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Aus: Ausgabe vom 07.07.2020, Seite 4 / Inland
Verbrechen im KZ Stutthof

»Rädchen der Mordmaschinerie«

Hamburg: Plädoyer der Staatsanwaltschaft im Prozess gegen SS-Wachmann
Von Kristian Stemmler
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Der Angeklagte im Sitzungssaal des Hamburger Landgerichts hinter einer Plexisglasscheibe (25.6.2020)

Im Prozess gegen den ehemaligen SS-Wachmann Bruno D. vor dem Hamburger Landgericht hat die Staatsanwaltschaft am Montag drei Jahre Haft für den 93 Jahre alten Mann gefordert. D. war im Alter von 17 bzw. 18 Jahren im Konzentrationslager Stutthof im Einsatz. Die Anklage wirft ihm Beihilfe zum Mord in 5.230 Fällen vor. Der Fall wird vor der Jugendstrafkammer verhandelt, weil der Beschuldigte zur Tatzeit noch ein Jugendlicher war. Bei einer Verurteilung würde er nach Jugendstrafrecht bestraft.

In seinem Plädoyer sagte Staatsanwalt Lars Mahnke am Montag laut dpa-Meldung, D. habe gewusst, was in der Gaskammer des Lagers bei Danzig (heute Gdansk) passierte und dass Menschen im Krematorium erschossen wurden. Er habe den Genozid der Nazis an den Juden als Unrecht erkannt. »In einer solchen Situation muss Schluss sein mit der Loyalität gegenüber Verbrechern«, so der Staatsanwalt. Der Angeklagte hätte vom Wachturm herabsteigen, sein Gewehr abgeben und erklären müssen, dass er nicht mehr könne, und sich zum Dienst in der Wehrmacht melden, sagte Mahnke. Der Angeklagte habe statt dessen weggeschaut, erklärte der Staatsanwalt laut NDR-Bericht weiter. In einer »Mordmaschine« wie dem KZ genüge es nicht, sich einfach wegzudrehen. Das Urteil in dem Verfahren müsse auch ein Signal sein, dass ein solches Unrecht nicht verjährt. Nach den Plädoyers der Nebenklägervertreter und des Verteidigers soll das Urteil am 23. Juli gesprochen werden.

Bruno D. soll laut Anklage »die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge unterstützt« haben. Zu seinen Aufgaben im KZ Stutthof habe es gehört, die Flucht, Revolte und Befreiung von Gefangenen zu verhindern. Zum Auftakt des Verfahrens im Oktober vergangenen Jahres hatte der 93jährige eingeräumt, er sei 1944 zur Wehrmacht eingezogen worden. Weil er nicht frontverwendungsfähig gewesen sei, habe man ihn zum Wachdienst nach Stutthof abkommandiert, gab der Angeklagte an. Die SS-Uniformjacke habe er nach der Rückkehr von einem Krankenhausaufenthalt anziehen müssen. Er habe viele Leichen in dem KZ gesehen, selbst aber nie von seiner Waffe Gebrauch gemacht.

Der Prozess begann 74 Jahre nach den Mordtaten im KZ Stutthof. Hintergrund war eine Änderung in der Rechtsprechung bezüglich Nazi-Verbrechern. 2011 wurde John Demjanjuk, ein ehemaliger Wachmann im deutschen Vernichtungslager Sobibor, wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 28.000 Fällen verurteilt – ohne dass ihm eigenhändige Mordtaten nachgewiesen werden konnten. Seither ermittelt die deutsche Justiz auch gegen Angehörige der Wachmannschaften anderer Konzentrations- und Vernichtungslager, auch wenn sie nicht persönlich für einzelne Tötungen verantwortlich sind. Hintergrund ist, dass die Wachleute durch ihren Dienst auch die Mord- und Vernichtungsaktionen in den Lagern unterstützt haben. Die Staatsanwaltschaft Hamburg wirft D. deshalb vor, als »Rädchen der Mordmaschinerie« dazu beigetragen zu haben, dass die von der Naziführung angeordnete »Endlösung der Judenfrage« im KZ Stutthof umgesetzt werden konnte.

Anfang Februar hatte ein ehemaliger Häftling des KZ ausgesagt. Begleitet wurde der 92jährige Franzose von Beate Klarsfeld, die als »Nazijägerin« bekannt geworden war. Sie erklärte, dass der Hamburger Prozess vor allem für heutige Jugendliche von Bedeutung sei. Schließlich gebe es heute wieder gesellschaftliche Gruppen, die den Holocaust leugnen würden. Es sei wichtig, dass Jugendliche durch Prozesse wie den gegen Bruno D. erfahren, was im deutschen Faschismus geschehen ist.

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Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus H. ( 7. Juli 2020 um 13:08 Uhr)
    Ja, der ultraantilinke SPD-Bundeskanzler Schmidt war auch SS-Mann.
    Von Reue keine Spur – die ganze Generation, alle »Betroffenen« fast.
    Das merkt man bei den Nichtprozessen viel, viel mehr!

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