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Aus: Ausgabe vom 11.07.2020, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Chile

Allein durch die Atacama

Mit dem Fahrrad durch die trockenste Wüste der Welt. Eine Reise in die blutige Vergangenheit Chiles
Von Christian Hannig
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»Ich bin auf einen jener Todeshügel gestoßen, auf denen General Pinochet politisch anders Denkende hinrichten ließ. Er wählte dafür die Atacama.« Das Mahnmal für die Opfer des Pinochet-Regimes bei Calama

Vergangenen Monat erschien Christian Hannigs Reisebericht »Allein durch die Atacama. Eine Wüste bricht ihr Schweigen.« Wir veröffentlichen daraus einen leicht bearbeiteten Auszug und danken dem Verleger Helmut Donat für die Genehmigung zum Abdruck. (jW)

Über die Atacama in Chile, bisher in der Literatur eher eine Terra incognita, gibt es nunmehr ein Buch der ganz besonderen Art. Der Autor, der die Wüste mit einem simplen Fahrrad durchquerte und seine Fußspuren im Sand auslegte, hebt nicht auf die physische Leistung ab. Er führt den Leser zu den ältesten Mumien der Menschheit, zu Geoglyphen einer erloschenen Kultur, zu Wüsten-KZ und Hinrichtungsstätten aus der Pinochet-Ära. Ein Buch, in dem die trockenste Wüste der Erde ihr Schweigen bricht und den Leser hinter Horizonte aus Sand und Salz lockt, ihn dabei immer wieder stumm innehalten lässt, weil ihn die Sprache der Wüste selbst schweigend macht. (Helmut Donat)

Chile! Die Anden, Patagonien, Feuerland, fernab draußen im Pazifik die Osterinseln: Lockrufe aus Bildbänden und Reiseführern. Doch von all den möglichen Zielen habe ich mich für das vielleicht ungewöhnlichste entschieden: die Atacama-Wüste. Der Grund dafür ist das Buch des chilenischen Schriftstellers Ariel Dorfman »Das Gedächtnis der Wüste«. Es soll mich leiten – auch auf gedanklichem Wege.

Nach endlosem Schweben über Wasser, später Urwaldgrün, gefolgt von der Weite der argentinischen Pampa, wachsen fast abrupt Berge empor. Die Schneegipfel unter der Maschine: ein kalter, weißer Gruß der Anden. Sie scheinen mit jeder Minute größer zu werden. Der Pilot hat den Sinkflug begonnen. Als die Bergflanken abflachen und sich unter uns eine Ebene öffnet, fallen mir unzählige kleine Hügel auf, dazwischen Leben, als eilten Ameisen umher. Noch ist die Boeing zu hoch, um Näheres zu deuten. Doch dann, und die Erkenntnis ist schrill: Die Hügel sind Müllberge, das quirlige Leben zwischen ihnen – Menschen! Chile begrüßt seine Gäste mit einem unerwarteten Anblick.

»Schon mal in Chile gewesen?« Einer der Fragenden hakt nach, möchte mein Alter wissen: »Cuántos años tiene usted?« Als ich zur Antwort auf meinen grauen Bart zeige, hat der Mann verstanden: »Weit von der Jugend entfernt, sehr weit!«

Fertig montiert, fertig gesattelt. Noch etwas Geld tauschen. Da ist der Ausgang. Vor der Tür wartet Chile!

Bis zum Pazifik sind es nur wenige Minuten. Doch bereits auf der seewärts verlaufenden »Avenida Francisco de Aguirre« zeigt sich verräterischer Dunst. Die Ahnung wird zur Sicherheit. Der kalte Humboldtstrom schickt seinen Boten: Nebel. Je näher ich der Küste komme, desto dichter wird er. Man muss die »graue Watte« gesehen haben, um den plötzlichen Wechsel in der Natur zu verstehen. Im Rücken die Wüste, dann unvermutet der Blick auf Grün. Hinter der »Quebrada del Indio« habe ich bereits einen ersten Eindruck von dieser abrupten Wandlung erhalten. Es ist nur ein schmaler Streifen grünes Leben entlang der Küste, denn weit ins Land schafft es der Nebel nicht. Vorher verzehrt ihn die Wüstensonne. Aber hier fällt die Sicht fast auf null. Ich bin am Pazifik, und er lässt sich doch nur erahnen.

