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Aus: Ausgabe vom 09.07.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Private Equity

»Beschäftigte haften für die Risiken«

Spekulanten ziehen Gewinne aus Unternehmen. Pleitewelle nach Coronakrise droht. Ein Gespräch mit Christoph Scheuplein
Von Simon Zeise
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Arbeiter von Thyssen-Krupp protestieren gegen Kürzungspläne von Investoren (Duisburg, 3.12.2019)

Private-Equity-Fonds leben davon, Unternehmen billig zu kaufen und gewinnbringend weiterzuveräußern. Ist die Krise ein Fest für die Branche?

Viele Branchenexperten rechnen damit. Das Ausmaß ist noch überschaubar, weil die Bundesregierung einige Schutzmaßnahmen auf den Weg gebracht hat. Unternehmen haben Kurzarbeitergeld und Sonderkredite bekommen, die Insolvenzantragsfrist ist bis Ende September zum Teil ausgesetzt. Üblicherweise ist es so, dass Unternehmen, an denen Private-Equity-Fonds beteiligt sind, eine höhere Verschuldungsquote aufweisen als andere Unternehmen; besonders in den ersten zwei, drei Jahren nach der Übernahme. Der Investor erwirbt die Unternehmen nicht nur mit seinem Eigenkapital, sondern leiht sich zusätzlich bei Banken Geld, und diese Schulden werden auf das gekaufte Unternehmen überwälzt. Das heißt, die Gefahr, in einer Krise pleite zu gehen, ist höher. Ich gehe davon aus, dass es viele Pleiten geben wird. Die Folgen dürften im Herbst sichtbar werden.

Wer sein Geld aufs Sparbuch trägt, bekommt keine Zinsen. Warum werfen Private-Equity-Fonds so hohe Renditen ab?

Die jährliche Rendite der in Deutschland tätigen Fonds lag in den vergangenen Jahren durchschnittlich zwischen 14 und 18 Prozent. Es gibt viele Hebel zur Wertsteigerung. Der erste ist, dass Fonds versuchen, die gekauften Unternehmen zu einem höheren Preis wieder zu verkaufen. Zum Beispiel kann hierzu ein Teil der Belegschaft entlassen werden. Zweitens gibt es das operative Geschäft, in Deutschland ist in der jüngeren Vergangenheit häufig das sogenannte Buy-and-Build-Verfahren angewendet worden. Das heißt, man erwirbt mehrere kleinere Unternehmen, integriert diese und baut so größere Firmen auf. Derzeit beobachten wir das sehr stark im Gesundheitssektor. Dort werden viele Pflegeheime zusammengekauft. Das könnten natürlich auch andere Unternehmen machen, aber der Vorteil von Private-Equity-Firmen ist, dass sie über viel Geld verfügen, und sie sind auf das Übernahmegeschäft spezialisiert. Drittens gibt es das »Financial Engineering«, bei dem z. B. »stille Reserven« aufgelöst und versilbert werden oder man sich Kredite zu besonders günstigen Konditionen besorgt. Und viertens gibt es viele steuerminimierende Kniffe. Wenn beispielsweise ein größeres Unternehmen in Deutschland von einer britischen Gesellschaft übernommen wird, fällt nicht eine, sondern gleich ein Dutzend Transaktionen an. Es wird eine Übernahmegesellschaft in Deutschland gegründet und verschiedene Gesellschaften in Luxemburg, die dabei helfen, die Gewinnabgaben in Deutschland zu senken. Die Gewinne fließen dann weiter an Steueroasen wie Jersey oder die Cayman Islands, auf denen der eigentliche Fonds angesiedelt ist. Von dort erhalten die Investoren, die in den Fonds eingezahlt haben, ihre Gewinne mit keinen oder wenigen weiteren steuerlichen Belastungen.

Stiften Private-Equity-Fonds volkswirtschaftlichen Nutzen, oder bereichern die Fonds sich nur an der Gesellschaft?

Man muss dazu sagen, dass die Branche vor allem in den klassischen finanzialisierten Ländern USA und Großbritannien großgeworden und dort weiter stark tätig ist. Dort ist die Kluft zwischen den Einkommensniveaus enorm. Der exorbitante Reichtum ermöglicht es Privatpersonen, Stiftungen oder Pensionsgesellschaften hohe Summen an den Finanzmärkten anzulegen. Das Kapital, das durch die ungleiche Verteilung freigelegt wird, will natürlich Anlagemöglichkeiten finden. Private Equity ist mit dem Siegeszug des Neoliberalismus in den 70ern großgeworden. Es gibt über ihren vermeintlichen Nutzen zahlreiche und unterschiedliche Studien, aber festhalten kann man sicherlich: Das einende Motiv, das die Fonds zusammenhält, ist die Rendite. Nach Deutschland sind sie in großem Stil erst gekommen, als die rot-grüne Regierung unter Kanzler Gerhard Schröder ihnen Möglichkeiten eröffnet hatte. Die Veräußerungsgewinne der Konzerne wurden damals für eine gewisse Zeit freigestellt.

Was blüht den Beschäftigten, wenn sich ein Fonds an ihrem Unternehmen beteiligt?

Unter dem Strich ist Private Equity eine Belastung, weil eingespielte Wertschöpfungsstrukturen zerrüttet werden, großer Druck auf die Unternehmen ausgeübt wird und weil die Unternehmen mit einer geringeren Eigenkapitalbasis zurückbleiben als vor der Übernahme. Die Gewinne der Unternehmen fließen ab. In der Coronakrise birgt das Gefahren. Wenn der Private-­Equity-Investor das Unternehmen mit Schulden kauft, verbleiben diese im Unternehmen. Der Investor kann in der Zwischenzeit Mittel aus dem Unternehmen, etwa in Form einer Sonderdividende, ziehen. Das heißt, das Risiko verbleibt beim Unternehmen, respektive bei einer Pleite bei den Beschäftigten, während der Investor nicht mal mit Verlusten aus der Beteiligung hervorgeht.

Christoph Scheuplein ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am »Institut Arbeit und Technik«, eine Einrichtung der Westfälischen Hochschule (Gelsenkirchen). Für die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung verfasste er u. a. den »Private-­Equity-Monitor«

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