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Aus: Ausgabe vom 08.07.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Nationale Befreiungsarmee ELN

»Wir haben kein Vertrauen in die Regierung«

Kolumbien: Der Kampf der Nationalen Befreiungsarmee (ELN) im Jahr 2020. Ein Gespräch mit mehreren Comandantes der Guerilla
Von Unai Aranzadi
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Der frühere Präsident Kolumbiens, Juan Manuel Santos (l.), und eine ELN-Guerillera (r.) in Cali am 16. Juli 2013

Wie haben Sie an den Frontlinien der Nationalen Befreiungsarmee (ELN) die Waffenniederlegung eines Großteils der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens – Armee des Volkes (FARC-EP) und den Friedensprozess erlebt?

Wir als ELN stimmen nicht mit dem Friedensabkommen überein, aber wir respektieren es, obwohl es sich dabei um die Geschichte eines absoluten Scheiterns handelt. In den Regionen sehen wir, dass die FARC aufgehört haben, eine strukturierende Rolle zu spielen. Die Abkommen werden nichts an der Situation in unserem Land ändern. Die FARC haben sich komplett verändert, um in die Legalität einzutreten. Sie haben die Waffen zum Schweigen gebracht, aber die Gründe für den bewaffneten Kampf bestehen weiterhin. Wir als ELN haben kein Vertrauen in die Regierung.

Wir befinden uns im Catatumbo, einer der am meisten vom bewaffneten Konflikt betroffenen Regionen. Wie nehmen Sie als Akteure im Konflikt die humanitäre Lage in dieser Grenzregion (zu Venezuela, jW) wahr?

Die Situation der Menschen im Catatumbo ist komplex, ebenso wie in den anderen Regionen des Landes. Die Bevölkerung versucht, sich zu organisieren, Widerstand zu leisten und tut alles dafür, um in Würde zu überleben. Unterdessen versucht der Staat, das Territorium an ausländische und transnationale Unternehmen zu verscherbeln, um die natürlichen Ressourcen auszubeuten, die in dieser Region vorkommen. Das führt automatisch zu Gewalt, zu Konflikten. Der Staat hat nicht verstanden, dass deren Lösung nicht darin besteht, mehr und mehr Soldaten zu schicken. Vielmehr müsste mit den Gemeinden über den Abbau der natürlichen Ressourcen verhandelt werden. Hinzu kommen die Ermordungen und die Verfolgung sozialer und linker Aktivisten durch den kolumbianischen Staat in der gesamten Region – ein großes Problem. Die mehr als 800 ermordeten Aktivisten im Land seit dem Amtsantritt der Regierung von Iván Duque sind alarmierend.

Auf dem Weg hierher konnten wir viele Hektar Land sehen, auf denen Kokapflanzen angebaut werden. Welche Beziehung haben Sie als ELN zum Kokain?

Die ELN distanziert sich politisch klar vom Drogenhandel. In den Territorien nehmen wir eine regulierende und kontrollierende Rolle ein. Dafür treiben wir Steuern ein.

Wie hat sich dieser so hart geführte Krieg entwickelt, den Sie mit den letzten Dissidenten der Volksbefreiungsarmee (EPL) führen?

Die Konfrontation mit der EPL hat ihren Ursprung darin, dass die Gruppe ihre politische Linie und die ideologische Überzeugung, dass man für die Bevölkerung kämpft, aufgegeben hat. Sie hat sich mehr und mehr in eine narkoparamilitärische Organisation gewandelt, was dazu führte, dass ihre Mitglieder viele Fehler im Umgang mit der Zivilbevölkerung begehen. Sie töten Menschen, vertreiben sie und arbeiten im Grunde für in den Drogenhandel verstrickte Paramilitärs.

Auf dem Weg hierher konnten wir auch die Präsenz des »Frente 33« von den FARC hier im Catatumbo feststellen. Wie ist Ihre Beziehung zu diesem?

Ja, die Präsenz der FARC in diesem Territorium ist bemerkenswert. Nicht nur die des »Frente 33«. Auch die FARC, die sich »Segunda Marquetalia« nennen (Gruppe um mehrere FARC-Comandantes, die 2019 wieder in den Untergrund gegangen sind, jW), ist hier vertreten. Diese unterschiedlichen Gruppen, die über verschiedene Führungen verfügen, lösen bei uns Unruhe aus. Wir hoffen, dass sie ihre Kräfte bündeln können, wodurch eine vertrauensvolle Beziehung garantiert werden könnte. Gegenwärtig haben wir aber keinerlei Abkommen mit den FARC.

Hatte die ELN irgendwelche Kontakte mit dem »Frente 33«?

Es kam zu einigen Treffen, in denen der Frage nachgegangen wurde, inwiefern Vereinbarungen möglich sind. Im Moment befinden wir uns aber noch auf der Suche nach Antworten.

Gibt es da ein grundlegendes Problem, was den Dialog betrifft?

