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Aus: Ausgabe vom 01.07.2020, Seite 16 / Sport
Fußball

Gegen Sechzig ist auch geil

Die wilden Zweitligaminuten: Wie 33 Clubberer im Nürnberger Jagdstüberl in die Relegation einzogen
Von Pierre Deason-Tomory
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In die Relegation marschiert: Robin Hack (FC Nürnberg, r.) am Sonntag

Das Jagdstüberl in der Nürnberger Südstadt ist am Sonntag nachmittag ausgebucht. Gezeigt wird das Club-Spiel bei Holstein Kiel, es geht für uns um Verbleib in der Zweiten Liga oder Relegation. Ich bin schon durchgeschwitzt, als ich die Kneipe betrete, es ist schwül. Drinnen sitzen 30 Männer und drei Frauen. Alles »Almans«, die Wirtsleute sind Griechen, wo die Türken gucken, weiß ich nicht.

Ich sitze am Tisch neben einem 55er-Jahrgang mit Schnauzer, der schon alles gesehen hat. Er war im selbstgenähten Max-Morlock-Trikot im Stadion, als der 1. FC Nürnberg 1962 zum achten Mal deutscher Fußballmeister wurde. Er hat seitdem die neunte Meisterschaft erlebt und zehn Abstiege.

Heute geht es darum, dass es nicht elf werden. Die Ausgangslage ist übersichtlich: Wenn man gewinnt, ist alles gut. Spielt der Club nur Unentschieden und gewinnt der KSC nebenan bei der verfeindeten Spielvereinigung in Fürth, dann muss er in die Relegation.

Nach dem Anpfiff wird es still im Jagdstüberl. Alle gucken skeptisch – da gibt es eine Ecke für Nürnberg: Patrick Erras schraubt sich in die Luft und köpft ein! Verhaltener Jubel, der dann doch laut wird, als der Sky-Reporter das 1:0 für Fürth gegen den KSC meldet. Beängstigend. Keine drei Minuten vorbei, und es kann nur schlechter werden.

In der 17. Minute fast der Ausgleich, Club-Keeper Christian Mathenia pariert souverän. Mathenia ist der am häufigsten von insgesamt sechs (!) in dieser Saison eingesetzten Einsern beim 1. FCN. Warum sechs? Weil wir der Club sind. Im Herbst im DFB-Pokal in Kaiserslautern musste sogar Rechtsverteidiger Enrico Valentini die Handschuhe anziehen. Und hat beim Elfmeterschießen sechsmal daneben gelangt.

Der Club ist ein Verein, der noch nicht an Investoren leidet, sondern an Tradition, Ruhm und Provinzdeppen in der Führungsetage. Und der mit Valentini einen eingeborenen Nürnberger im Kader hat. Er ist hier gleich nebenan in Zabo aufgewachsen, am östlichen Rand der Stadt, wo der Club seit 107 Jahren seine Wunder vollbringt. Klein-Enrico hat schon als Vierjähriger für den Legendären gespielt. Warum? Weil wir der Club sind.

22. Minute. 33 strenge Beobachter sehen murmelnd der eigenen Elf dabei zu, wie die die Kieler beim Stürmen stört. Draußen kracht ein Gewitter herunter. Der Reporter, der so ähnlich heißt wie Topsy Küppers, meldet den Ausgleich für den KSC in Fürth. Oh Gott. Noch ein Tor für Karlsruhe und eins für Kiel und der Club muss relegieren. Kiel rennt weiter an, Nürnberg putzt aus und Mathenia fängt, was durchkommt. 45. Minute: Freistoß für Nürnberg! Jetzt ein 2:0 und die Sache ist – Latte.

Halbzeitpause. Draußen rauchen 15 Männer, das Gewitter ist vorbei, die Sonne sticht, die nasse Straße dampft. Ein älterer Runder im Club-Trikot sperrt sein Fahrrad auf und fährt in Schlangenlinien davon. Ich gehe ein Stück den Gehsteig nach links, damit die anderen nicht riechen, was ich rauche. Aber der Wind weht in die falsche Richtung, alle glotzen sofort.

Drinnen verspeist mein Tischnachbar eine riesige Currywurst mit Pommes und orakelt: »Ich glaub’, im näxten Jahr gibt’s in der Dritten: Bundesligagründungsmannschaften gegen DDR-Oberlicha. Ah ned schlecht.« (inkl. TSV 1860 München, d. Red.)

In Halbzeit zwei laufen die Kieler unverdrossen das Nürnberger Tor an, der Club versucht es nicht über die Mittellinie. »Des wöd’ sich noch rächen«, sagt der Nachbar, der Reporter im Fernsehen sagt dasselbe. In der 50. Minute fängt Mathenia den Ball und legt ihn einem Kieler auf, der ihn erschrocken neben den Pfosten schiebt. Kurz darauf faustet er einen Freistoßhammer über die Latte. In der 61. wird die Führung der Karlsruher in Fürth mitgeteilt, es raunt im Raum, jetzt bloß nicht das Tor kriegen!

Dann wird es still im Stüberl. In der 66. Minute wird ein Kieler Schuss von der Nürnberger Linie gekratzt, im Gegenzug ein schneller Konter, Michael Frey steht frei, wird aber nicht angespielt, die Kieler kommen zurück und –

machen
das
scheiß
Tor.

Ich gehe raus, eine Zigarette rauchen. Die Sonne lacht respektlos, und die nassen Bäume weinen leise.

Am Ende erlebe ich meine wildesten zehn Minuten Zweite Liga ever, es geht hin und her, Bälle knallen an Pfosten und werden über der Linie weggehauen, die Fans stehen verzweifelt auf und setzen sich wieder, Arme rudern durch die Luft, es stöhnt und grunzt – dann ist es vorbei.

So wie immer halt. Weil wir der Club sind.

Am Montag hat der Club Cheftrainer Jens Keller entlassen, die Relegationsspiele werden am 7. und 11. Juli ausgetragen.

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