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Aus: Ausgabe vom 07.07.2020, Seite 5 / Inland
Finanzwirtschaft

Chaos bei Commerzbank

Chefsessel wird neu besetzt. Investoren fordern drastische Kürzungen. Betriebsrat ist alarmiert
Von Steffen Stierle
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Ein Bankhaus steht nach angekündigten Abgängen vor großem Umbau (Frankfurt am Main, 13.2.2020)

Nachdem Konzernchef Martin Zielke und der Vorsitzende des Aufsichtsrats, Stefan Schmittmann, am vergangenen Freitag ihren Rücktritt angekündigt hatten, steht die Commerzbank offenbar nicht nur vor einem personellen Umbruch, sondern auch vor einem radikalen Kahlschlag.

So liegen laut einem Bericht der Nachrichtenagentur dpa vom Montag Pläne auf dem Tisch, ein Viertel der 40.000 Vollzeitbeschäftigten auf die Straße zu setzen. Das Filialnetz soll demnach drastisch ausgedünnt werden. Von den rund 1.000 Niederlassungen des Geldhauses könnten am Ende gerade einmal 200 übrig blieben. Zudem soll das Auslandsgeschäft gründlich zusammengestrichen werden.

Der Betriebsrat der Bank ist alarmiert: »Der Stellenabbau muss sozialverträglich geschehen«, hatte der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, Uwe Tschäge, vergangene Woche gegenüber dem Handelsblatt gesagt. Tschäge fordert, betriebsbedingte Kündigungen auszuschließen und hatte angekündigt, für dieses Ziel kämpfen zu wollen. Bei der Gewerkschaft Verdi fürchtet man derweil eine Hängepartie angesichts der Debatten um die zukünftige Ausrichtung der Bank: »Ich hoffe, dass die Bank jetzt ein glückliches Händchen zeigt, die Führungspositionen neu zu besetzen«, sagte Gewerkschaftssekretär Ralf Stefan Wittmann, der auch Mitglied des Aufsichtsrats ist, am Montag in Frankfurt am Main. Man wolle alles tun, was die Zukunft der Bank sichert und möglichst vielen Beschäftigten eine Perspektive gibt.

Hintergrund der Rücktritte von Zielke und Schmittmann war die heftige Kritik von Investoren an Konzernstrategie und Betriebsergebnissen. Bereits im vergangenen Jahr mussten die beteiligten Fonds einen deutlichen Gewinneinbruch hinnehmen. Für das erste Quartal 2020 hatte die Bank Mitte Mai ein operatives Ergebnis von minus 277 Millionen Euro vermeldet. Bereits Ende März wurde mit Verweis auf die Coronapandemie angekündigt, die Ausschüttung von Dividenden für das zurückliegende Geschäftsjahr auszusetzen.

Nun platzte vor allem dem interventionistischen und auf radikale Kürzungsprogramme fokussierten US-Investor Cerberus – zu deutsch »Höllenhund« – der Kragen. Der Fonds ist mit einem Anteil von gut fünf Prozent zweitgrößter Aktionär der Commerzbank und hatte seine scharfe Kritik an der Unternehmensstrategie zuletzt mit der Forderung nach zwei Sitzen im Aufsichtsrat verbunden. Das Wort des New Yorker Geldgebers hat Gewicht: Umfassender als Cerberus ist nur der deutsche Staat an der Commerzbank beteiligt, der durch die Rettungsaktion im Jahr 2008 15,6 Prozent der Anteile innehat, sich aber aus den Geschäften geflissentlich heraushält.

Zu erwarten ist nun, dass die Neubesetzung der freigewordenen Chefsessel das Topthema der Aufsichtsratssitzung am Mittwoch wird. Als aussichtsreichste Kandidaten für die Zielke-Nachfolge gelten Meldungen zufolge Firmenkundenvorstand Roland Boekhout sowie Finanzvorstand Bettina Orlopp, die bereits im Februar gemeinsam mit Zielke angekündigt hatte, den im vergangenen Herbst beschlossenen »Sparkurs« weiter verschärfen zu wollen. Es ist zu befürchten, dass letztlich unter dem Druck der beteiligten Heuschrecken vor allem die Beschäftigten die Zeche für das Missmanagement der vergangenen Jahre zu zahlen haben.

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