Wir als ELN sorgen uns, weil diese verschiedenen Gruppen über je eigene Befehlsorgane verfügen. Eine klare Führung mit einem Ansprechpartner gibt es nicht.

Welche Bedingungen müssten für Sie als Guerilla für einen Waffenstillstand mit der kolumbianischen Regierung erfüllt sein?

Die Regierung setzt seit jeher auf die Ausrottung jedes revolutionären und linken Prozesses, der in Kolumbien entsteht. Wir als ELN-Guerilla haben der nationalen Regierung den Dialog angeboten. Wir wussten um die Erfahrungen der anderen Guerillas in Kolumbien, die mit der Regierung verhandelt haben, nur um dann im wahrsten Sinne des Wortes verraten zu werden. Nach allen Verhandlungen wurde versucht, diejenigen, die weiter für strukturelle Veränderungen in unserem Land eingetreten sind, zu vernichten.

Wie gesagt: In der letzten Zeit haben wir Dialogbereitschaft signalisiert und der Regierung Gespräche angeboten, wozu es auch kam. Doch schon beim ersten Punkt unserer Agenda, der Beteiligung der Gesellschaft an den Verhandlungen, wurde der Dialog wieder auf Eis gelegt. Die Regierung war schon immer dagegen, dass die Mehrheit der Kolumbianer und Kolumbianerinnen die Entscheidungen in unserem Land trifft. Dementsprechend waren auch alle unsere humanitären Gesten wie die einseitig verkündeten Waffenruhen unilateral. Wir erkennen unsere Verantwortung an, sowohl gegenüber der internationalen Gemeinschaft als auch gegenüber Kolumbien. Wir respektieren humanitäre Grundsätze in dem Krieg, den wir führen. Aber die Regierung hat die Entscheidung getroffen, nicht mehr zu verhandeln, das heißt keinem Fahrplan zum Frieden mehr zu folgen. Ein Beweis dafür ist, dass unsere Delegation von Comandantes, die für die Verhandlungen mit der Regierung in Kuba war, sich weiterhin dort aufhalten muss. Sie sind Exilierte, weil der kolumbianische Staat ihre Auslieferung beantragt hat, um sie verhaften zu können.

Unsere Comandantes haben auf sehr transparente Art und Weise dargestellt, dass die ELN auf allen Ebenen für einen möglichen Frieden arbeiten muss. Heute haben wir in Kolumbien allerdings eine Regierung, die uns immer wieder aufs neue die Dialog- und Verhandlungswege verschließt. Die Bevölkerung geht auf die Straßen und protestiert. Auch in ihren Verhandlungsrunden mit der Regierung stoßen sie nur auf Ablehnung. Statt über die notwendigen Veränderungen zu sprechen, unterdrückt die Regierung die Proteste mit der »Aufstandsbekämpfungseinheit« Esmad.

Welches sind Ihrer Meinung nach die objektiven Gründe dafür, den bewaffneten Kampf fortzusetzen?

Was uns heute, sowohl in dieser Region als auch in ganz Kolumbien, besonders beunruhigt, ist die Kriminalisierung der sozialen Aktivisten. Wir sind besorgt, weil auch wir Teil dieses Volks sind. Auch wir als ELN empfinden den Schmerz, ausgelöst durch die Repression des kolumbianischen Staates. Das ist einer der Gründe. Diesen Schmerz müssen wir in Prozesse des Widerstands verwandeln. Auf verschiedenen Ebenen: politisch, sozial, in der Arbeit mit der Gemeinschaft.

Gleichzeitig wird die ELN immer wieder beschuldigt, Zivilisten zu entführen. Was ist an diesem Vorwurf dran?

Wir als ELN-Organisation entführen keine Zivilisten, wir führen Festnahmen durch. Wir halten Großgrundbesitzer fest, die sich gewaltsam ein großes Stück Land angeeignet haben. Und auf die eine oder andere Weise fordern wir, dass sie sich an der Finanzierung des Krieges beteiligen. Auch die Gerüchte über Zwangsrekrutierung Minderjähriger sind falsch. Alle Genossinnen und Genossen sind freiwillig zu uns gestoßen.

Nun schreiben wir das Jahr 2020. Welche Bedeutung hat Ihr Kampf heute?

Kolumbien ist weiter ein extrem ungerechtes Land. Minderheiten werden täglich unterdrückt. Kinder sterben an heilbaren Krankheiten. Einen höheren Bildungsabschluss zu erreichen, ist extrem kompliziert. In einem Land wie diesem müssen wir uns an der Suche nach Lösungen für diese Probleme beteiligen. Heute kämpfen wir, weil es Realitäten gibt, die wir zu verändern suchen. Von hier aus, aus den Bergen, stehen wir an der Seite unseres Volkes, halten die Fahne des Widerstands hoch und versuchen, ein besseres Kolumbien zu erkämpfen. Ein Kolumbien, in dem wir in Gleichheit und Frieden mit sozialer Gerechtigkeit leben können.

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