiner Studien über das Reich der Mitte und empfahl die Expansion nach China über den Aufbau einer Basis im ostchinesischen Jiaozhou (»Kiautschou«).

In Berlin standen in den 1880er Jahren freilich zunächst andere Expansionspläne im Vordergrund. Das gewaltige Anschwellen der kolonialen Bestrebungen im zweiten Jahrzehnt nach der Reichsgründung zielte vorrangig auf die Eroberung afrikanischer und pazifischer Kolonien. Namen wie Lüderitz, eine Küstenstadt in Namibia, oder die Bismarcksee zwischen Neuguinea und dem nordöstlich davon gelegenen Bismarckarchipel zeugen bis heute vom Bemühen des Deutschen Reichs, nach dem vergleichsweise späten Beginn seiner Expansion mit den übrigen Kolonialmächten gleichzuziehen. Erst in den 1890er Jahren rückte China stärker ins Visier. Das Kapital machte Druck: 1889 gründete ein deutsches Bankenkonsortium unter Beteiligung der Deutschen Bank die Deutsch-Asiatische Bank. Der China-Handel wuchs deutlich an und erreichte zu Beginn der 1890er Jahre ein Prozent des deutschen Außenhandels – mehr als der Handel mit allen anderen Kolonien. Freilich war die Konkurrenz recht hart, denn Großbritannien dominierte scheinbar uneinholbar, und Frankreich sowie in steigendem Maße Japan bedrängten deutsche Interessen.

1896 brach Konteradmiral Alfred von Tirpitz mit einem Marinegeschwader nach Ostasien auf, um den passenden Ort für ein »Pachtgebiet« im Reich der Mitte zu finden. Tirpitz plädierte für den Bau eines Marinestützpunkts in der Bucht von Jiaozhou. Im Jahr darauf nahm Berlin den Mord an zwei deutschen Missionaren zum Anlass, um die Stadt Qingdao (»Tsingtau«) an der Bucht von Jiaozhou von deutschen Truppen besetzen zu lassen und dort das »Gouvernement Kiautschou« zu etablieren. Sogleich ging die frischgebackene Kolonialmacht daran, die ökonomische Plünderung ihres »Pachtgebiets« zu organisieren. Schnell stießen aber die Kolonialisten beim rücksichtslos durchgesetzten Bau einer Eisenbahnlinie auf Widerstand in der Bevölkerung. Die Gegenwehr wurdeauch in anderen Regionen stärker und kulminierte in der Erschießung des deutschen Gesandten Clemens von Ketteler am 20. Juni 1900 in Beijing und der Belagerung des Botschaftsviertels in der Hauptstadt durch die revoltierenden Massen.

Aufstandsunterdrückung

Jetzt sah das Deutsche Reich seine Stunde gekommen. Stolze Kolonialmacht war man bereits, was noch fehlte, war eine demonstrative Führungsrolle im Kreis der großen Mächte. Dazu wollte Berlin die Niederschlagung des Aufstands in China nutzen. Kaiser Wilhelm II. schlug die Schaffung einer einheitlichen Kommandostruktur aller Kolonialmächte für den Kampf gegen die rebellischen Chinesen vor. Nach kurzer Debatte wurde in der Tat eine »Koalition der Willigen« gegründet, der deutsche Feldmarschall Alfred Graf von Waldersee wurde militärischer Oberbefehlshaber. Als das nationale Kontingent des Deutschen Reiches am 27. Juli in Bremerhaven eingeschifft wurde, verabschiedete es der Kaiser persönlich mit der eingangs zitierten »Hunnenrede«. Sie war sogar den hartgesottenen Berliner Pressebeamten so peinlich, dass sie eine entschärfte Version in Umlauf zu bringen versuchten – freilich nur mit mäßigem Erfolg.

Die deutschen Truppen jedenfalls scheinen sich die Rede zu Herzen genommen zu haben. Nach ihrer Ankunft in Tianjin am 12. September 1900 – den Aufstand in Beijing hatten längst andere niedergeschlagen – marodierten sie bis ins folgende Jahr mit »Strafaktionen« durch das Land, bei denen sie ähnlich wie bei den deutschen Kolonialkriegen in Afrika zuweilen die gesamte erwachsene männliche Bevölkerung kleiner Städte – bis zu einem Viertel der Einwohner – systematisch abschlachteten. Eine Entschädigung für den Massenmord hat es natürlich nie gegeben. Im Gegenteil: Beijing wurde zur Zahlung einer Entschädigung an das Deutsche Reich verpflichtet – rund 280 Millionen Mark. Nach heutigem Wert wäre das ein Milliardenbetrag.

Rede Kaiser Wilhelms II. am 27. Juli 1900 in Bremerhaven:

»Große überseeische Aufgaben sind es, die dem neu entstandenen Deutschen Reiche zugefallen sind, Aufgaben weit größer, als viele meiner Landsleute es erwartet haben. Das Deutsche Reich hat seinem Charakter nach die Verpflichtung, seinen Bürgern, wofern diese im Ausland bedrängt werden, beizustehen. (…) Das Mittel, das ihm dies ermöglicht, ist unser Heer. In dreißigjähriger treuer Friedensarbeit ist es herangebildet worden (…).

Eine große Aufgabe harrt eurer: Ihr sollt das schwere Unrecht, das geschehen ist, sühnen. Die Chinesen haben das Völkerrecht umgeworfen, sie haben in einer in der Weltgeschichte nicht erhörten Weise der Heiligkeit des Gesandten, den Pflichten des Gastrechts Hohn gesprochen. (…) Bewährt die alte preußische Tüchtigkeit, zeigt euch als Christen im freundlichen Ertragen von Leiden, möge Ehre und Ruhm euren Fahnen und Waffen folgen, gebt an Manneszucht und Disziplin aller Welt ein Beispiel.

Ihr wisst es wohl, ihr sollt fechten gegen einen verschlagenen, tapferen, gut bewaffneten, grausamen Feind. Kommt ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutscher in China auf 1.000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!«

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