Laster und Leiden

»Nothing can survive outside the scarce oasis.« Nichts kann außerhalb der wenigen Oasen überleben. Diese Worte finden sich in den Erläuterungen zu meinem heutigen Ziel, der »Oficina Chacabuco«. Ein hoher Schornstein verrät sie bereits aus der Entfernung. Die Wüste ringsum wirkt wie mit einem überdimensionalen Pflug aufgebrochen. Ungezählte Tonnen Dynamit haben sie zu einem solchen Trümmerfeld gemacht. Schließlich erreiche ich nicht etwa eine der üblichen Salpeterminen, sondern eine ehemalige »Stadt des Nitrats«.

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»Der Anblick ist schockierend. Aus der Distanz sieht es aus wie ein riesiger Pferch aus Dornengestrüpp, beim Näherkommen bilden sich Reihen, Gruppen von Grabkreuzen.« Ein verlassener Friedhof in Pisagua

Jahrzehntelang hat das »weiße Gold« Chile Reichtum beschert, weltweit stiegen die Erträge der Felder – dank des Salpeters, der in unermesslichen Mengen im Boden der Atacama ruhte. Doch dann kam jener Tag, als es Deutschland, das während des Ersten Weltkrieges von Handelsrouten abgeschnitten war, gelang, synthetischen Stickstoffdünger herzustellen. Sozusagen aus der Not geboren, erwuchs dem chilenischen Salpeter ein Konkurrent, dem er hilflos unterlegen war. Das Minensterben in der Wüste begann.

In dieser Phase des Niedergangs baute man, einer neuen Produktionsmethode vertrauend, Chacabuco, eine Oasenstadt für 5.000 Menschen, die einen riesigen Industriekomplex einrahmte. Acht »Chancadoras«, Gesteinsbrecher, zertrümmerten das angelieferte Material, um es für die Weiterverarbeitung vorzubereiten. In 54 »Cachuchos«, großen Becken, sorgten heißes Wasser und Dampf für den Auslaugprozess. 240 gewaltige Eisenschalen dienten der Kristallisierung des Salpetersalzes. Chacabuco stand für Größe, für Masse, für höchste Produktionszahlen. Unter den 130 Salpeterminen, im Zentrum der Atacama angelegt, gab es nichts Vergleichbares. Trotzdem erlosch nach nur 14 Jahren Betrieb das Feuer in den Öfen. Die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre – und letztlich die deutsche Erfindung – bedeuteten das Ende der Supermine.

Und nur weil man inzwischen den Verfall Chacabucos zur totalen Ruinenstadt gestoppt hat, vermag ich nun, durch seine Straßen zu gehen und Rückschau zu halten. Dass sich, als man mit dem Bau der Stadt begann, die Lebensbedingungen der Salpeter-Arbeiter bereits verbesserten, zeigen nicht nur das Gebäude des Theaters mit angeschlossener Bibliothek, die Schule, die Kirche und die Räumlichkeiten für gesellige Anlässe.

Ich streife Stunden durch die riesige Anlage – und plötzlich stehe ich vor jenem Teil der Nitratstadt, der eine ganz andere Geschichte erzählt. Den Stacheldraht und die Minen hat man inzwischen entfernt. Ein verdächtiges Detail ist allerdings geblieben: das eiserne Gerippe eines Wachturmes. Nach mehr als dreißig Jahren Verfall kam auf tragische Weise noch einmal Leben nach Chacabuco zurück. General Pinochet, der sich 1973 an die Macht geputscht hatte, nutzte die Stadt als Internierungslager für politische Gefangene. Die langen Reihen der kleinen Wohnungen für die Arbeiter machten den Eindruck von Gefängniszellen – nur ohne Gitter. Eine bedrückende Stimmung schwebte über allem.

