Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
Gegründet 1947 Dienstag, 4. August 2020, Nr. 180
Die junge Welt wird von 2346 GenossInnen herausgegeben
Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti« Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
Aus: Ausgabe vom 07.07.2020, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Gewerkschaftspolitik in der BRD

Enorme Mobilisierungskraft

Arbeitszeit und -verdichtung – ein Konfliktfeld mit Potentialen für Gewerkschaften
Von Daniel Behruzi
imago0081752669h.jpg
Arbeitsverdichtung: Immer mehr Beschäftigte sind ausgezehrt und am Rande ihrer physischen und psychischen Reserven (Hamburg, 31.1.2018)

»Totgeglaubte sterben nicht!« So beginnt der Verdi-Sekretär Kalle Kunkel seinen Beitrag zur gewerkschaftlichen Arbeitszeit- und Leistungspolitik in dem von Ingo Stützle, dem Redakteur der Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft Prokla, herausgegebenen Sammelband »Work-Work-Balance«. Nach fast 30 Jahren Abstinenz seien Fragen von Arbeitszeit und Leistung nun wieder auf der Gewerkschaftsagenda, so der Autor. Doch die Bewegung entwickle sich anders als beim Kampf um die 35-Stunden-Woche in den 1980er Jahren in Westdeutschland. Während die Auseinandersetzungen damals »nach zum Teil heftigen internen Diskussionen« in den Gewerkschaften »kampagnenförmig in Gang gesetzt wurden, ist der neue Aufschwung von einer fast schon experimentellen Vielseitigkeit geprägt«, schreibt Kunkel. Ein gemeinsames Element der verschiedenen Kämpfe ist allerdings, dass es den Beschäftigten nicht nur um die Länge der Arbeitszeiten, sondern auch und vor allem um die Begrenzung der Arbeitsbelastung geht. Dieses Thema berge eine »enorme Mobilisierungskraft«, betont er.

Kunkel plädiert dafür, dass die Gewerkschaften beides zugleich anstreben: die Reduzierung der Arbeitszeiten und der Leistungsverdichtung, die im Zuge der Flexibilisierung in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat. Wenn die Beschäftigtenorganisationen dies versuchen, sei ein »Großkonflikt« unausweichlich, erklärte zuvor bereits der ehemalige IG-Metall-Bezirksleiter von Niedersachsen, Hartmut Meine. Denn, so Kunkel: »Die Ausweitung des gewerkschaftlichen Gestaltungsanspruchs auf die Leistungsvorgaben in der Arbeitszeit greift tief in den kapitalistischen Herrschaftsanspruch im Betrieb ein und stellt insofern eine qualitative Veränderung dar«.

Kunkels Schlussfolgerung: Es bedürfe einer Kultur des Widerstands und einer starken betrieblichen Interessenvertretung, damit die Entlastung im Alltag auch ankommt. Dafür ist die Aktivität der Beschäftigten entscheidend. Und diese wiederum lässt sich nur mit deren intensiver Beteiligung an Entscheidungsprozessen unterstützen. »Nur wenn die Auseinandersetzungen selbst zum Teil eines allgemeinen Veränderungs- und Demokratisierungsprozesses werden, können die im Arbeitskampf erreichten Kräfteverschiebungen auch wirksam werden«, erklärt Kunkel.

Für die Gewerkschaft ist es dem Autor zufolge durchaus eine »Gratwanderung«, solche Auseinandersetzungen um Entlastung anzuzetteln. Denn für die Beschäftigten ist das Thema mit hohen Erwartungen auf schnelle Verbesserungen verbunden. »Schaffen es die betrieblichen Akteure nicht, auf der Grundlage der tariflichen Regelungen der betriebswirtschaftlichen Herrschaft Grenzen zu setzen, kann dies zu einem Legitimationsverlust der Gewerkschaft als Ganzes und des Systems der Tarifverträge führen«, gibt Kunkel einerseits zu bedenken. Andererseits sieht er für die Beschäftigtenorganisationen »die Chance, im Mittelpunkt einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung zu stehen« und damit »über den Tellerrand des Betriebs und des gewerkschaftlichen Handlungsfeldes im engeren Sinne hinaus« wirksam zu werden.

Es bestehe die Möglichkeit – aber auch die Notwendigkeit –, die Tarifbewegung für die Reduzierung von Arbeitszeit und Leistungsverdichtung gegenüber anderen gesellschaftlichen Gruppen zu öffnen. Die Schaffung gesellschaftlicher Bündnisse sieht Kunkel allerdings nicht als Alternative zum Aufbau betrieblicher Organisationsmacht. Beides zu verbinden sei eine große Herausforderung – aber auch Chance: »Der schwierige Spagat besteht darin, die Arbeits- und Leistungspolitik als ein Element für die Revitalisierung der Macht im Betrieb zu begreifen und zugleich die Potentiale der gesellschaftlichen Dimension dieses Konfliktfelds zu erkennen und zu nutzen.«

Ingo Stützle (Hrsg.): Work-Work-Balance. Marx, die Poren der Arbeitstags und neue Offensiven des Kapitals, Karl-Dietz-Verlag , Berlin 2020, 263 Seiten, 18 Euro

Die junge Welt im Aktionsabo kennenlernen: Drei Monate lang für 62 Euro!

An guten Gründen für Protest mangelt es sicher nicht – ganz im Gegenteil. Diese Zeit hat Opposition bitter nötig! Doch ganz gleich wie der Protest aussieht, gilt: Nur was man versteht, kann man verändern.

Genau hier setzt die junge Welt an. Jeden Tag liefern wir gut sortiert Informationen und Inspirationen, machen Hintergründe und Zusammenhänge verständlich. Knapp und bündig bietet die junge Welt konsequent linken Journalismus, an jedem Wochentag auf 16 und am Wochenende auf 24 Seiten.

Die beste inhaltliche Basis für Protest! Deshalb bieten wir unser Sommerabo an: Drei Monate die junge Welt mit ihrem unverwechselbarem Profil kennenlernen. Danach ist Schluss, es endet automatisch.

Ähnliche:

  • Die öffentlich zelebrierte Verehrung der Nation als wirksamer Ki...
    14.05.2020

    Kapitalkonform autoritär

    Ungarns Premier Viktor Orban regiert inzwischen per Dekret und stärkt mit seiner Politik multinationale Unternehmen sowie die heimische Oligarchie. Für die Lohnabhängigen hat er nichts übrig
  • Nur wenige Filialen haben einen Betriebsrat und sind dadurch im ...
    23.03.2020

    Knausern in der Krise

    Beschäftigte bei Douglas sollen Überstunden abbauen. Kurzarbeitergeld wird minimal bezuschusst. Gewerkschaft fordert vollen Ausgleich
  • Demo der IG Metall während eines Warnstreiks vor den Werktoren d...
    09.03.2020

    »Arbeitskämpfe werden intensiver«

    35-Stunden-Woche: Beschäftigte in der Sozialwirtschaft Österreichs erwägen Betriebsschließungen durch Streiks. Ein Gespräch mit Oliver Jonischkeit

Mehr aus: Betrieb & Gewerkschaft