Links der Straße dehnt sich nun die weite »Pampa del Indio Muerto«. Ein Name, der vom Tod kündet. Wer die Landschaft sieht, begreift, dass hier kein Raum für Leben ist. Nach Süden nimmt die Wüste Höhenprofil an, aber die Namen der Berge lügen: »Cerro Mariposa« (Schmetterling), »Cerro Agua Dulce« (Süßes Wasser). Auch dort ein Terrain des Todes – nichts als Sand und Fels. Die Natur, ein Schrei nach Leben. Gleich Spinnenbeinen greifen auf meiner Karte jetzt dünne Linien in die Wüste hinein. An ihrem Ende die Namen von Salpeterminen. Ebenfalls nichts als Täuschung: »Tesoro« (Schatz), »Tres Amigos« (Drei Freunde), »Flor del Desierto« (Wüstenrose), hinter den schönen Wortklängen verbarg sich einst das Elend, regierte die Ausbeutung.

Die nächste Stätte: Man kennt die Gräber alter Atacama-Kulturen mit ihren Beigaben für ein Leben im Jenseits oder für die ersten Schritte nach der Wiedergeburt. Hier scheint eine moderne Nachbildung eines solchen Grabes zu sein: Spielsachen, für Kinder abgestellt, ein kleines Automodell – wohl zur Erinnerung an das zu Schrott gefahrene, ja sogar ein Telefon als Beigabe. Ein Kreuz ragt aus dem Wüstensand, an dem man nicht vorbeifahren kann. Es ist über und über mit Autokennzeichen benagelt, davor im Sand ein paar Schuhe. Am Holz kein Name.

Jeder Kilometer Straße trägt mich tiefer in die Geschichte der Wüste. Es häufen sich die Notizen: »Oficina José Santos Ossa«, »Oficina Pinto«, »Oficina Arturo Prat« … Doch es sind weniger die Namen der Minen, die sprechen; die Zahlen darunter geben mehr Auskunft: »1916–26, Trabajadores 610«, »1912–1930, Trabajadores 700«. Die Zahlen steigen an: 1.180, 1.658 … Die Schilder belegen, in welchem Jahr die Produktion begann, wann in den Öfen nur noch Asche blieb und wie viele in der jeweiligen Mine arbeiteten. Etwa 60.000 sollen es allein in dieser Region gewesen sein. Dabei wäre es ehrlicher gewesen, auf dem Blech den Begriff »Trabajadores« (Arbeiter) durch »Destinos« (Schicksale) zu ersetzen.

Ich stoße auf die ersten Friedhöfe. Der Anblick ist schockierend. Aus der Distanz sieht es aus wie ein riesiger Pferch aus Dornengestrüpp, beim Näherkommen bilden sich Reihen, Gruppen von Grabkreuzen, Linien aus »Stangen«, die einmal Kreuze gewesen sind. Keine Namen, nur vom Wüstenwind sandgeschmirgeltes Holz, von den Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht zernagt und trotzdem von der sengenden Wüstensonne konserviert. Ich stehe tausendfachem anonymem Tod gegenüber.

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»Doch von all den möglichen Zielen habe ich mich für das vielleicht ungewöhnlichste entschieden: die Atacama-Wüste.« Die Route der Fahrradreise

Beim nächsten Friedhof das gleiche Bild. Wandeln an endlosen Grabreihen entlang, »Alleen des Todes«. Schritte des Schweigens. Eines der Gräber ist geöffnet. In der Tiefe ein aufgebrochener Sarg. Doch was heißt »Sarg«? Ein paar zusammengenagelte Bretter und Latten ergeben eine »Kiste«. So also endete in der Atacama ein Leben. Jedem Grabräuber muss bei diesem Anblick klarwerden: Da ist nichts zu holen. Tief im Wüstensand ruht nur die Armut.

Willkommen in Calama, der Stadt des »roten Goldes«. An einer Fassade ein politisches Vermächtnis. Salvador Allende, der 1973 einem Putsch zum Opfer gefallene Präsident Chiles, bekräftigt hier: Da das Volk die Regierung ist, sei es endlich möglich zu sagen, dass das Kupfer den Chilenen gehört. Allende hatte die Kupferminen, bis dahin in US-amerikanischer Hand, verstaatlicht und damit dem Volk zurückgegeben.

Spuren der Diktatur

Wenn irgendwo in Wüsten ein fremdartiges Gebilde aufragt, kann es sich um ein Funkfeuer der Luftfahrt handeln. Aber was sich mir aus großer Entfernung darbietet, ist etwas anderes. Die vermeintliche Antenne entpuppt sich als ein Kreuz; es muss die Höhe eines Hauses haben. Ich biege auf eine kurze Piste ab, die zu ihm führt. Noch bin ich ahnungslos.

Am Fuße des Kreuzes ein Säulenrund. Stufen führen hinab in einen dachlosen Raum, eine Gedenkstätte, mit Namen auf Steinen. Vermutlich bin ich in diesem Moment horizontweit der einzige Mensch. Im Osten erstreckt sich die »Pampa Llalqui« bis zu den Anden, im Norden und Westen bis zur Erdkrümmung – ein riesiges Sandfeld der Einsamkeit und Leere. Ich bin allein.

Plötzlich Schüsse, Gewehrsalven, ich sehe zusammenbrechende Männer, wie Kugeln ihre Körper in eine letzte Drehung reißen, sie aufs Gesicht fallen, ein Rest Leben in zuckenden Bewegungen. Dann ist die Stille, die das Peitschen der Schüsse so jäh zerriss, wieder da. Sie flutet den Raum, in dem ich stehe …

Ich bin auf einen jener Todeshügel gestoßen, auf denen General Pinochet politisch anders Denkende hinrichten ließ. Er wählte dafür die Atacama. Zu meinen Füßen eines der Massengräber, die der Diktator den Chilenen als blutiges Erbe vermachte. Die Übersetzung der Gedenktafel lautet: Karawane des Todes. An dieser Stelle, in diesem Grab unter der trockenen Erde der Atacama-Wüste, liegen die 26 Leichen jener Männer, die hier am 19. Oktober 1973 während der Militärdiktatur von einem Kommando der chilenischen Armee exekutiert wurden.

Die Durchquerung der Atacama, sie ist auch eine Reise auf den blutigen Spuren Pinochets. Wo diese Wüste ihr Schweigen bricht, erzeugt sie Schweigen.

Es existieren keine fundierten Daten über den Preis, den Chile für den Militärputsch zahlte. Als politische Gefangene wurden 27.255 Personen registriert. Mit biographischen Daten sind 3.197 Morde belegt. In beiden Fällen ist die Dunkelziffer vermutlich hoch. Die Angaben zu den Folterungen sind diffus, die Rede ist von »mehreren zehntausend« Fällen. Ebenso offen ist die Zahl der »Desaparecidos«, jener Personen, die als »verschwunden« gelten; etwa 2.500 Fälle sind aktenkundig.

General Pinochet, den die Militärjunta nach dem Putsch zu ihrem Vorsitzenden ernannt hatte, entging einer Verurteilung als Massenmörder. Er starb am 10. Dezember 2006.

Christian Hannig: Allein durch die Atacama. Eine Wüste bricht ihr Schweigen. Donat-Verlag, Bremen 2020, 160 Seiten, 34 Abb., 14,80 Euro

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